Dorfladen Bothe Zeit für einen Schnack gibt’s immer

Der Dorfladen von Renate Bothe in Neubruchhausen versorgt seit Jahren die Menschen im Ort mit den wichtigsten Lebensmitteln. Ursprünglich sollte es ein kleiner Hofladen sein, schnell wurde mehr draus.
27.03.2021, 07:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Richard Reiners

Es ist Freitagnachmittag. Renate Bothe hat ihre Mittagspause beendet und dreht um 15 Uhr den Schlüssel im Schloss ihrer aus Mahagoniholz gefertigten Eingangstür zu ihrem Dorfladen um. Es ist jene Tür, die erst im Oktober 1998 in die Außenwand zur Hallstedter Straße in das Gebäude eingebaut wurde, hinter der im November desselben Jahres ein Dorfladen eingerichtet und eröffnet werden sollte. „Im Spätsommer dieses Jahres hatte das Kaufhaus Segelke, die bis dahin letzte Bastion örtlicher Versorgungsmöglichkeiten in Neubruchhausen, das Geschäft für immer geschlossen“, erinnert sich Renate Bothe. Erst als sie sich bei der Familie Segelke rückversicherte, ob es jemand aus der Familie weiterführen wollte und dies nicht der Fall war, begann die Familie Bothe mit den Gestaltungsplänen.

Es war die Historie der Familie Bothe, die den Ausschlag für die Einrichtung eines Dorfladens gab. Die im Dorf besser als „Hühner Bothe“ bekannte und liebevoll genannte Familie betrieb bis dahin eine jahrzehntelange generationsübergreifende Geflügel-, Hähnchenzucht- und Eierwirtschaft. "Hier, wo jetzt der Kassenbereich ist, stand die große Eiersortiermaschine, die nach Größe und Gewicht die Eier in Zehner- und Dreißiger-Packen sortierte“, erinnert sich Renate Bothe. Ihr Schwiegervater, Heinrich Bothe sen., fuhr zwei Mal wöchentlich nach Bremen und belieferte seine Stammkunden.

Die in Dorsten in Westfalen geborene Renate besuchte 1978 mit ihrer Familie ihren Großonkel in Hallstedt, der sie mit zum Schützenfest nahm, auf dem sie ihren jetzigen Mann Heinrich Bothe kennenlernte – 1987 zog sie nach Neubruchhausen. „Eier hatten wir also, Kartoffeln aus eigener Landwirtschaft auch. Deshalb dachten wir zunächst nur in der Kategorie kleiner 'Hofladen' mit wenigen Ergänzungssortimenten“, so die Inhaberin, „schnell aber fragten die Kunden nach Artikeln für den täglichen Bedarf, und so nahm die Entwicklung ihren Lauf“. Auf anfänglich knapp 50 Quadratmetern folgten einige Jahre später, als im Ort der Getränkemarkt Steding seine Pforten schloss, weitere zehn Quadratmeter, um auch dieses Sortiment abzudecken.

An diesem Nachmittag kommen die ersten Kunden in den kleinen Dorfladen. Jetzt, zu Pandemiezeiten, dürfen nur vier Personen gleichzeitig den Laden betreten und müssen einen Einkaufskorb zur Hand nehmen. Mit dem kommt Bernd Günnemann aus Neubruchhausen nicht aus. Sein vollgeschriebener DIN-A6-Einkaufszettel füllt zwei prall gefüllte Einkaufskörbe. „Der Dorfladen ist für Neubruchhausen von immenser Wichtigkeit. Deshalb kaufe ich soviel wie möglich vor Ort“, sagt er. Also mehr als nur ein Lückenfüller zu den großen Märkten und Discountern? „Ja“, sagt Günnemann, „außerdem kann ich aufgrund des kurzen Anfahrtsweges auch noch etwas zum Klimaschutz beitragen.“

Im Gegensatz zu den marktwirtschaftlich ausgerichteten und durchgetakteten Kassenzonen in den Supermärkten, wo nicht einmal mehr Platz für das Abstellen einer Handtasche vorhanden und kaum noch Kommunikation möglich ist, findet sich im Dorfladen von Renate Bothe immer Zeit für einen Klönschnack.

Mechthild Becker hat sich für ein paar Wurstprodukte von der Schlachterei Behrens aus Twistringen, von der Renate Bothe beliefert wird, entschieden. „Von der Schlachterei beziehen wir auch unsere Fleischprodukte, sie sind von hoher und regionaler Qualität“, so Becker. Nebenbei tauscht sie sich noch über ein Kuchenrezept mit der Inhaberin aus. Neben Behrens gehören der Hof Winte (Kartoffeln), die Hofkäserei Bünkemühle aus Warpe (Käseprodukte), die Bäckerei Meyer aus der Bassumer Kirchstraße (Brot und Brötchen), der Hof Struß in Ochtmannien (Eier von Hühnern mit Bodenhaltung) und der Pressedienst Nord, der sie mit Tageszeitungen und Illustrierten versorgt, zu den Zulieferern.

„Die große Herausforderung, meinen Laden mit dem richtigen Sortiment zu bestücken, ist der Einkauf. Der Großhandel hat sich vornehmlich mit der Bindung von großen Mindestabnahmemengen auf die Großfläche ausgerichtet“, erklärt Bothe die Problematik. So wurde sie jahrelang von der Edeka beliefert, die aber aufgrund von zu geringen Abnahmemengen die Belieferung vor einigen Jahren eingestellt hat. So fährt Renate Bothe wöchentlich zur Edeka-Tochter Mios. „Dort bekomme ich die gewünschten Mengen an Lebensmittel und Kosmetika. Alle zwei Wochen fahre ich zum Bremer Großmarkt und decke mich mit Obst, Gemüse und Blumen ein“, beschreibt sie ihren zusätzlichen Arbeitseinsatz zu den Ladenöffnungszeiten. „Meinen Stundenlohn möchte ich an dieser Stelle lieber nicht nennen, nur soviel: den Mindestlohn erreiche ich nicht“, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Es überwiegt aber die Freude, Inhaberin ihres kleinen Dorfladens zu sein, und die Frau aus Neubruchhausen ist nahezu glücklich über die Treue und die damit verbundene hohe Zahl der Stammkundschaft. „Es gibt Kunden, die spezielle Produkte wie Erdnussbutter oder Hafermilch ausdrücklich bei mir kaufen wollen, obwohl ich sie gar nicht im Sortiment habe. Dann besorge ich die Ware natürlich und bin ob solch enger Verbundenheit sehr gerührt'“, schwärmt sie. Ein festes Ritual sind die allwöchentlichen Sonnabendbestellungen von weiteren 30 Kunden, die in Form von kleinen Spickzetteln mit den Bestellungen an ihrer Pinnwand fixiert sind. „Hackepeter, Fleisch- und Geflügelsalate und Brötchen sind beliebte Wochenendprodukte“, weiß die Inhaberin zu berichten, „eine weitere Nische ist unser Lieferservice. Ab einem Warenwert von 15 Euro können sich Kunden ihre Bestellungen frei Haus liefern lassen“. So sind es Faktoren wie Nähe, Service, ein für ein Dorfladen ausgewogenes Sortiment und soziale Kontakte, die den Dorfladen zu einem ortsbildprägenden Element machen.

Renate Bothe geht in kleinen Schritten ihrem Rentenalter entgegen. Auf die Frage, wie es dann weitergeht, huscht ein kleines hoffnungsvolles Lächeln über ihre Lippen. Tochter Jennifer, werdende Mutter, zieht in den kommenden Monaten mit ihrer Familie in den oberen Teil ihres Elternhauses. Nach einer eigens für Neubruchhausen ausgerichteten internen Umfrage nach den Bedürfnissen im Bereich Nahversorgung kam heraus, das es durchaus etwas mehr „Erlebnis“ sein dürfe. „Flugs entwarf unsere Tochter eine Umgestaltungsskizze am Computer. So würde, im Falle einer Weiterführung, der neue Dorfladen ein kleines Café mit einer Art Lounge erhalten“, schwärmt Renate Bothe von dieser Idee.

Vielleicht nimmt dann in Neubruchhausen „Tante Emma 2.0“ seinen Anfang. Am 21. Januar 2016, während der Internationalen Grüne Woche, wurde die „Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden“ gegründet. Das Ziel: die Förderung von Initiativen zur Verbesserung der Nahversorgung insbesondere im ländlichen Raum. Vielleicht ein Anker für die Perspektiven und Zukunftspläne von Renate Bothe und Tochter Jennifer.

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