Interview mit Christian Porsch

„Die Ortschaften sind sehr wichtig“

Das Jahr 2021 ist mittlerweile ein paar Wochen alt. Zeit also, mit Bassums Bürgermeister Christian Porsch über die kommenden zwölf Monate zu sprechen. Was kommt auf die Bürger zu? Wo wird sich Bassum verändern?
13.01.2021, 16:54
Lesedauer: 7 Min
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„Die Ortschaften sind sehr wichtig“
Von Tobias Denne

Herr Porsch, auch wir müssen kurz über das Coronavirus sprechen. Wie hat sich die Pandemie auf die Stadt Bassum ausgewirkt?

Christian Porsch: Wir haben uns, wie alle anderen auch, seit März mit Corona beschäftigt. Anfangs haben wir noch die Bilder im Fernsehen gesehen und gedacht, dass das sowieso nicht zu uns kommt. Als das Virus dann doch relativ schnell kam und uns relativ hart erwischte, hatten wir das Problem, dass die Entscheidungen und die Auflagen schnell und kurzfristig kamen. Es gab wenig Zeit, darauf zu reagieren, aber es ging darum, Menschenleben zu retten. Bei allem, was nicht so schön war, gab es auch Dinge, die mir Mut gemacht haben.

Zum Beispiel?

Der Tag der Regionen. Wir haben lange diskutiert, ob der machbar ist, ohne dass er seinen Charakter verliert. Ich fand es ganz toll, wie das Team und die Ehrenamtlichen überlegt haben, wie man es hinkriegt, dass die einzelnen Ortschaften mitmachen und alles coronakonform abläuft. Vielleicht ist das ein Konzept, was man beibehalten könnte. Die Menschen sind gerne mobil und fahren von Bassum nach Nordwohlde oder Neubruchhausen mit dem Rad. Das zeigt, dass die Leute mit Fantasie Herausforderungen annehmen. Genau so wie der Bassumer Advent. Es gab tolle Bilder aus Stiftskirche und das Gemeinschaftsvideo, bei dem ganz viele Leute mitgemacht haben. Da gab es ein Wir-Gefühl. Aber auch, dass wir es trotz Corona mit dem Stadtladen gewagt haben. Schade, dass es nur drei Wochen gedauert hat, bis der Lockdown kam. Aber es war eine Sache, bei der ich sage: Da müssen wir weiter drüber nachdenken. Und vielleicht schließen sich ja Anbieter zusammen und können so auch einen Leerstand an anderer Stelle beseitigen.

Für das neue Jahr steht auch einiges auf der Agenda: möglicher Winterrasenplatz, die Kita Kinder-Reich, das Naturbad oder die Krippe in Bramstedt. Alles große Projekte, die trotz Pandemie umgesetzt werden.

Die Frage war immer: Können wir uns das leisten? Wir schätzen das so ein, dass wir diese Ausgaben tätigen müssen, weil Fördergelder dranhängen. Daher versuchen wir, diese Projekte weiterzubringen, die von Fördermitteln abhängig sind. Da musste es klar eine Priorisierung geben. Angesichts der Projekte war 2020 ein interessantes Jahr, ist es eigentlich immer noch, denn die Projekte laufen weiter und werden umgesetzt wie die Krippe in Bramstedt, die hoffentlich rechtzeitig zu einem guten Abschluss kommen wird.

Nun hat sich Bassum in den vergangenen Jahren viel geleistet, durch die Pandemie musste der Rotstift bei gewissen Investitionen angesetzt werden. Bei welchen Projekten muss man künftig länger auf eine Umsetzung warten?

Wir werden bei den kommenden Haushaltsberatungen mit der Politik festlegen, bei welchen Projekten wir Streckungen reinbringen müssen. Das haben wir über den Nachtragshaushalt 2020 ein bisschen dargestellt, unter anderem damit, dass wir das Häuschen der Tierpfleger im Tierpark bis 2022 zurückstellen. Auch das Forum der Grundschule Mittelstraße haben wir nach hinten gestreckt. Welche dazukommen, darüber sprechen wir in den politischen Sitzungen in diesem und den folgenden Jahren.

Im Gegensatz zu Bruchhausen-Vilsen und Syke etwa finden diese Sitzungen in Bassum statt. Virtuell. Sehen Sie diese Art als Chance oder Hindernis für die Diskussion, die ja auch mal stattfindet?

Unabhängig davon, dass ich viel lieber Präsenzsitzungen hätte, müssen wir sehen, dass wir den Haushalt politisch auf den Weg bringen und dem Landkreis Diepholz vorlegen. Dafür müssen die politischen Beratungen und Entscheidungen getroffen werden. Die zweitbeste Lösung sind virtuelle Sitzungen unter Einhaltung der Kommunalverfassung, was etwa die Darstellung der Öffentlichkeit angeht. Und wenn wir gerade die beste Lösung (Präsenzveranstaltungen, Anm. d. Red.) nicht darstellen können, da wir die Räumlichkeiten dafür nicht haben, dann nehmen wir die virtuelle Lösung.

Gab es Kritik an der Vorgehensweise?

Die Anregung dazu kam aus der Politik. Wir haben uns abgestimmt und waren uns relativ schnell einig, dass im Moment in unseren Augen nicht die Zeit für Präsenzsitzungen ist. Wir hatten gehofft, als wir die Sitzungen für November und Dezember abgesagt haben, dass Anfang des Jahres wieder Präsenzveranstaltungen machbar wären. Das war auch einer von mehreren Gründen, warum wir den Haushalt in das neue Jahr geschoben haben. Ein anderer war, dass wir noch keine belastbaren Zahlen hinsichtlich der Einnahmesituation hatten. Dadurch wäre der Haushalt sehr unsicher geworden. Genau das wollten wir vermeiden.

Hätten die Sitzungen wie geplant im November und Dezember stattgefunden und wäre der Haushalt so beschlossen worden, hätte es mit den Zahlen vom Landkreis wieder eine Haushaltssperre geben müssen?

Genau, das hätte dabei herauskommen können. Das muss zwar nicht passieren, aber wir wollten den Haushalt auf belastbare Zahlen stellen.

Was sind die großen Projekte für kommenden Monate?

Welche von denen, die wir für den Haushaltsentwurf geplant haben, dazukommen, das wird im Rahmen der politischen Sitzungen diskutiert. Was auf jeden Fall umgesetzt wird, sind die Bauarbeiten an der Kita Kinder-Reich für 2,8 Millionen Euro. Wir versprechen uns davon eine deutliche Verbesserung für die Kolleginnen und Kollegen und für die Kinder. Es soll alles etwas entzerrt werden. Auf eine „Ending Story“ hoffe ich beim Radweg nach Neubruchhausen. Wir haben dafür 1,6 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt, der Plan ist an den Landkreis geschickt worden und wird geprüft. Danach folgt das Auslegungsverfahren, das mehrere Wochen dauert, sodass wir vielleicht im Herbst mit dem Bau beginnen können. Außerdem steht der Krippenbau auf dem Programm. Die Hochbauarbeiten am neuen Feuerwehrgerätehaus in Bramstedt sind im vollen Gange und wenn das Gebäude fertig ist, dann können wir sofort mit der Krippe loslegen. Hierbei sitzt uns ein wenig die Zeit im Nacken, was die Fördergelder angeht. Ich bin aber zuversichtlich. Ein weiteres großes Projekt: der erste Abschnitt der Attraktivierung des Naturbades (Becken sanieren, Wasserspielelemente, Außenfläche verbessern und Erwärmung des Wassers). Für die Erwärmung sind wir im Gespräch mit der AWG (Abfallwirtschaftsgesellschaft), inwieweit man die Fernwärme nutzen kann.

Wann kann mit den Arbeiten begonnen werden?

Wir warten jetzt auf den Förderbescheid und dann kann es losgehen. Wir dürfen natürlich vorher nicht anfangen. Die Planungen werden vorangetrieben und ich hoffe, dass der Antrag im Februar noch positiv entschieden wird. Es kann aber auch März werden – je nachdem, wie viele Anträge vorliegen.

Wie geht es beim Gewerbegebiet Karrenbruch voran?

Wir hatten etwas Zeitverzögerung, aber jetzt sind wir dabei, unsere Preise zu finden, damit wir in die Bewerbung gehen können und den Interessierten sagen können, was die Flächen ungefähr kosten. Die setzen sich aus drei verschiedenen Punkten zusammen. Zum einen aus den Grundstückskosten, die wir selbst bezahlt haben. Zum anderen kommen die Erschließungskosten und 25 Prozent der Regenwasserentwässerung hinzu. Mit dem OOWV (Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband, Anm. d. Red.) wird dann noch die Abführung von Schmutzwasser und Oberflächenwasser abgerechnet. Mit dem Gewerbegebiet werden uns intensiv beschäftigten, da wir einige Anfragen haben, die, wenn die Preise feststehen, konkret in Verträge umgewandelt werden sollen.

Gibt es noch Plätze beim Gewerbegebiet?

Es gibt noch welche. Es gibt häufig Anfragen, aber wenn es dann konkret wird, springt der eine oder andere doch noch mal ab, weil er etwas anderes gefunden hat.

2021 kommt ein anderes großes Thema auf Sie zu: die Bürgermeisterwahl. Worauf freuen Sie sich?

Also ich freue mich auf alle diese Projekte, die anstehen. Ich freue mich auch auf die Wahl, die ich aber natürlich als Privatperson absolviere. Ich hoffe, dass wir uns alle körperlich treffen und Präsenzveranstaltungen machen können. Gerade im Wahlkampf ist es wichtig, dass jemand einem gegenübersteht und die Leute sich ein Bild von der Person machen können. So schön die Technik ist, das geht persönlich besser. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir uns im Frühjahr vielleicht verhaltener und dann im Sommer wieder richtig treffen dürfen.

In den vergangenen Jahren war es so, dass ein paar Ortschaften stärker im Fokus standen. Gibt es Nachholbedarf in anderen Ortschaften?

Wir versuchen zum Beispiel, in Neubruchhausen den Fokus auf Wohnbebauung zu richten. Außerdem wird der Feuerwehrbedarfsplan umgesetzt, da steht das nächste Haus auf dem Plan. Für Dimhausen nehmen wir dieses Jahr die Planung vor, um im Jahr darauf 575.000 Euro im Haushalt für den Um- und Anbau zu haben. Wir haben auch generell die Ortschaften im Blick, in Bramstedt wird die Sporthalle saniert, in Nordwohlde das Baugebiet intensiv gefüllt. Ich halte die Ortschaften für sehr wichtig, denn es gibt genug Menschen, die in den Ortschaften bleiben wollen und sich dort pudelwohl fühlen.

Gibt es Themen, die in diesem Jahr aus Ihrer Sicht wichtig werden?

Es gibt mehrere Sachen, die mir am Herzen liegen, wie der Breitbandausbau. Bei den weißen Flecken sind die Tiefbauarbeiten in letzten Zügen, und im nördlichen Bereich werden gerade Hausanschlüsse gelegt. Dann folgen die schwarzen Flecken, sodass ich davon ausgehe, dass in diesem Jahr die ersten weißen Flecken schon Licht auf die Leitungen bekommen. Dann sehen die Leute, es passiert was. Auch der Klimaschutz ist wichtig. Wir müssen mit Leuten zusammenkommen und Dinge direkt besprechen, was die letzten Monate nicht möglich war. Außerdem wollen wir unser Klimaschutzprogramm mit Twistringen upgraden und schauen, was wir geschafft haben, was ansteht, was neu dazukommen muss. Wir beginnen unsere Klimaschutzstrategie damit, dass wir im Rathaus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Fortbildungen für das Thema sensibilisieren. Etwa zum Thema, wie ich möglichst klimafreundlich meinen Arbeitsplatz gestalten kann. Der erste Schritt ist, das Thema Klimaschutz in den Köpfen zu verankern. Aber nicht nur in der Verwaltung, auch beim Bauhof und im Kita-Bereich wird es Fortbildungen geben. Bei den Kindern ist wichtig, dass man sich von klein auf mit dem Thema beschäftigt. Wir planen, hoffentlich bald Fortbildungen bei den Kolleginnen und Kollegen in den Kitas anzubieten und zu zeigen, wie man Klimaschutz in der Kita behandeln kann.

Das Gespräch führte Tobias Denne

Info

Zur Person

Christian Porsch

ist seit 2014 der Bürgermeister der Stadt Bassum. In diesem Jahr stehen nicht nur große Projekte vor der Tür, auch die Bürgermeisterwahl wirft ihre Schatten voraus. Und es wird ernst im Gewerbegebiet Karrenbruch.

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