Städtepatenschaft Bassum-Tapiau

Geschichte für Nachwelt

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Städtepatenschaft Bassum-Tapiau ins Leben gerufen wurde. Man wollte auch den Vertriebenen eine Möglichkeit geben, sich zu treffen. Aber das hat sich verändert.
05.08.2020, 09:59
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Von Tobias Denne
Geschichte für Nachwelt

Seit zehn Jahren steht die Gedenktafel an der Bassumer Freudenburg, um an die Städtepatenschaft zu erinnern.

Michael Braunschädel

Bassum. Mehr als 1100 Kilometer trennen die beiden Städte voneinander. Und dennoch besteht seit 50 Jahren eine Patenschaft zwischen Bassum und dem russischen Tapiau. Es gibt Bustouren, Kreistreffen in der Freudenburg und jahrelang waren immer wieder Schulklassen zu Besuch in Bassum. Auch in der Lindenstadt selbst finden sich einige Hinweise auf die gemeinsame Vergangenheit: die Tapiauer Straße, die Gedenktafel an der Freudenburg und die Heimatstube. „Das war früher die Tapiauer Heimatstube“, erzählt Gerd Gohlke. Normalerweise fahren Interessierte einmal im Jahr in das heutige russische Gebiet, wegen des Coronavirus wurden nicht nur die Fahrten abgesagt, sondern auch die Treffen und die Feierlichkeit zum Jubiläum.

Generell hat sich die Patenschaft in den vergangenen 50 Jahren verändert. Früher, kurz nach dem Krieg, war es den Menschen wichtig, sich sich auszutauschen. „Die Vertriebenen haben sich hier getroffen, das ist der Sinn einer Patenschaft“, erzählt Gohlke. Der Bassumer ist der zweite Vorsitzende der Kreisgemeinschaft Wehlau, zu der auch seit 1970 die Patenschaft zwischen Bassum und Tapiau gehört. Als die sowjetische Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs die Ostpreußen vertrieb, ließen sich diese unter anderem im heutigen Kreis Diepholz nieder. Ungewöhnlich, dass auch im Landkreis Verbindungen zu Ostpreußen bestehen. „Eigentlich sind die Schlesier mit Niedersachsen verwachsen“, weiß Gerd Gohlke und lacht. Er sitzt an seinem Schreibtisch im Archiv im Keller des Kreishauses in Syke. Dort sammelt und arbeitet er mit den verschiedenen Quellen, die ihm von überall her zukommen. „Wir sind auf der ganzen Welt verteilt“, sagt Gohlke nicht ganz ohne Stolz in der Stimme.

Die Gemeinschaft verschickt zweimal im Jahr den Wehlauer Heimatbrief. Darin gibt es Neuigkeiten für die Vertriebenen wie etwa Verstorbene, Reiseberichte oder Glückwünsche zum Geburtstag. Mehrere Tausend Adressen sind in der Liste hinterlegt. „Der Heimatbrief ist für Mitteilungen gedacht, weil die Leute nicht mehr zu Kreistreffen kommen“, sagt Gohlke. Das war früher anders. Zehn Jahre nach Kriegsende wurde die Kreispatenschaft Graftschaft Hoya – Kreis Wehlau gegründet. „Wehlau hat den größten Pferdemarkt Europas“, betont Gohlke. Klar, dass eine Verbindung in den Reiterkreis auf fruchtbaren Boden stieß. Einige Jahre später folgten weitere Patenschaften: 1970 Bassum-Tapiau; 1972 Hoya-Allenburg; 1973 Syke-Wehlau. „In den ersten Jahren hatten die Vertriebenen einen Punkt zum Treffen. Diese wurden vor allem in der Anfangszeit in großen Hallen abgehalten wie etwa der Sporthalle in Bassum“, erzählt Gohlke. Er selbst engagiert sich seit knapp 30 Jahren in der Kreisgemeinschaft.

Mittlerweile füllen die Interessierten keine Hallen mehr, auch die Bustouren zwischen den Städten sind weniger geworden. „Früher hatten viele Tapiauer Interesse an einem Treffen, damit die Stadt unterstützt wurde. Jetzt haben die Hiesigen Interesse an der Geschichte“, sagt der Vorsitzende. Das große Problem war, dass bis zum Fall der Berliner Mauer der Teil Ostpreußens, in dem Tapiau liegt, Sperrgebiet war. Als immer weitere Lockerungen kamen, Polen der EU beitrat, wurden jährliche Treffen abgehalten. Immer dabei im Fokus: die Geschichte und deren Entwicklung. So waren vor allem am Anfang Themen wie Heimatrecht oder die Vertreibung aktuell, „die sind eher im Hintergrund“, sagt Gohlke, der selbst einige Male mit in seiner alten Heimat war und erzählt, wie hergerichtet die knapp 14 000-Einwohner-Stadt inzwischen ist. So wurde etwa der Marktplatz wie ein Garten angelegt. Drum herum gibt es Gedenkgräber für die gefallenen russischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg und eine Stele wurde ebenfalls aufgestellt.

Das, was Gohlke schade findet, ist, dass sich Kontakte immer wieder verlieren. „Oft ist der Kontakt wieder eingeschlafen“, gesteht der Bassumer. So auch bei der Familie, die in das Haus seiner Eltern in Tapiau eingezogen war. Nachdem sie nach Moskau gezogen waren, hat sich die Verbindung aufgelöst. Er arbeitet vor allem daran, dass die Geschichte der Vertreibung und der Nachkriegszeit hochgehalten wird. „Es gibt sehr viele Zeugnisse“, weiß der Vorsitzende. Auch er ist sich bewusst, dass es immer weniger Menschen gibt, die diese Zeit noch erlebt haben. Das ist seine Aufgabe. Die Geschichte über Flucht, Vertreibung und Nachkriegszeit für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.

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