Landgericht Verden Ein Keller voller Cannabis-Pflanzen

Das Amtsgericht Syke hatte im Januar einen Bassumer wegen des Handels mit Betäubungsmitteln zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Das Landgericht Verden bestätigte das Urteil nun.
06.09.2022, 16:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Angelika Siepmann

Verden/ Syke/ Bassum. Dem Angeklagten war längst klar, dass er im Keller seines Hauses in Neubruchhausen besser einem anderen Hobby nachgegangen wäre als ausgerechnet dem Cannabis-Anbau. Zum Beispiel der systematischen Einrichtung einer Modelleisenbahn, womit er sich offenbar auch auskennt. Die Freude über eine stetig größer und schöner werdende Bonsaibahnanlage sei vergleichbar mit der, die er mitunter angesichts des Wachsens und Gedeihens der Pflanzen empfunden habe – nach reichlich „Herumdoktern“ und Fehlproduktion. Allerdings war die Freude über Zuchterfolge nicht von Dauer und wurde bald nachhaltig getrübt. Sie wiegt vor allem nicht annähernd auf, was der 56-Jährige sich durch seine illegale Gärtnerei so alles eingehandelt hat.

Davon doch noch das Schwerwiegendste loszuwerden, hatte sich der mittlerweile in Thedinghausen-Riede lebende Mann vom Berufungsprozess am Landgericht Verden erhofft. Aber die 22. Kleine Strafkammer hob das erstinstanzliche Urteil zwar auf, nahm jedoch nur marginale Änderungen daran vor und beließ es bei der Strafe, die Ende Januar verhängt worden war: anderthalb Jahre Haft auf Bewährung. Das Amtsgericht Syke hatte auf zwei Fälle des unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln (BTM) in nicht geringer Menge erkannt. Das Landgericht sah dagegen nach erneuter Beweisaufnahme eine „Bewertungseinheit“ und ging von nur einem Fall aus – in Tateinheit mit unerlaubtem BTM-Besitz in ebenfalls einem Umfang, der das Erlaubte um mehr als das 20-fache übertraf.   

Berufliche Konsequenzen

So oder so wird das Urteil für den Beamten im Feuerwehr- und Rettungswesen wohl weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Dass der Verteidiger für den wieder weitgehend geständigen Angeklagten inständig um eine Strafe unter einem Jahr („Und sei es nur ein Tag“) nachgesucht hatte, kam nicht von ungefähr. Bei einem darüber hinaus gehenden Strafmaß müsse mit der Entfernung aus dem Beamtenverhältnis und dem Verlust der Alterssicherung gerechnet werden, erläuterte der Anwalt noch einmal eindringlich. Erste berufliche Folgen hatte sein auch gesundheitlich angeschlagener Mandant bereits gleich nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens zu spüren bekommen. Die Stadt Bremen hatte die vorläufige Enthebung aus dem Dienst verfügt und ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Dass er durch seine Cannabis-Zucht, die von spärlichen Anfängen mit Flops bis zur buchstäblichen Blüte und recht üppigen Ernteerträgen reichte, viel aufs Spiel setzte, dürfte dem Mann mehr oder weniger bewusst gewesen sein. Über die Entstehung und Entwicklung der ganzen Angelegenheit gab der gebürtige Twistringer vor Gericht bereitwillig Auskunft. Er schonte sich nicht, betonte aber auch immer wieder, dass die Ausbeute ausschließlich der Deckung des Eigenbedarfs gedient habe. Auch wenn die Erträge zuletzt erstaunlich hoch gewesen seien, habe er nicht vorgehabt, Cannabis weiterzuverkaufen, also auch zu handeln. „Ich wollte damit nicht kriminell werden. Ich bin kein Krimineller, kein Verbrecher“.

Anfängliche Fehlversuche

Die Gründe für den stetig gestiegenen Konsum legte der Angeklagte, der inzwischen „clean“ sein will, auch ohne Umschweife dar. Die beruflichen Belastungen durch „viele schlimme Einsätze“ hätten ihm zu schaffen gemacht; explizit ein gravierender Fall, bei dem eine junge Frau an einem Bahnhof ums Leben gekommen sei. Er habe zunehmend an Schlafstörungen gelitten und aufkommende Depressionen zunächst „mit Alkohol betäubt“. Schon deshalb keine ratsame Maßnahme, weil seine Ehefrau „keinen angetrunkenen Mann neben sich schlafen haben wollte“. Vor etwa fünf, sechs Jahren sei er dann an Marihuana geraten, „und das ging hervorragend“.

Weil er von dem Zeug aber immer mehr gebraucht und geraucht habe, es ja auch nicht umsonst zu haben sei, habe er eines Tages den Gedanken gefasst, „es mal mit dem Selbstanbau zu probieren“. Die Anfänge mit „Feldversuchen“ und „fünf, sechs Pflänzchen“ erfolgten 2018 noch im alten Domizil. Mit dem Umzug nach Neubruchhausen brach der Mann offenbar auch in Sachen BTM zu neuen Ufern auf. Die gesamte Anlage, „komplett gekauft“, wurde professioneller und erstreckte sich letztlich über fünf Kellerräume. „Man braucht da Erfahrung“, ließ der ehemalige Plantagenbetreiber wissen. Ein bisschen Ehrgeiz habe er mit der Zeit ja auch gehabt – und „die richtigen Pflanzen gefunden“.

400 Pflanzen im Keller gefunden

Viele Funde hat dann im November 2020 die Polizei gemacht. Man habe zuvor einen anonymen Hinweis erhalten, sagte ein seinerzeit beteiligter Beamter aus Syke im Zeugenstand, und sei mit einem Durchsuchungsbeschluss vorstellig geworden. Der Angeklagte habe sich „sichtlich überrascht“ gezeigt, aber sofort „kooperativ verhalten“. Unten habe man schnell erkannt: „der ganze Keller als Indoor-Plantage“. Entdeckt wurden Belüftungs- und Filteranlagen, rund 400 Pflanzen in verschiedenen Wachstumsstadien, abgeerntete Blüten in einer Trockenvorrichtung, dazu Utensilien wie eine große Waage und jede Menge Verpackungsmaterial, die auf Geschäfte mit Cannabis schließen ließen.

Nach einem später vom Landeskriminalamt gefertigten Gutachten hätte das sichergestellte Pflanzenmaterial einen Wirkstoffgehalt von insgesamt 250 Gramm THC (Tetrahydrocanninol) ergeben. Dass alles zum Eigenkonsum gedacht gewesen sei, halte er für eine Schutzbehauptung, erklärte der Vertreter der Staatsanwaltschaft in seinem Plädoyer. Vermutlich habe der Angeklagte ein oder zwei Großabnehmer im Auge gehabt. Auch die Berufungskammer sah nach Abwägung aller Umstände keine Möglichkeit, noch einen minderschweren Fall zugrunde zu legen und zu einem geringeren Strafmaß zu gelangen.       

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