Corona-Pandemie

Der Druck steigt

Die Fachärzte Stefan Renner und Gerd-Christian Kampen sind sich sicher: Corona und der erneute Lockdown schlagen auf die Psyche. In manchen Fällen hat das laut den beiden sogar schwerwiegende Folgen.
21.12.2020, 17:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Yannik Sammert

Bassum. Weiterhin gelten in Deutschland strenge Hygieneregeln und Einschränkungen. Denn der Dezember ist nach November, März und April bereits der vierte Lockdown-Monat in diesem Jahr. „Den ersten Lockdown im Frühjahr haben viele Personen als entlastend wahrgenommen, weil er entschleunigend war“, blickt Stefan Renner zurück. Er und Gerd-Christian Kampen leiten das Zentrum für seelische Gesundheit Bassum chefärztlich.

Zur Aussage Renners passt, dass die Einrichtung im Frühjahr entgegen der möglichen Erwartung gar nicht so viele Patienten, Anfragen und stationäre Aufnahmen mehr gehabt hat. „Am Anfang der Pandemie haben auch einige Patienten kaum unter der Corona-Situation gelitten.“ Die Rede ist hierbei vor allem von Erkrankten, die sich mit sozialen Kontakten ohnehin schwer tun. „Mit der zweiten Welle ist allerdings eine Entwicklung zu beobachten. Nun merkt man schon eher, dass die Pandemie und die damit verbundene soziale Isolation viele Patienten belastet“, skizziert der Facharzt. Zudem stellt er fest, dass Menschen durch Corona auch allgemein „mehr und mehr unter psychischen Druck geraten“.

Belastend seien unter anderem durch Corona verursachte Angstgefühle, betonen die beiden Doktoren. „Ängste im Kontext der Pandemie sind sehr vielfältiger Natur“, merkt Kampen an. Beispiele sind Existenzsorgen und das Nachdenken über unangenehme Ungewissheiten. Aber auch die Befürchtung, an Corona zu erkranken oder die Besorgnis, dass sich Angehörige, die zur Risikogruppe gehören, infizieren könnten, sind zu erwähnen. Doch Renner hat einen Tipp parat, wie es gelingen kann, den Arten des Unbehagens nicht zu viel Platz einzuräumen: „Es ist sinnvoll, sich Dinge zu suchen, die Halt und Zuversicht schaffen und so beruhigen können.“

Laut dem Fachmann für Psychiatrie und Psychotherapie erfüllen Verschwörungstheorien übrigens eine ganz ähnliche Funktion. „Sie sind erst einmal ein Ausweg. Denn sie strukturieren beklemmende Gefühle oder Schicksale und geben so zunächst Sicherheit“, sagt er. Kampen knüpft an: „Wenn jemand an solche Ideologien glaubt, kann dies einer Psychose gleichen oder dieser sehr nah kommen.“ Aber inzwischen sei das ein Massenphänomen. Beide Männer sind sich einig: Verschwörungstheoretikern sollte grundsätzlich erst einmal zugehört werden, da oftmals Ängste der Auslöser der Überzeugungen seien. „Um solchen Theorien nicht zu verfallen, sollten Menschen sich sachlich informieren und auf Experten hören. Aber für einige Leute ist das leichter gesagt als getan“, betont Kampen.

Auch die Einsamkeit erweist sich nach Aussage der zwei Ärzte als problematisch. Renner erklärt: „Menschen sind eigentlich soziale Wesen. Deshalb tritt das psychosoziale Element immer mehr zu Tage.“ Denn unter anderem im Hinblick auf Kontaktbeschränkungen fällt es einigen nicht leicht, soziale Vernetzungen aufrecht zu erhalten. „Der geringere Austausch mit Liebsten und der fehlende Schulterschluss mit ihnen belastet viele Menschen erheblich“, weiß auch Kampen. Renner empfiehlt deshalb, zumindest durch Telefonate, Videogespräche oder gemeinsame Spaziergänge an der frischen Luft, weiter Kontakte zu pflegen.

Eine Personengruppe ist laut dem Doktor besonders isoliert: die älteren Menschen. Sein Kollege Kampen bestätigt dies und nennt die zurzeit begrenzten Besuchsmöglichkeiten in Senioreneinrichtungen als einen Grund hierfür. „In meiner ärztlichen Tätigkeit besuche ich auch Seniorenheime und beobachte einige Patienten, die aufgrund der Corona-Situation aufgegeben haben“, ergänzt er. Renner erzählt jedoch auch von einem Lichtblick: „Immer mehr Ältere lernen, wie man mit einem Smartphone umgeht.“ Dadurch können sie mit ihren Angehörigen einfacher in Verbindung bleiben und das Gefühl des Alleinseins verringern.

Doch nicht mit allen psychischen Schwierigkeiten können Menschen eigenständig zurechtkommen – ganz allgemein und eben auch in Zeiten der Pandemie. So kann der Verzicht auf soziale Kontakte ein Auslöser von Depressionen sein, weiß Renner. Kampen berichtet ebenfalls von Patienten, die in Behandlung kommen, weil sie unter der Corona-Situation leiden. „Wenn man gar nicht mehr mit sich zufrieden ist oder ständig dunkel gestimmt ist, sollte man sich professionelle Hilfe suchen“, rät Renner. Auch, wenn jemand regelmäßig nachts nicht mehr schlafen könne oder sogar Lebensüberdrussgedanken entwickele, solle er sich unbedingt Unterstützung holen.

Aber es muss nicht immer gleich der Gang zum Psychiater sein. Kampen zählt Alternativen auf: „Man kann auch erstmal seinem Hausarzt von den Problemen erzählen. Zudem gibt es psychologische Beratungsstellen und als ersten Schritt die Telefonseelsorge.“ Die Seelsorge ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr für jeden erreichbar. Die Telefonnummern lautet 08 00 / 1 11 01 11. Auch per E-Mail und Chat wird geholfen (online.telefonseelsorge.de).

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