Wollzirkus

Der vergessene Alleskönner

Der erste Wollzirkus steigt in Bassum an der Freudenburg. Dort können die Besucher an einem Tag Kultur rund um den Rohstoff erleben, am anderen Tag bei der Verarbeitung zuschauen und sich informieren.
10.09.2020, 09:57
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Der vergessene Alleskönner
Von Tobias Denne
Der vergessene Alleskönner

Das wertvolle Gut: Susanne Schmid aus Osterbinde verarbeitet Schafsfelle. Das, was sie in der Hand hält, dauert knapp zehn Stunden.

Michael Galian

Bassum-Osterbinde. Susanne Schmid gibt zu: Den Plan für einen Wollzirkus hatte sie schon lange. „Ich bin ein paar Jahre mit der Idee schwanger gegangen“, erzählt die Frau aus Osterbinde. Als ihre Nachbarn Marcello Monaco und Daniela Franzen ein Zirkuszelt kauften, sagte sie sich: „Ich muss das machen.“ Gesagt, getan. Nun steigt der erste Wollzirkus auf dem Gelände der Freudenburg. Am Wochenende 19. und 20. September erwartet die Besucher ein buntes Treiben mit vielen Infos – und Kultur darf auch nicht fehlen.

Denn, was viele nicht wissen: Wolle wird in Niedersachsen als Sondermüll betrachtet. „Es ist schwer entflammbar und verrottet nicht“, erzählt Schmid. Daher müsse das Vlies aufwendig und teuer entsorgt werden. Ein Unding, wie die Osterbinderin findet. Immerhin gäbe es heute ohne Wolle keine Kleidung. Schon vor Jahrtausenden hat Wolle die Menschen gewärmt. „Heute wird die Herstellung der Kleidung nicht mehr gewürdigt“, bedauert Schmid angesichts der niedrigen Löhne. Dabei hat Niedersachsen doch so viele Schafe und dementsprechend so viel Wolle. Also dachte sie sich, dass ein Wollzirkus den Fokus auf das Material und das, was man aus Wolle eigentlich machen kann, gelegt werden soll.

Los geht es am Sonnabend, 19. September, um 19 Uhr. Dieser steht ganz im Zeichen von Kultur. So wird Jutta Schröder ihre Ausstellung eröffnen, Brigitta Wortmann wird „Märchen am Spinnrad“ präsentieren und es gibt die Lesung eines „literarischen Schäferstündchens“. Für Sonnabend müssen sich Interessierte wegen der begrenzten Teilnehmerzahl allerdings anmelden. Der Sonntag, 20. September, befasst sich von 11 bis 18 Uhr dann mit Wolle – in all seinen Facetten. Von einer Scher-Vorführung von Hobby-Scherer Slavko Janjatovic und Sohn Alexander über das Filzen und Spinnen bis hin zum Weben und Färben. Jeden einzelnen Schritt können die Besucher beobachten. Und vor allem: Die Wolle nach jedem Schritt auch kaufen. Alternativ gibt es unter anderem Stände mit selbst gemachten Schals und Socken. Ebenfalls gibt es Informationen zu „Wolle und Garten“, und eine Heilpraktikerin wird etwas über Heilwolle und Wollmatratzen erzählen.

Susanne Schmid hatte früher selbst Schafe. „Die ersten drei Jahre freut man sich über die Wolle. Aber: Was macht man damit?“, fragte sie sich irgendwann. Also fing sie an, die Felle zu bearbeiten und auf dem Weihnachtsmarkt in Brinkum zu verkaufen – „nachdem alle Kinder beschenkt waren“. Nach einem Zeitungsartikel im WESER-KURIER kamen Anfragen aus ganz Deutschland. Sechs Jahre ist das nun schon wieder her. Seitdem hat sie nach eigenen Angaben rund 500 Felle verkauft. „Eines dauert etwa zehn Stunden“, rechnet sie vor. Viel Arbeit. Deutlich schneller geht es am Sonntag auf dem Gelände der Freudenburg. Binnen weniger Meter können sich die Besucher die einzelnen Schritte genau anschauen und Fragen stellen. Aber nicht nur das: „Man kann das Handwerk an den einzelnen Stationen auch ausüben.“

Eigentlich sollte das Event in einem großen Zirkuszelt stattfinden. Jetzt werden viele kleinere aufgebaut. „Bei gutem Wetter werden die Zeltwände hochgeklappt. Die üblichen Hygieneregelungen gelten natürlich“, betont Schmid. Und wer Freudenburg sagt, muss auch Bovelzumft sagen. So wird der Verein ebenfalls vertreten sein mit drei Ständen, Getränke ausschenken und bei gutem Wetter am Sonnabend eine Feuershow bieten. Der Eintritt ist an beiden Tagen frei, das liegt an den Sponsoren (Stadt Bassum, Weser-Hunte-Verband, Avacon, Sparkasse, AWG, Video-Art), die das Event unterstützen. Für Sonnabend braucht es allerdings eine Anmeldung per E-Mail an die Adresse wollzirkus-bassum@web.de.

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