Purzelbaum Bassum

Ein Nachmittag beim Purzelbaum

In seiner Praxis für Heilpädagogik und Inklusion kümmert sich Michael Werring um Kinder mit Entwicklungsverzögerung. Der fünfjährige Sascha kommt jeden Donnerstag beim Purzelbaum vorbei.
30.03.2020, 17:37
Lesedauer: 4 Min
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Von Ilias Subjanto
Ein Nachmittag beim Purzelbaum

An der Kletterwand trainiert Sascha Bewegungs- und Handlungsplanung.

Fotos: Michael Galian

Bassum. Saschas Blick ist auf das Spielfeld gebannt. Die linke Hand des Fünfjährigen befindet sich unter dem Spielbrett. Dort schiebt er einen Magneten herum, mit dem er eine Figur auf dem Spielfeld bewegt.

„Bereit?“, fragt Michael Werring. „Bereit“, antwortet Sascha, und schon rollt eine kleine Plastikkugel aufs Feld, und die beiden Spieler versuchen, das Kügelchen möglichst geschickt ins gegnerische Tor zu befördern. Tischfußball ist eines von zahlreichen Spielen, die der Heilpädagoge Werring in seiner Praxis Purzelbaum in Bassum für die Kinder bereithält.

Im Rahmen der heilpädagogischen Frühförderung kümmert Werring sich um Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung, einer Entwicklungsstörung oder einer Verzögerung der Sprachentwicklung. Sascha sieht er zweimal in der Woche für jeweils eine Stunde: Dienstags fährt der Heilpädagoge zu ihm nach Hause, donnerstags treffen sie sich in der Purzelbaum-Praxis.

„Oh nein“, ruft Werring und lacht. „Tooor!“, jubelt Sascha, der die Kugel in Werrings Tor bugsiert hat. „Beim Tischfußball werden Auge-Hand-Koordination, Feinmotorik und räumliche Wahrnehmung gefördert“, erläutert der Heilpädagoge. Auch gehe es um Konzentrationsfähigkeit; zu Beginn von Saschas Betreuung im vergangenen Jahr sei an eine Partie Tischfußball noch nicht zu denken gewesen. „Da hat Sascha sich prima entwickelt“, freut sich Werring.

5:3 für Sascha endet die Tischfußball-Partie. „Noch eine Runde?“, fragt der Fünfjährige gespannt. „Lass uns lieber eine Partie 'Max Mäuseschreck' spielen“, sagt Werring. Flugs holt der Junge das Brettspiel aus dem Schrank und baut es auf dem Tisch auf.

Regeln einhalten, abwarten, zählen – das Brettspiel fordert Kindern Dinge ab, die für viele Fünfjährige normal erscheinen und die Sascha sich erst mühsam aneignen musste. „Am Anfang hat Sascha selbst einfache Spielregeln nicht verstanden, er konnte keine Zusammenhänge herstellen“, berichtet Werring. Mittlerweile seien beim Spielen kaum mehr Unterschiede zu gleichaltrigen Kindern zu erkennen.

Besonders froh über die Fortschritte ist Anna Schoof, Saschas Mutter. „Die Erzieherinnen haben Defizite in Saschas Entwicklung erkannt“, erzählt Schoof. Das Gesundheitsamt habe daraufhin eine heilpädagogische Frühförderung empfohlen.

Werring bestätigt die Einschätzung der Erzieherinnen. „Im Kindergarten hat er meist für sich alleine gespielt und kaum Kontakt mit anderen Kindern aufgebaut. Auch eine Interaktion mit ihm war schwierig“, erinnert er sich.

„Damals hat Sascha sich viele Dinge nicht zugetraut“, sagt Schoof, er habe große Probleme mit der Grob- und Feinmotorik gehabt. Seither habe sich viel getan: Ihr Sohn könne nun viel besser das Gleichgewicht halten, habe das Fahrradfahren erlernt und sei allgemein deutlich selbstbewusster geworden. Dazu beigetragen habe sicherlich auch das therapeutische Klettern, findet Schoof.

Dafür hat Werring in seiner Praxis eigens einen Raum mit Kletterwänden eingerichtet. Nach der Partie 'Max Mäuseschreck', die Sascha ebenfalls für sich entscheiden konnte, betreten sie diesen Kletterraum, der fast ein wenig aussieht wie eine Miniatur-Kletterhalle. „Es geht darum, die Komfortzone zu verlassen, einen Spannungsbogen aufzubauen und die Kinder an neue Dinge heranzuführen“, erklärt der Heilpädagoge. Spielen sei ja schließlich auch Motivation, ergänzt er.

Für Sascha steht nun die „Schatzsuche“ auf dem Programm: Werring hat im Kletterraum drei funkelnde Steinchen versteckt, die der Fünfjährige ausfindig machen muss. „Kalt, wärmer, warm. Hier sieht es gut aus“, lotst Werring den Jungen an die richtige Wand. Vorsichtig erklimmt Sascha die Kletterwand und hält nach dem „Schatz“ Ausschau.

„Hier geht es um Bewegungs- und Handlungsplanung sowie Auge-Hand- und Auge-Fuß-Koordination“, sagt Werring, während er Sascha beim Klettern sichert. Dass ihr Sohn in der Frühförderung stets zu 100 Prozent im Mittelpunkt steht, findet Anna Schoof gut. „Im Kindergarten tanzt Sascha den Erzieherinnen manchmal auf der Nase herum“, berichtet sie. Bei Werring hingegen achte er auf die Einhaltung von Grenzen und Regeln.

„Beziehung und Erziehung gehören zusammen“, erläutert der Praxis-Inhaber. Als Erstes versuche er immer, eine gute Beziehung zum Kind aufzubauen. „Ohne gute Beziehung kann ich ein Kind nicht 'ziehen'“, fügt er hinzu.

Kurze Zeit später hat Sascha im Kletterraum alle „Edelsteine“ gefunden und darf sie behalten. Nach einer Runde Luftballon-Tennis ist die Stunde Frühförderung auch schon wieder vorbei. Saschas Augen glänzen. Er hat an diesem Nachmittag wieder viel Spaß gehabt.

Im Sommer endet die heilpädagogische Frühförderung für den Fünfjährigen. Dann sollte Sascha eigentlich zur Grundschule gehen, doch Werring rät, die Einschulung um ein Jahr zu verschieben und ihn im Kindergarten in einer integrativen Gruppe unterzubringen. In diesen verkleinerten Kindergartengruppen werden die Kinder durch eine heilpädagogische Fachkraft zusätzlich gefördert.

Schoof stimmt ihm zu. So könnten die Defizite ihres Sohns bis zur Einschulung weitestgehend behoben werden, hofft sie. Dass Sascha in der Schule wegen möglichen Defiziten zum Mobbingopfer werden könnte, wie seine Mutter befürchtet, glaubt Werring nicht. „Der Junge hat sich in der Frühförderung enorm entwickelt“, lobt der Heilpädagoge. Saschas ehemals limitierter Wortschatz habe sich bedeutend erweitert, auch habe er sich ein stärkeres Selbstwertgefühl aufbauen können.

Anna Schoof hat die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern die Möglichkeiten der heilpädagogischen Frühförderung überhaupt nicht kennen. Teilweise habe es in ihrem Umfeld sogar Vorbehalte gegeben, die Schoof erst wortreich habe ausräumen müssen. Ein ebenfalls relevanter Punkt: Die Frühförderung bei Michael Werring ist für Schoof kostenlos, die Kosten übernimmt der Landkreis im Rahmen der Eingliederungshilfe nach den Bestimmungen des Sozialgesetzbuches.

Für Saschas Mutter steht daher fest: „Zum Purzelbaum zu gehen, war eine gute Entscheidung.“

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