Tiergestützte Lerntherapie

Mit Herz und Hund

Jessica Volk hat sich irgendwann gedacht: „Das muss auch anders gehen.“ Daher hat sie sich überlegt, mit ihren Hunden die tiergestützte Lerntherapie anzubieten. Dafür fährt sie auch an Schulen.
21.10.2020, 17:22
Lesedauer: 4 Min
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Mit Herz und Hund
Von Tobias Denne

Bassum. Lotte hat keine Lust. Entspannt liegt sie auf dem Boden und schaut Mika nur fragend an. Die Schülerin fordert Lotte auf, doch ein kleines Säckchen zu holen. Dann steht die Hündin auf und läuft zu dem Haufen aus Säckchen, bringt Mika eines und bekommt zur Belohnung gleich ein Leckerli. Dann legt sie sich wieder hin. Mika dagegen ist noch nicht fertig. Nachdem sie den Inhalt des Säckchens auf dem Tisch ausgekippt und Lotte belohnt hat, geht die Kopfarbeit los. Ein Plättchen mit einem „U“ liegt vor der 13-Jährigen auf dem Tisch. Mika nimmt einen Würfel in die Hand und würfelt. Die obere Seite zeigt „Verb“.

Das Spiel ist nur eines von vielen, die Jessica Volk aus Groß Ringmar an diesem Tag mit in die Prinzhöfte-Schule nach Bassum gebracht hat. Mika ist Legasthenikerin und wird mithilfe der tiergestützten Lerntherapie gefördert. „Mein Thema ist die Motivation“, sagt Volk. Sie setzt die Tiere, entweder Lotte, deren Eltern Elmo und Ronja oder einen Esel, ein, damit Kinder und Jugendliche sich motivieren lassen. „Hunde haben einen hohen Motivationsfaktor. Gleichzeitig reduziert sich dadurch natürlich die Zeit, einen Text zu schreiben oder eine Aufgabe zu rechnen“, weiß Volk, die seit mehr als drei Jahren diese Art der Lerntherapie anbietet.

Entweder bei sich in der Praxis in Groß Ringmar oder eben an Schulen wie der Prinzhöfte. Mika ist seit knapp einem halben Jahr bei ihr. „Ich finde es cool, dass bei den Stunden ein Hund dabei ist. Und es hilft mir bei meiner Rechtschreibung“, sagt sie. Und genau das ist es, was Jessica Volk erreichen möchte. „Am besten lernt man, wenn man nicht weiß, dass man lernt“, sagt sie. Sicher, bei einer Therapiestunde wissen die Kinder und Jugendlichen, dass es ums Lernen geht. Aber oft gehen Arbeit und Spiel in einer Einheit ineinander über.

So wie an diesem Tag. Mika schickt Lotte wieder zu den Säckchen. Diesmal bringt sie zwei auf einmal. „Sie ist ganz schön schlau, so muss sie nicht zweimal laufen“, sagt Volk anerkennend. Nun muss Mika einen Satz bilden, bei dem ein Nomen mit dem Anfangsbuchstaben „B“ vorkommt. Gar nicht so einfach. Mika überlegt. Der Block liegt vor ihr, den Stift hat sie in der linken Hand. Vorsichtig fragt sie: „Die Bäume verlieren im Herbst ihre Blätter?“ Sie fängt an zu schreiben. Volk geht mir ihr nahezu jedes Wort durch. „Ich gebe keine Wörter vor, denn auch im Diktat in der Schule benutzen sie ihre eigenen Wörter. Die sollen sie schreiben können“, erzählt Volk. Mika hat ein paar Schwierigkeiten, wann man „äu“ benutzt und wann „eu“.

Die Verbindung aus Lernen und Spielen ist entscheidend für die Arbeit von Jessica Volk. Ihrem Sohn wurde eine Legasthenie diagnostiziert, bei dessen Lerntherapie wurde vor allem mit Wiederholung gearbeitet. „Es muss doch auch anders gehen als stumpfe Wiederholung“, sagte sie sich. Die Arbeit mit den Hunden sei eine andere Methode, die die Kinder und Jugendlichen motiviert. Volk würde gerne mehr Zweitklässler fördern, um in der Zeit diese zu begleiten, wenn die Grundlagen gelegt werden. Ihr jüngster Patient geht gerade in die vierte Klasse, der älteste in die neunte.

Mika liegt also etwa in der Mitte. Beim Besprechen der Sätze, die sie geschrieben hat, soll die 13-Jährige möglichst selbst auf die Lösung kommen und erkennen, warum sie ein Wort falsch geschrieben hat. Lotte hat derweil Pause und liegt wieder entspannt auf dem Boden. „Ich versuche, den Fokus auf das zu legen, was gut läuft“, sagt Volk. Bei der Leistungsbewertung in der Schule fehlt ihr das häufig. Wenn ein Kind bei einem Diktat 15 Fehler gemacht hat, wird es mit „ungenügend“ bewertet. Lernt es, verbessert sich und macht beim nächsten vielleicht nur noch zehn, wird das Diktat trotzdem mit „ungenügend“ benotet. Dadurch steigert sich laut Volk die Frustration und die Hürde, überhaupt zu lernen, werde höher. „Über das, was gut funktioniert, wird die Motivation gefördert“, ist Volk überzeugt.

Bei der tiergestützten Lerntherapie verbindet sie alles, was sie beruflich gelernt hat. Angefangen als Tierarzthelferin über Tierheilpraktikerin und dem Studium der sozialen Arbeit bis hin zur Fortbildung über Legasthenie und Dyskalkulie. „In der Schule wusste ich schon, dass ich etwas Soziales oder etwas mit Tieren machen möchte“, erinnert sich Volk und lacht. Zwar kommen die meisten Kinder und Jugendliche zu ihr in die Praxis, aber mittlerweile ist sie auch oft an der Prinzhöfte-Schule. Ebenfalls oft dabei ist Lotte. Wenn die Schüler bei ihr ein Diktat schreiben müssen, dann ist ein Hund dabei – auch ohne Spiel. „Die Tiere beruhigen unterbewusst ein bisschen. Ähnlich wie ein Bürohund“, sagt Volk.

Allerdings ist nicht alles rosig bei der Frau aus Groß Ringmar. Das liegt daran, dass vor allem beim Antrag beim Jugendamt gleich mehrere Hürden überwunden werden müssen, damit die Kosten übernommen werden. Zunächst muss eine Legasthenie oder Dyskalkulie vorliegen, außerdem besteht nur ein Anspruch, wenn schon weitere komplexe Störungsbilder (Depression, Angststörung oder ähnliches) vorhanden ist. Ebenso muss die soziale Teilhabe gefährdet sein, erst dann kann eine Lerntherapie bewilligt werden. „Die Entscheidungen sind in den zuständigen Jugendämtern sehr unterschiedlich“, weiß Volk. Die andere Möglichkeit: Man zahlt es aus eigener Tasche – und das kann sich nicht jeder leisten. „Die soziale Ungleichheit stört mich“, sagt sie.

Lotte jedenfalls strahlt während der Einheit eine ausgeprägte Ruhe aus. Zum Abschluss kriegt sie von Mika noch ein Leckerli als Dankeschön. Dann klappt Jessica Volk den Block zu und Mika geht wieder in den Unterricht. Bis zur nächsten Woche.

Weitere Infos zum Angebot von Jessica Volk gibt es auf der Internetseite www.lerntherapie-volk.de.

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