Hausschlachterei Pußack

Made in Bassum

Fleisch-Großkonzerne sind in der Kritik. Durch Skandale ist das Vertrauen vieler Konsumenten verloren gegangen. Eine Alternative sind regionale Betriebe. Das Ehepaar Pußack betreibt einen solchen.
13.11.2020, 18:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Yannik Sammert
Made in Bassum

Der Verkauf im Hofladen ist eher ein Nebenverdienst. Haupteinnahmequelle sind die Wochenmärkte.

Fotos: Michael Galian

Bassum. Wochenmärkte sind im Trend. Zunehmend mehr Konsumenten kaufen bewusst ein und legen Wert auf regionale Produkte. Genau diese bieten die Eheleute Gerd und Monika Pußack jedes Wochenende auf den Märkten in Bassum, Brinkum, Weyhe und Ganderkesee an. Die beiden bringen Fleisch und Wurstwaren aus Schwein an die Kundschaft.

„Viele Leute kaufen inzwischen lieber bei kleinen Betrieben als beim großen Supermarkt ein. Wir haben einen großen Kundenstamm“, bestätigt Monika Pußack die Entwicklung. Als Grund dafür sieht sie unter anderem die Skandale der Großbetriebe. So sind es längst nicht mehr nur die „Rentner, die sich auf dem Markt treffen und glücklich sind, dass es so etwas gibt“. Sie erkennt: „Auch immer mehr junge Leute wollen bewusst leben.“

Ihr Mann ergänzt: „Selbst wenn Veranstaltungen, die wir sonst beliefert haben, nicht mehr stattfinden, war Corona für uns wirtschaftlich eher positiv.“ Viele Menschen sind im Sommer nicht verreist. Dadurch fiel das sonst übliche Sommerloch weg. Es wurde weiter eingekauft. „Viele Kunden sind seit der Pandemie auch treuer geworden, kommen also regelmäßiger“, erzählt Monika Pußack.

Das Ehepaar ist nicht nur auf den Märkten unterwegs, sondern betreibt zudem einen Hofladen an der Bassumer Straße Groß Hollwedel. Nichtsdestotrotz sind die Märkte das Kerngeschäft. Ihre Preise unterscheiden sich nach eigener Aussage nicht wesentlich zu denen im Supermarkt. Dies erklärt die Fleischwarenverkäuferin: „Leute sagen, wir könnten mehr nehmen. Aber das müssen wir nicht. Denn die Marktstandgebühren sind gering und wir haben keine Lohnkosten.“ Die zwei führen den Hof allein.

Keine Massentierhaltung

50 bis 75 Schweine haben sie in der Regel in ihrem Stall. Die Tiere sind nur für die eigene Verarbeitung vorgesehen. Es handelt sich also um keinen Großbetrieb oder um Massentierhaltung. Montags werden Schweine zum Unternehmen Alfred Pleus gebracht. Dort werden die Tiere geschlachtet und anschließend mit einem Kühltransporter zurück zu den Pußacks gebracht. Das Ehepaar verarbeitet die toten Tiere dann zu Endprodukten. Auch für andere Landwirte übernehmen sie diese Tätigkeit, was ungefähr 30 Prozent der Gesamtverarbeitungen ausmacht.

„Weitere Anfragen mussten wir ablehnen, denn wir schaffen nicht mehr. Wir sind voll ausgelastet“, skizziert der Selbständige. Seine Gattin ergänzt: „Manchmal arbeiten wir von halb vier nachts bis halb sieben abends. Mehr geht nicht.“ Trotz all der Anstrengungen ist das Geschäft keine Goldgrube. „Es reicht aber zum Leben“, stellt Gerd Pußack klar.

Bio sind die Schweine nicht. Dennoch betont seine Ehefrau: „Wir behandeln die Tiere wie unsere Kinder.“ Nimmt es die beiden mit, dass sie die Schweine erst großziehen, dann töten lassen und schließlich aus ihnen Ware machen? „Für mich ist das der Lauf der Dinge. Man muss für den Beruf geboren sein“, sagt Gerd Pußack. Zudem habe er das „von klein auf kennengelernt“. Denn bereits sein Großvater und Vater führten den Betrieb.

1980 startete Schlachtbetrieb

Im Jahr 1935 kaufte sein Opa das heutige Grundstück, baute dort ein Haus und wurde Landwirt. Er beackerte Felder. Darüber hinaus fuhr der Großvater zu anderen Bauern und schlachtete für sie. „Denn viele wollten das nicht selbst machen“, erläutert der Enkel. 1980 eröffnete die Familie dann einen Schlachthof. Knapp zehn Jahre später wurde der Bereich vergrößert und eine Kühlzone entstand. Von nun an konnte auch im Sommer geschlachtet werden.

Noch bis 2010 schlachtete Gerd Pußack selbst. Doch eine EU-Verordnung veränderte das. Es wurden einheitliche Standards geschaffen, die festlegten, wie die Schlachtungen abzulaufen haben. Beim Bassumer Unternehmen wären ein zusätzliches Kühlhaus und ein Verwaltungstrakt notwendig geworden. „Ich hätte also eine Menge Geld investieren müssen. Aber da ich keinen Nachfolger für meinen Betrieb habe, entschied ich mich dafür, das Schlachten einzustellen“, erklärt Pußack. Denn die Söhne haben beruflich andere Wege eingeschlagen.

„Damals ist mir das Aufhören schwer gefallen und ich fand es sehr schade“, gesteht er. Aber der Bassumer ergänzt: „Heute bin froh, dass es so gekommen ist. Denn das Schlachten war eine sehr anstrengende Arbeit. Mit zunehmendem Alter wird man wohl zum Glück gezwungen.“ Im nächsten Jahr werden sowohl Gerd als auch Monika Pußack 60.

Wann wollen sie in den Ruhestand gehen? „Unser Fernziel ist das Jahr 2030“, betont Gerd Pußack. Dann feiert der Betrieb fünfzigjähriges Jubiläum. Der Unternehmer fügt an: „Es ist aber die Frage, ob man das körperlich und gesundheitlich schaffen kann.“ Seine Ehefrau ist sich sicher, dass zumindest danach nichts mehr geht. „2030 sind wir 70. Länger will ich nicht im Wagen stehen, sonst muss ich da noch reingetragen werden“, sagt sie und lacht.

Familiäres Miteinander

Aktuell fährt die gelernte Fleischfachverkäuferin allerdings noch sehr gerne auf die Märkte und das immer sehr früh morgens. „Ab sechs Uhr bin ich da und um halb sieben mache ich die Klappe hoch.“ Den Alltag mit den anderen Standbetreibern beschreibt sie so: „Wir sind wie eine Familie.“ Für die Bassumerin gehört auf dem Wochenmarkt mehr dazu, als nur Ware zu verkaufen. Sie betont: „Man ist auch Beichtvater, denn man hört etwas und erzählt es nicht weiter.“

Zur Kundschaft hat die bald 60-Jährige ein ausgezeichnetes Verhältnis. Besonders gern erinnert sie sich an einen Markttag, an dem sie sich mit einem Messer schnitt. Erst einmal ein unerfreuliches Ereignis, aber: „Eine Kundin ist zur Apotheke gerannt, eine andere hat dafür gesorgt, dass der Stand zugemacht wird. Auf dem Märkt herrscht ein tolles Miteinander, ein Geben und ein Nehmen.“ Schön sei es auch die Entwicklung von einzelnen Kunden zu sehen. „Manche waren erst im Kinderwagen auf dem Markt, dann haben sie uns Bilder gemalt und jetzt kommen sie mit ihren eigenen Kindern.“

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