Doris Meyer-Toms

„Schulleitung ist aufregend“

Seit mehr als zehn Jahren ist Doris Meyer-Toms in Bassum als Grundschulleiterin aktiv. Dass es einen Mangel an Rektoren gibt, kann sie verstehen. Der Job ist nicht leicht, sie macht ihn allerdings gern.
03.11.2020, 17:58
Lesedauer: 5 Min
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„Schulleitung ist aufregend“
Von Tobias Denne
„Schulleitung ist aufregend“

Doris Meyer-Toms

Vasil Dinev

Frau Meyer-Toms, Sie leiten seit Jahren die Grundschule Petermoor mitsamt der Außenstelle in Nordwohlde. In Niedersachsen gibt es 170 vakante Rektorenstellen an 2800 Schulen, an Grundschulen sind es alleine 98. Warum will den Job niemand machen?

Doris Meyer-Toms: Ich glaube, weil es vielleicht kein 40-Stunden-Job ist und man nicht mit viel mehr Geld beglückt wird. Meiner Meinung nach verdienen wir genug und wenn es einem Spaß macht, dann macht man die Arbeit auch gern. Angesichts der Schulleiterstellen sind wir hier im Landkreis gut aufgestellt. In Bassum gibt es zwar eine Vakanz an der Mittelstraße, aber das lag daran, dass die Stellen plötzlich frei wurden.

Warum machen Sie den Job denn gern?

Schulleitung ist schon aufregend, es gibt ganz viele verschiedene Bereiche und Institutionen, mit denen man zusammenarbeitet. Seien es die Gespräche mit der Stadt, mit den anderen Grundschulen, Gespräche mit neuen Kollegen oder mit der Konrektorin, um die Hygieneregeln zu besprechen. Dazu kommen die Erstellung von Elternbriefen oder die Einschulungsfeier. Es sind ganz, ganz viele Punkte, die mir Freude machen. Dazu gehört auch die Schulentwicklung. Ich bin ständig im Austausch mit Personen, die mir erzählen, was sie sich vorstellen können. Dann sage ich, was ich mir vorstelle. Außerdem bin ich ständig im Kontakt mit der Landesschulbehörde, die mich so weit es geht unterstützt. Zudem muss ich die Personalsituation regeln. Das ist in der Grippe-Zeit schon schwieriger zu organisieren, dann läuft auch nichts in der Schulentwicklung. Man muss gucken, wie man durchkommt.

Sie tanzen auf vielen Hochzeiten.

Ja, das ist richtig. Schließlich muss alles mit der Schulleitung abgesprochen werden.

Haben Sie Beispiele?

Wie der Ganztag umgesetzt wird oder gerade durch Corona: Wie machen wir das jetzt mit Ausflügen? Worauf müssen wir achten?

Wie werden Schulleiter auf die Arbeit vorbereitet?

Man wird als Lehrkraft nicht darauf vorbereitet. Aber es gibt Anlagen, die man schon als Lehrkraft mitbringt. Dazu gehört das Organisieren, das Strukturieren oder das Kommunizieren mit allen Seiten. Ich muss meine Klasse und den Stoff organisieren, ich lerne etwa in Elterngesprächen zu kommunizieren. Die Kompetenzen sind zum Teil vorhanden, nur ist es als Schulleitung deutlich anders und erweitert – wie das Schulrecht etwa.

Inwiefern?

Ich bin diejenige, die gefragt wird, ob etwas rechtens ist. Wie machen wir das? Da wird man nur teilweise drauf vorbereitet. Das Schulrecht ist zwar Teil der Ausbildung, aber im Referendariat beschäftige ich mich nicht intensiv damit, weil der Schulvorstand oder Ordnungsmaßnahmen mich nicht betreffen. Als Schulleitung muss ich beim Schulrecht genau aufpassen, gerade mit dem Datenschutz. Da ist man viel im Austausch, weil es doch ganz schön komplex ist.

Wie wird man Schulleitung?

Jede Lehrkraft, die länger dabei ist, kann sich auf Stellen bewerben. Tendenziell wird gesagt, dass man zu Beginn an eine kleine Schule gehen sollte. Ich habe auch in Nordwohlde angefangen, die war einzügig.

Dann gibt es Fortbildungen?

Es gibt auch schon vorher welche. Die Schulleiterqualifikation startet dann mit allen neuen Schulleitern, bei der man verschiedene Module belegt, die über mehrere Tage gehen, in denen man intensiv arbeitet und sich austauscht. Diese Qualifizierung dauert rund ein Jahr.

Klingt wirklich nicht nach 40-Stunden-Job.

(lacht) Ist es auch nicht. Auch in der unterrichtsfreien Zeit ist es so, dass ich eine Woche nacharbeite und zehn Tage vorher wieder da bin. Aber auch in den drei bis vier Wochen bin ich immer erreichbar. Und Abendtermine gibt es natürlich auch. Dazu gehören der Schulelternrat, der Schulausschuss oder Gesamtkonferenzen.

Sie können aber auch Stunden abgeben.

Wenn es mit den Stunden nicht hinkommt, kann ich Aufgaben an Kollegen abgeben, die die Arbeit sehr gut machen. Ich gehe dann für zwei Stunden mehr in den Unterricht.

Wie viele Stunden würden Sie unterrichten, wenn es kein Corona gäbe?

Zwölf. Die Problematik, die ich persönlich sehe, sind die beiden Standorte Petermoor und Nordwohlde. Ich versuche, meine Unterrichtsstunden an einem Standort zu machen, aber man fehlt trotzdem am anderen. Auch wenn die Konrektorin eine große Hilfe ist – das ist nicht so günstig. Ich habe Sprechzeiten eingeführt, aber gefühlt bin ich manchmal mehr auf der Straße zwischen Bassum und Nordwohlde als im Klassenraum. Das habe ich als Stress empfunden. Hinzu kam, dass das Kollegium in der Außenstelle recht jung war, sodass ich oft da war. Mittlerweile hat sich das Team gefunden und die Kollegen sind länger vor Ort, dann reicht es auch, wenn man ein-, zweimal in der Woche vorbeischaut und die Aufgaben erledigt.

Also ist das System mit einer Außenstelle eher für erfahrenere Kollegien geeignet?

Viele junge Lehrkräfte zu haben, ist auf jeden Fall positiv. Die müssen aber natürlich erst eingearbeitet werden. Nicht nur das: Auch ältere Kollegen müssen sich darauf einstellen. Wenn das Team wächst und jemand sagt, er oder sie könne sich gewisse Aufgaben vorstellen, gebe ich Stunden ab und die Lehrkraft informiert mich. Das ist dann optimal.

Wie wichtig ist dabei ein funktionierendes Kollegium?

Sehr wichtig. Bei mir spielt auch das tolle Kollegium eine Rolle. Wir haben uns alle gefunden. Ich bin ständig mit ihnen im Austausch wie etwa zum Digitalpakt und dessen Umsetzung. Letzten Endes muss ich natürlich entscheiden, ob es iPads, Laptops oder beides gibt. In drei Monaten gehe ich in den Ruhestand, also stelle ich mir zudem die Frage, wie viel vom Budget, das auch vom Land Niedersachsen kommt, ich übrig lasse für die, die nach mir kommen. Man braucht dann mal ein Smartboard, einen Drucker oder ähnliches. Aber ich versuche, das Kollegium einzubinden. Mit Corona habe ich auch einiges allein entschieden.

Was würden Sie sich wünschen?

Dass die Schulleitungsarbeit stärker anerkannt wird und es mehr Entlastung gibt. In meinem Fall wird man bei zwölf Stunden Unterricht bei zwei Standorten immer herausgerissen. Die Unterrichtstätigkeit ist gut, um den Kontakt zu den Kindern zu haben. Ich freue mich immer, wenn ich in den Unterricht darf. Aber die Stundenzahl ist schon eng. Da wünsche ich mehr Entlastung – auch für die Kollegen. Ich wünsche mir, dass etwa die inklusive Schule besser vorbereitet wird, aber auch dabei sind wir derzeit im Prozess. Man müsste ebenfalls die Stunden für die Lehrkräfte reduzieren.

Wieso?

Die Aufgaben haben insgesamt zugenommen. Nicht nur das Vorbereiten, dann kommt die Frühaufsicht dazu, Dienstbesprechungen, hier ein Termin, da einer. Oder Elterngespräche. Die Kollegen sind bis 16 Uhr in der Schule und die müssen auch ihren Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten. Das ist schon knackig. Auch in der unterrichtsfreien Zeit sind die Kollegen zwei Wochen vorher hier, um zu planen. Im Bereich der inklusiven Schule hat sich einiges verändert, genau so beim digitalen Lernen. Schön ist, dass wir viel eigenständig entscheiden dürfen, weil wir eine eigenverantwortliche Schule sind.

Das Gespräch führte Tobias Denne.

Info

Zur Person

Doris Meyer-Toms

leitet seit 2009 die Grundschule Nordwohlde. Drei Jahre später übernahm sie zusätzlich die Leitung der Grundschule Petermoor, wiederum drei Jahre folgte die Zusammenlegung der beiden Schulen.

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