75 Jahre Kriegsende

Als Bassum in Trümmern lag

Gerd Schlung war noch jung, als britische Soldaten die Stadt Bassum einnahmen. Gut einen Monat vor der Kapitulation des Dritten Reiches war der Krieg in der Lindenstadt vorbei. Schlung erinnert sich.
06.05.2020, 15:40
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Als Bassum in Trümmern lag
Von Tobias Denne
Als Bassum in Trümmern lag

Erinnert sich noch gut an das Kriegsende in Bassum: Gerd Schlung.

Michael Braunschädel

Bassum. Sie hörten den Kriegslärm. Hörten die Kriegstruppen, hörten, dass der Feind näherkam. „Man hatte es im Gefühl, dass es dem Ende zuging, aber man wollte es nicht wahrhaben, weil die Propaganda etwas anderes sagte“, sagt Gerd Schlung heute. Im Bunker im früheren Bassumer Rathaus warteten sie auf die britischen Soldaten. Plötzlich klopfte es an der Tür. Schlungs Vater, städtischer Beamter, öffnete. Ein Brite stand mit einem Gewehr in der Hand vor ihm. „Mein Vater hat dann die Übergabe der Stadt vollzogen“, erinnert sich Schlung. Mit den Formularen ging es zum Haus des damaligen Bürgermeisters. Da holten sie Brief und Siegel. 75 Jahre ist das nun her. Im April 1945 nahmen die Briten in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs Bassum ein. Schlung war eines von drei Kindern, im April war er sieben Jahre alt. Einen Monat später kapitulierte das Deutsche Reich, und der Krieg, der sechs Jahre nicht nur in Europa tobte und Millionen von Opfern forderte, war beendet.

Schlung selbst wohnte mit seiner Familie in der Knesenburg an der heutigen Sulinger Straße. Er saß gern am Fenster, mit Blick auf die Straße Richtung Apelstedt. An Schule, er war ein Jahr zuvor eingeschult worden, war kaum zu denken. „Ständig war Fliegeralarm. Anfangs nur nachts, später auch am Tage.“ Am 7. April 1945 „merkte ich, dass sich etwas tat. Ich saß wieder auf meinem Hochsitz“, erinnert sich der Bassumer. Kriegslärm näherte sich. Ein Trupp deutscher Wehrmachtssoldaten kam aus Apelstedt. „Die Soldaten fuhren teilweise nur noch auf ihren Felgen. Sie hatten keine Reifen mehr drauf. Das war eine heillose Flucht“, beschreibt Schlung die Szenerie. Er und seine Familie flohen ebenfalls. „Meine Mutter meinte, wir können hier nicht bleiben, weil wir voll im Beschuss liegen. Wir haben die Bettlaken aus dem Fenster gehängt und sind dann getürmt.“ Von der Knesenburg ging es über eine Auffahrt Richtung Rathaus an der Alten Poststraße. Auf dem Weg hörte die Familie plötzlich Tiefflieger der Briten. „Ich war auf dem Fahrrad, obwohl ich noch nicht fahren konnte. So ging es schneller. Meine Schwester hielt mich und als die Tiefflieger kamen, gab sie mir einen Schubs und ich rollte los. Meine Schwester versteckte sich im Graben. Wie ich angehalten habe, weiß ich nicht mehr. So habe ich Radfahren gelernt“, sagt Schlung. Im Rathaus angekommen, holten sein Vater und seine Schwester noch ein paar Decken für den Bunker, damit sie sich wärmen konnten. „Mein Vater meinte: ‚Wir bleiben hier länger‘.“

Ob er Angst gehabt habe, weiß er nicht mehr. „Als kleiner Junge sieht man die Gefahr ja nicht, das war ein Abenteuer mit außergewöhnlichen Umständen“, sagt er. Sein Vater sah sich im Bunker um und fand im Waffenschrank noch Panzerfäuste und Karabiner. Denn die Häuser in Bassum wurden von den britischen Soldaten durchsucht – fanden sie Waffen, wurden die Besitzer inhaftiert. Mit Schlungs Schwester vergrub der Vater diese im Garten des Rathauses, „damit die Engländer die bei einer Durchsuchung nicht finden, sonst wäre das mit Widerstand verbunden geworden.“

Und den gab es in den letzten Zügen des Krieges in Bassum. „Die flüchtenden Soldaten mussten sich noch wehren. Einige sind dabei gefallen. In den letzten Tagen sollte eine Straßensperre errichtet werden. Eine Gruppe Bassumer, darunter mein Vater, hat sich zusammengetan und sagte, sie wollte das nicht. Bassum lag in Schutt und Trümmern, und hier war nichts mehr aufzuhalten“, erzählt Gerd Schlung. Die Gruppe setzte sich durch, und Schlung ist überzeugt, „die haben Bassum vor dem Verfall gerettet“. Die britischen Soldaten wurden „nachher Freunde. Von denen kriegten wir Schokolade“, betont Schlung. Einmal in der Woche kam auch ein Wagen, bei dem die Truppen Tee bekamen und etwas zu essen kaufen konnten. „Für uns gab es so Gummi-Drops, mochte ich überhaupt nicht. Die waren hart und klebten an Zähnen fest. Aber es war ja was Süßes, und das war schön.“

Dennoch war die Zeit, nachdem die britischen Soldaten die Stadt eingenommen hatten, nicht einfach für die Bassumer. „Die Front zog weiter, hier wurde eine Ausgangssperre verhängt. Wir waren wie eingesperrt“, erinnert sich Schlung an die erste Zeit. Nach und nach wurde die Sperre gelockert, sodass man auch wieder vor die Tür treten konnte. „Wir Jugendlichen waren richtig verwildert. Die Engländer hatten große Verpflegungspakete, die zu den Schützengräben gingen mit Brot, Aufschnitt und so weiter. Wir haben das einmal gemacht, dass wir bei den Fahrzeugen die Kisten aufgebrochen und die Pakete genommen haben“, berichtet Schlung. Als er nach Hause kam, fragte seine Mutter, woher er die habe. „Wir haben das von den Engländern. Soll ich das zurückbringen?“, fragte er sie. Sie vereinte: „Sowas Schönes können wir nicht zurückbringen, aber sagt es bloß nicht deinem Vater.“

Der durfte übrigens nach der Entnazifizierung im Amt bleiben. „Er musste Zeugen beibringen, weil jeder gesagt hat, er habe von nichts gewusst. Mein Vater hatte sich offensichtlich sehr neutral verhalten und war auch als Gegner der Straßensperre dabei.“

Wenn Schlung an die Nachkriegszeit denkt, dann spricht er immer wieder von einem Überlebenskampf und von einer verrückten Zeit. „Die älteren Jugendlichen knackten Granaten und spielten mit den Zündschnüren“, erinnert er sich. Vor allem wurden Waren und Lebensmittel getauscht. „Man half sich untereinander und versuchte, sich über die Runden zu bringen“, betont der Bassumer.

So sei mal eine Frau vorbeigekommen, die aus einem Wehrmachtslager Schokolade gestohlen habe. Damit habe sie gehandelt. „Es wurde auch schwarz geschlachtet. Bauern durften nicht ihre eigenen Schweine schlachten, sondern mussten alles abgeben. Nachts wurde das Schwein geschlachtet, man musste nur aufpassen, dass die Nachbarn nichts hörten“, erzählt Schlung. Er selbst war als Laufjunge im Krankenhaus und holte Medikamente aus der Apotheke, bekam dafür Abendessen. Seine Schwester arbeitete derweil in der Küche und konnte ein paar Scheiben immer wieder verschwinden lassen, sodass Schlung und seine Eltern etwas mehr zu essen bekamen. „Wenn etwa die Leute auf die fahrenden Güterwaggons sprangen und die Kohle runterwarfen, während andere unten standen. Das war nicht mutig, das war ein Überlebenskampf.“

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