Stubenwagen Hallstedt

Eine Tradition, die verbindet

Seit vier Jahren ist es Tradition: Kommt ein neuer Hallstedter auf die Welt, kommt der Stubenwagen. Käte Siemens brachte ihn in den Ort, damit er genutzt wird. Jörn Wilhelm Müller ist der siebte Säugling.
29.10.2020, 16:54
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Eine Tradition, die verbindet
Von Tobias Denne

Bassum-Hallstedt. Jörn Wilhelm bleibt lieber bei Mama auf dem Arm. Der zweite Sohn von Janine und Andy Müller möchte gerade nicht in Stubenwagen. Er hat ein paar Bauchschmerzen. „Sonst schläft er auch gerne mehrere Stunden darin“, erzählt seine Mutter. Eineinhalb Monate ist der jüngste Hallstedter nun alt und reiht sich, ohne dass er das wirklich weiß, in eine begonnene Tradition im Ort, die – so hofft vor allem Käte Siemens – noch lange hält.

Seit vier Jahren wird der Stubenwagen bei jeder neuen Geburt im Ort zu den glücklichen Eltern gereicht. Jörn Wilhelm ist übrigens der siebte Hallstedter, der seit 2016 im Stubenwagen liegt. Insgesamt müssen es um die 40 gewesen sein, wie viele genau, das weiß niemand. Sein älterer Bruder lag vor zwei Jahren schon mal drin. „Ich finde es schön, dass die Leute das annehmen“, freut sich Siemens. Seit mehr als 20 Jahren wohnt die Seniorin in Hallstedt und kam bei einer Geburt bei den Nachbarn vor vier Jahren auf die Idee, ihren Stubenwagen an die nächsten Generationen weiterzureichen.

Und auch das hat eine lange Tradition. Denn schon Käte Siemens hat vor 83 Jahren im selben Wagen gelegen wie Jörn Wilhelm heute – oder an einem Tag ohne Bauchschmerzen. 1923 kam er in die Familie von Käte Siemens. Sie, ihre Geschwister und die Kinder von Freunden der Eltern haben über die Jahrzehnte schon dort geschlafen – der Wagen hat einiges erlebt. „Meine Schwester machte in Bremen eine Zwischenstation, sie kam von den Philippinen, hat in Bremen eine Zwischenstation gemacht und dort entbunden“, erzählt Siemens, dass auch der Nachwuchs ihrer Schwester kurz im Stubenwagen gelegen hat. „Wenig später flog sie weiter nach Brasilien.“ Siemens' Schwester brachte den Stubenwagen sogar mal über den großen Teich. Ihr Neffe holte den Wagen wieder nach Deutschland. Seit 1994 wohnt Siemens in Hallstedt und der Stubenwagen „hat auf dem Dachboden gestanden“, erzählt sie. Viel zu schade, um ihn wegzuwerfen. „Ich habe ihn dann meinen Nachbarn bei der Geburt ihres Sohnes angeboten“, erinnert sich Siemens und ergänzt: „Es wäre schön, wenn noch mehr Hallstedter darin liegen. Ich will ihn nicht wiederhaben.“

Die Seniorin holt zwei Fotos heraus. Eines zeigt sie als Säugling mit wachen Augen im Stubenwagen, auf dem anderen steht die junge Käte 1940 mit ihren Geschwistern um den Wagen und schaut hinein. Die Matratze wurde zwar immer wieder ausgetauscht, dennoch ist Janine Müller beeindruckt: „Der hat sich ja kaum verändert.“

Sicher, einen Spaziergang kann man mit dem Stubenwagen nicht unternehmen, da eignet sich ein moderner Kinderwagen besser. Aber ein wenig schaukeln und das Kind beruhigen, das klappt wunderbar. „Man kann nicht meckern“, sagt Müller und schmunzelt. Denn mit seinen 97 Jahren ist der Wagen noch voll in Schuss. „Ich finde die Idee allgemein sehr schön, dass ein Dorf ein eigenes Ritual hat und der Wagen von Kind zu Kind weitergetragen wird“, sagt Müller.

Und damit sich auch später noch andere Menschen an den Stubenwagen erinnern, liegt ein kleines Fotoalbum bei. Noch sind es sechs Fotos mit Geburtsdaten, die dort eingeklebt wurden. Jörn Wilhelm fehlt noch und dann ist der Stubenwagen wieder vorbereitet, um das nächste Kind in den Schlaf zu schaukeln. Vielleicht schafft er ja noch sein eigenes Jubiläum. In drei Jahren wird der Wagen 100 Jahre alt.

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