Volksbank Bassum

Früher Gefängnis, heute Geldinstitut

Das Geldinstitut in der Lindenstadt war früher ein Gefängnis. Vergitterte Fenster erinnern noch heute an die Vergangenheit.
03.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anika Seebacher
Früher Gefängnis, heute Geldinstitut

Details verraten, dass die Volksbank in Bassum früher eine andere Bestimmung hatte: Einst stand an dieser markanten Stelle im Ortskern das Amtsgericht mit angeschlossenem Gefängnis.

Anika Seebacher

Mal geht es um größere Summen, mal um kleinere Beträge. Überweisungen, Transaktionen und Kundengespräche sind an der Tagesordnung. Nicht nur im Alltagsgeschäft, sondern auch in Sachen Ausstattung ähnelt die Volksbank in Bassum zahlreichen anderen Geldinstituten in Deutschland. Doch ein Detail macht das Gebäude in der Bremer Straße 28 zu einem besonderen: Bassum ist die einzige Stadt der Bundesrepublik mit einer Bank inklusive Gefängnis. Davon zeugen einige vergitterte Fenster bis heute.

Erbaut wurde das historische Haus von 1860 bis 1864. „Zuvor war das Amtsgericht dem Ensemble der Freudenburg angegliedert“, heißt es in der Chronik der Volksbank. „Als 1859, sieben Jahre nach der Trennung von Justiz von der Verwaltung, der Bezirk des Amtes und des Amtsgerichts Freudenburg vergrößert wurde, reichte das alte Etablissement, das zudem baufällig war, nicht mehr aus. So wurde in den Jahren 1860 und den folgenden das jetzige Amtsgerichtsgebäude an der Bremer Straße errichtet und anschließend dem Amtsrichter als Dienstgebäude zur Verfügung gestellt.“ Zudem gehörte ein Gefängnisflügel dazu.

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Viele Jahre urteilten Männer in Roben in den hohen Räumen über das Schicksal von Straftätern, die anschließend von Polizisten abgeführt und in das angrenzende Gefängnis gesperrt wurden. Bis 1994 sollen die Arrestzellen noch genutzt worden sein. Das Amtsgericht galt als „Gesicht Bassums“, unter anderem aufgrund seiner exponierten Lage zu einer Zeit, als es in Bassum noch keine Ortsumgehung gab. Sämtliche wichtigen Verkehrsadern aus dem Hamburger Raum in Richtung Rheinland und Ostwestfalen verliefen an dem Gebäude entlang und nach Bassum gefragt, wussten viele Autofahrer mit der Gegend etwas anzufangen.

Während des Zweiten Weltkriegs erlebte das Amtsgericht dunkle Zeiten. So wurden im Anschluss an die Pogromnacht 1938 jüdische Mitbürger aus Bassum und der Umgebung in das Amtsgerichtsgefängnis der Lindenstadt eingeliefert, unter ihnen Iwan Deichmann aus Syke. Er hatte sich zuvor durch sein „mustergültiges Verhalten im Ersten Weltkrieg“ verdient gemacht und betrieb in Syke eine Tabak- und Zigarrenhandlung, heißt es in der Biografie seines Sohnes Edgar Deichmann. In der Pogromnacht wurde Deichmann mit weiteren jüdischen Männern zunächst in der örtlichen Sporthalle gefangen gehalten und später zur Schutzhaft in die Nachbarstadt transportiert. Im Gefängnisbuch trugen die Verantwortlichen die Straftat ein: „Jude“.

Ruf nach mehr Sicherheit

Als die Herrschaft der Nationalsozialisten beendet war, blieb das Amtsgericht vorerst geschlossen. Doch der Ruf der Bevölkerung nach mehr Sicherheit ertönte so lange, bis die Einrichtung am 17. Juni 1946 wieder öffnete. Rund 50 Jahre lang dienten Amtsgericht und Gefängnis schließlich ihrem Zweck. Das Ende wurde mit der Fusion der Amtsgerichte Syke und Bassum durch die Justizverwaltung besiegelt – der Standort in der Lindenstadt wurde aufgegeben. Bis zuletzt arbeiteten zwei Richter für den Amtsgerichtsbezirk.

Im Februar 1998, also 138 Jahre nach der ersten Einweihung des Amtsgerichts Bassum, erwarb die Volksbank das Amtsgericht inklusive Gefängnis vom Land Niedersachsen. Der Kauf geht auf eine Initiative des damaligen Stadtdirektors und späteren Bürgermeisters Gerd Stötzel zurück. Als die Volksbanken Bassum, Syke und Stuhr 1993 fusionierten, waren sich die Akteure einig, dass es einen Verwaltungshauptsitz für die Kreditinstitute geben müsse. Da das unter Denkmalschutz stehende Gerichtsgebäude sowie das Gefängnis lediglich ein Viertel des benötigten Platzes für die Bankmitarbeiter stellte, wurde die erstklassig erhaltene Justizeinrichtung von 1998 bis 2001 um einen u-förmigen Anbau ergänzt und somit zum Hauptsitz der Volksbank Syke ausgebaut. Auffällig ist dabei das Bemühen, die alte Bausubstanz weitestgehend unberührt zu lassen und dabei neue Elemente stilvoll einzugliedern.

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So verbindet ein gläserner Zwischentrakt den historischen Gerichts- und Gefängnisbereich und dient heute den Kunden zum Geldabheben am Automaten. Neben dem historischen Mauerwerk der Außenmauern, die im Rahmen der Baumaßnahmen vor rund 20 Jahren neu verputzt wurden, sind auch die Gitterstäbe noch aus alten Zeiten erhalten geblieben. Die Fassade des alten Amtsgerichts wurde in einer speziellen Technik gestaltet. „Die alten Gebäudeteile stehen unter Denkmalschutz, und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese zu schützen“, sagt Markus Lüers vom Volksbank-Vorstand. Dadurch gebe es viele Auflagen, einige Teile seien nicht nutzbar. Beispielsweise gäbe es einen Dachboden. Da aber die Substanz nicht verändert werden durfte, kann die Volksbank dieses Geschoss nicht mit Leben füllen.

Insgesamt stehen den Mitarbeitern rund 2900 Quadratmeter in Form von hohen und lichtdurchfluteten Räumen zur Verfügung. „Das Gebäude spiegelt die genossenschaftliche Idee wider“, erläutert Lüers: Historisches erhalten und sich neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen zeigen. Neben den 47 Büros haben der seinerzeit beauftragte Architekt Moritz Schumacher und die Volksbank sich einige Besonderheiten einfallen lassen, die den Bankbesuch zu einem Erlebnis machen. Durch ihre Ansätze ist es den Planern gelungen, dem Publikum vieles von dem zu vermitteln, was mehr als 140 Jahre die Geschichte des Amtsgerichts Bassum geprägt hat.

Ein Blick in das Untergeschoss

Wer in der großzügigen Halle im Erdgeschoss steht, schaut früher oder später auf eine massive Glasscheibe im Boden. Ein Blick in das Untergeschoss offenbart die Vergangenheit des Ensembles: Im alten Gewölbekeller ist eine der früheren Zellen inklusive der massiven Holztür erhalten. Einst waren zehn Zellen für den Arrest vorgesehen, der bis 1994 auch vollzogen wurde. Zunächst sollte die Zelle an ihrem ursprünglichen Platz erhalten bleiben, doch das hätte das Raumkonzept der Banker durcheinandergebracht. Mit der Alternativlösung sind bis heute alle Beteiligten zufrieden.

Wo die Häftlinge untergebracht waren, bieten heute ein Veranstaltungs- und Konferenzraum im Obergeschoss die Möglichkeit für interne Meetings sowie Events für die Öffentlichkeit. Dabei machen sich die Organisatoren mitunter das geschichtsträchtige Haus zum Nutzen und lehnen ihr Konzept daran an: Seit 2014 gibt es bereits die jährlichen Jailhouse-Konzerte. „Das Gebäude bietet interessante Möglichkeiten, und die vielen Glaselemente sorgen für einen ausgezeichneten Lichteinfall“, sagt Lüers.

Nicht zuletzt im Außenbereich der Volksbank Bassum zeigt sich die langjährige Geschichte. Dort hat die Bassumer Künstlerin Heidrun Kohnert zwei Stelen und damit das Kunstwerk „Veränderungen“ entworfen. Für die zweiteilige, drei Meter hohe Skulptur nutzte sie die Steine der ehemaligen Gefängnismauer und bettete sie in Beton ein. „Ich verstehe diese Skulptur als einen Anreiz zur kreativen Erinnerung“, so Kohnert zu ihrem Werk.

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