Zukunftstag

Klischees gibt es immer noch

Dass es bei der Jobwahl oft noch nach Klischees geht, das zeigen vor allem die Berufe, in denen ein Geschlecht vorherrschend ist. Torben Müller und Mariam Jaber haben sich aber anders entschieden.
21.04.2021, 05:00
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Klischees gibt es immer noch
Von Tobias Denne

Ja, als sie mit Informatik anfing, wurde ihr von der Berufswahl abgeraten. „Das machen doch nur Männer“, erinnert sich Mariam Jaber an die Anfänge. Bei Torben Müller waren es ganz zu Beginn seiner Erzieherausbildung sein Opa und sein Onkel, die sagten, dass das, was er mache, ein Frauenberuf sei. „Mein Opa fragte mich, warum ich nicht zur Bundeswehr gehe“, erzählt Müller und lacht. Später, das beteuert er, haben sie ihn voll und ganz unterstützt. Während Jaber als IT-Administratorin bei KMH Kammann in Bassum arbeitet, verdient Müller sein Geld als Erzieher in der Kita Kinderreich in der Lindenstadt.

Es sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie klischeebehaftet auch im Jahr 2021 noch die Berufswahl ist. Männer gehen eher in die IT, Logistik oder Produktion, Frauen in die Pflege, Pädagogik oder in andere personenbezogene Jobs. „Jeder sollte die Wahl haben, den Beruf auszuüben, auf den er oder sie Spaß hat“, betont Bassums Gleichstellungsbeauftragte Christine Gaumann. Einmal im Jahr, am 22. April, soll im Zuge des Zukunftstages auf die vielfältigen Möglichkeiten aufmerksam gemacht werden, die junge Leute haben - gerade auch in Jobs, in denen ein Geschlecht unterrepräsentiert ist.

Das ist für Jaber kein Problem mehr. Sie hatte früher viele Praktika gemacht, um zu schauen: Was will ich eigentlich? Bei ihr schwankte es zwischen einem wirtschaftlichen Beruf und einem technischen. So war sie unter anderem bei einer Kfz-Werkstatt und einer Bank. „Ich habe dann gemerkt: Technik liegt mir mehr“, erzählt sie. Als die Ausbildung startete, war sie unter 30 Männern die einzige Frau. „Einer sagte mir, ich sei falsch hier“, berichtet Jaber. Die Klassenzimmer für die Frauenberufe seien nebenan. „Anfangs war es schon schwer“, gibt sie zu. Aber: „Die haben schnell gemerkt, dass ich Erfahrung hatte und nach den ersten drei, vier Wochen haben wir uns gut verstanden.“ Später wurde sie zur Gruppenleiterin gewählt. Sie arbeitete im Systemhaus in Sulingen und musste dabei zu anderen Firmen fahren, die mal mehr, mal weniger begeistert gewesen seien, dass da plötzlich eine Frau stand. Direkt habe ihr niemand die Ablehnung gesagt, „aber das spürt man. Man muss sich sein Selbstbewusstsein aufbauen“, findet Jaber.

Nun ist sie bei KMH in Bassum angestellt. Dort arbeitet sie in der IT-Abteilung „und es ist ganz anders, ich bin sehr glücklich. Vielleicht kommt das einfach mit der Zeit“, sinniert Jaber, der an ihrem Beruf gefällt, dass es in der digitalen Welt immer etwas Neues gibt. Im Moment studiert sie Forensic Engineering, um sich in Bezug auf Cyberkriminalität fortbilden, „es gibt zu viele Sicherheitslücken“, weiß die Expertin.

Die Abwechslung ist auch das, was Torben Müller an seinem Beruf im Kinderreich schätzt. „Ich kann nicht den ganzen Tag im Büro sitzen“, gibt er zu und schmunzelt. Ihm gefällt insbesondere, dass er an der Entwicklung von Kindern teilnehmen kann. Er wusste zumindest, was auf ihn zukommt, sind doch schon Schwester, deren Mann und seine Cousine als Erzieher tätig. Er betont, dass „wir viele tolle Eltern haben“, aber gleichzeitig schon hin und wieder der Gedanke mitschwingt, ob man ihm vonseiten der Eltern besonders auf die Finger schaut, weil er ein Mann ist. „Eine Mutter möchte nicht, dass ich ihr Kind wickle. Das ist in Ordnung“, sagt Müller, der bei Problemen gerne mit den Menschen kommuniziert. Er ist im Kinderreich (im Gegensatz zu seiner Ausbildung, bei der er zum Teil der einzige Mann war) indes nicht allein. In der Integrativgruppe, in der er arbeitet, sind es vier Männer und zwei Frauen. „Ich fühle mich wohler, weil ich Männer und Frauen ansprechen kann, falls ich Fragen habe“, freut sich Müller, der vorher ebenfalls zahlreiche Praktika gemacht hat.

Und das ist auch das, was die beiden Schülern empfehlen: Lieber mehr Praktika machen. Wenn es dann nicht klappt, dann weiß man zumindest, dass es nicht passt. Jaber findet, „man muss viel früher anfangen und Werbung für Berufe machen. Vielleicht trauen sich manche Mädchen es einfach nicht zu, etwas zu programmieren. Man sollte Schülern Bildungsangebote bieten, damit auch die IT weiblicher wird“. Müller ergänzt: „Ich würde mir wünschen, dass so etwas wie ein Mann im Kindergarten zur Normalität wird. Männer können die Arbeit genauso gut machen wie Frauen. Man sollte nicht auf das Geschlecht, sondern auf die Qualität achten.“

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Zur Sache

Der Zukunftstag am 22. April

Jährlich findet der Zukunftstag am 22. April statt - dieses Mal ausschließlich digital. „Schule ist mehr als eine reine Bildungseinrichtung und kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass Schülerinnen und Schüler einen Beruf finden, der ihren Interessen, Potenzialen und Fähigkeiten entspricht, und der auf lange Sicht Freude bereitet“, betont Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne. „Das ist umso wichtiger in einer Zeit, in der andere Wege zur beruflichen Orientierung durch Kontaktbeschränkungen und ähnliche Schutzmaßnahmen nahezu komplett weggebrochen sind. Ich appelliere dringend an alle Betriebe und Verwaltungen, sich rege zu beteiligen und Angebote im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu machen – auch in ihrem eigenen Interesse“, fügt der Minister an.

Seit 2001 wird in Deutschland der sogenannte „Girl's Day„ angeboten, in einigen Bundesländern zusätzlich als „Boy's Day“. Angebote finden Interessierte auf den Internetseiten www.girlsday.de und www.boysday.de.

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