Puppendoktor

Herr Doktor, bitte in den OP

Oliver Popp ist der Arzt, dem die Puppen vertrauen. Er setzt die Lieblinge von Oma und Enkel wieder zusammen und repariert fast alles. Seit 25 Jahren ist er Puppendoktor. Seit drei Jahren wohnt er in Bassum.
14.01.2020, 17:00
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Herr Doktor, bitte in den OP
Von Tobias Denne
Herr Doktor, bitte in den OP

Besuch in der Werkstatt von Oliver Popp: Der Puppendoktor hat vor Ort alles, was er zum Reparieren und Modellieren braucht. Seit 25 Jahren ist er aktiv.

Fotos: Vasil Dinev

Bassum. Es ist dunkel in der Diele. Nur wenig Licht scheint durch das Gebäude auf dem Bauernhof in Bassum. In Kisten hat Oliver Popp zahlreiche kleine Körper, Köpfe, Arme, Beine und Kleider fein säuberlich sortiert. Nebenan hat er seine Werkstatt. „Es standen schon viele Leute mit strahlenden Augen vor mir und freuten sich“, erzählt Popp. Der Bassumer ist der Puppendoktor und kümmert sich um die großen und kleinen Lieblinge von Oma und Enkel.

Wenn Kunden Popp um Hilfe bitten, dann können mal ein paar Finger fehlen oder der ganze Kopf ist zerstört. Stück für Stück setzt der gebürtige Bremer dann die Einzelteile wieder zusammen. „Teilweise ist das eine Etappenarbeit. Ich setze ein Stück wieder rein und klebe das fest. Ich muss warten, bis der Kleber ausgehärtet ist, sonst würde ich das erste Teil direkt wieder verschieben. Manchmal habe ich drei, vier Arbeiten hier liegen und mache das nacheinander“, berichtet Popp. Die Liebe zum Detail stellt ihn bei seiner Arbeit vor gewisse Herausforderungen. „Ich kann richtig versinken, wenn ich einmal dransitze. Aber an manchen Tagen klappt es einfach nicht. Ich setze mich ran und merke, dass es heute nicht geht. Dann lasse ich es lieber, bevor ich etwas kaputtmache“, gibt er zu.

Solche aufwendigen Kopf-Arbeiten macht er nur noch selten. „Du musst den Kopf zum Beispiel fein ausspachteln und schleifen. Dann kommen die Farbarbeiten. Das Ganze ist aufwendig und teuer“, sagt er. Da kommen die Ersatzteile aus der Diele ins Spiel, die Popp sammelt, kauft oder von Kunden angeboten bekommt. So kommt er auch an die Kleidung der Puppen, damit die Lieblinge auch richtig angezogen werden können. „Es kommen immer wieder Puppen, bei denen ein Teil fehlt. Dann willst du die Teile auch genau ersetzen, und dafür hat meine Mutter schon vor rund 40 Jahren angefangen, Puppenteile zu sammeln. Wir machen das auch schon 25 Jahre“, rechnet der Bassumer nach. Wir, das sind er und seine Frau Kornelia.

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Foto: Vasil Dinev

Popp holt von seiner Werkbank eine Puppe, der drei Finger fehlen. „Irgendwann wird das Material poröser und der Arm kann schon mal brechen beim Anziehen. Ich seh' zu, dass ich das wieder zusammenbaue oder austausche“, berichtet er. Manche wollen, dass die Finger repariert werden, weil sie keinen anderen Arm bei ihrer Puppe, mit der sie als Kind gespielt haben, haben wollen. „Ich suche mir einen identischen Arm und säge die Finger raus und setze sie bei der Puppe vom Kunden ein“, erzählt Oliver Popp.

Er selbst kümmert sich um die Reparaturen. Das Nähen und die Haare, das ist das Gebiet von seiner Frau Kornelia. Sie ist Friseurin. „Bis vor einem Jahr hat meine Schwiegermutter die Näharbeiten noch gemacht. Mit ihren 92 Jahren war sie eine von der alten Schule und hatte eine richtig ruhige Hand. Leider ist sie ganz abrupt gestorben. Wir können sie nur ganz schwer ersetzen“, räumt Popp ein, der sich das Handwerk autodidaktisch beigebracht hat. Schließlich ist Puppendoktor kein Lehrberuf. „Du brauchst Gefühl, handwerkliches Geschick, Feingefühl und man muss sich mit den Materialien auseinandersetzen“, zählt er auf. Popps Arbeit wird aber zunehmend schwerer. „Ich bin noch einer der jüngeren Puppendoktoren, aber die Arbeit stirbt langsam aus, weil du die neueren Sachen nicht mehr reparieren kannst“, weiß der Experte, dessen Kunden immer wieder Eltern sind, die ihre Puppen an ihre eigenen Kinder vererben wollen.

Bis vor drei Jahren waren er und seine Frau noch in Bremen am Dobben im Antik-Geschäft aktiv und wohnten in der Hansestadt. „Meine Mutter hat schon früher auf Flohmärkten alte Sachen gekauft und dann am Dobben einen Laden eröffnet, den wir weitergeführt haben“, sagt der 58-Jährige. Er hatte das Geschäft von seiner Mutter übernommen, als diese schwer krank wurde. „Geplant war das nicht, aber ich musste mich um ihren Laden kümmern und es war klar, dass ich ihn übernehme, wenn sie aufhört“, sagt Popp, der mit seiner Frau Kornelia 2016 nach Bassum zog. Sie fühlen sich wohl in der Lindenstadt, wobei er betont: „Ich bin ein Bremer Jung.“ Das Antik-Geschäft hat das Paar aufgegeben, eine Annahme- und Abholstelle gibt es dort dennoch.

Nichts für schwache Neven: Wenn Oliver Popp die Puppen reparieren will, braucht er auch Ersatzteile. So liegen auch mal Paare voller Augen herum (linkes Bild). Für die Kleidung und die Haare (rechtes Bild) ist seine Frau Kornelia zuständig.

Nichts für schwache Neven: Wenn Oliver Popp die Puppen reparieren will, braucht er auch Ersatzteile. So liegen auch mal Paare voller Augen herum (linkes Bild). Für die Kleidung und die Haare (rechtes Bild) ist seine Frau Kornelia zuständig.

Foto: Vasil Dinev

Auch wenn das Hauptgeschäft nun nicht mehr in Bremen steht, Kornelia und Oliver Popp machen weiter. Sicher geht es auch ums Geld, aber manches kann man einfach nicht mit Geld bezahlen, weiß der 58-Jährige: „Wir machen die Leute glücklich. Von der ganz alten Oma bis zu den Kindern.“

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