Friedhof Bassum

Grabstein bleibt wichtig

In Bassum verändert sich, wie auch in anderen Städten, die Friedhofs- und Trauerkultur. Die Grabmale werden kleiner, die Urnenbestattungen nehmen zu. Braucht es überhaupt noch einen Grabstein, um zu trauern?
16.10.2020, 17:16
Lesedauer: 3 Min
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Grabstein bleibt wichtig
Von Tobias Denne
Grabstein bleibt wichtig

Haben in den vergangenen Jahren einige Veränderungen in der Friedhofs- und Trauerkultur miterlebt: Georg Vogt (von links), Petra Haase, Waltraud Israel, Wiardus Straatmann stehen beim ältesten Grabstein auf dem Bassumer Friedhof.

Tobias Denne

Bassum. Die Sonne ragt am Himmel und wärmt die Luft in diesen ersten richtigen Herbsttagen. Bei jedem Windstoß rieselt Laub von den Bäumen und landet auf den Wegen oder den Rasen. Idyllisch kommt der Bassumer Friedhof daher. Beim Blick über das rund fünf Hektar große Gelände fallen nicht nur die zahlreichen Grabsteine auf, sondern auch die freien Flächen zwischen den Gräbern. Der Friedhof verändert sich.

Das liegt bekanntermaßen an der steigenden Zahl der Urnenbestattungen – auch in Bassum. Wurden vor 20 Jahren noch 141 Menschen in Särgen bestattet und elf in einer Urne, hat sich das mittlerweile geändert. So gab es in Bassum im Vorjahr 63 Bestattungen in Särgen, 58 in Urnen. Der Vorsprung wird immer dünner. Und dennoch: Anonyme Gräber spielen in Bassum noch eine untergeordnete Rolle. „Die Gräber sind dann schwerer wiederzufinden“, weiß Petra Haase von der Friedhofsverwaltung. Denn ohne Grabstein oder Stele muss man schon ganz genau wissen, wo die Person beerdigt wurde. Für eines der Symbole der letzten Ruhestätte steht der Grabstein. Seit drei Jahren gibt es dafür einen eigenen Tag, den 17. Oktober.

Viele Angehörige wollen gar kein anonymes Grab, wollen lieber den Grabstein – stehend oder liegend. „Man hat dann einen Stein, auf dem der Name steht und es kann sich eine enge Bindung entwickeln“, sagt Haase. Das bestätigt auch Waltraud Israel vom Friedhofsausschuss: „Die Leute wollen einen Ort haben, zu dem sie gehen können.“ Auch zur Trauerbewältigung. Dabei ist es ganz gleich, wie der Stein aussieht. Fielen diese früher deutlich üppiger und pompöser aus, ist das bei den aktuellen Steinen nicht mehr der Fall. „Ganz früher war so ein Grabstein mehr ein Statussymbol“, weiß Israel. Pastor Wiardus Straatmann betont, „Grabsteine sind wichtig für den Trauerprozess“.

Es zeigt sich, die Friedhofs- und Trauerkultur in Bassum unterliegt einem Wandel. Dabei sind die Grabsteine lediglich die Spitze des Eisberges. „Der Trend geht eindeutig zur Individualisierung“, betont Pastor Straatmann. Nicht nur bei den Steinen, sondern auch bei der Trauerfeier. Heutzutage gibt es viel häufiger freie Redner in den Feiern und es wird mehr Musik von CD ab-, als mit der Orgel vorgespielt. Das liegt natürlich auch daran, dass immer mehr Menschen immer weniger etwas mit der Kirche anfangen können. Dann war der Verstorbene noch Mitglied, die Angehörigen sind es aber schon nicht mehr. Außerdem: „Es sollen nicht mehr so aufwendige Grabstätten sein“, berichtet Haase vom Trend zu weniger Grab-Arbeit. Das liegt auch daran, dass die Angehörigen der Verstorbenen oft nicht mehr am selben Ort wohnen. „Die Älteren wollen ihren Angehörigen möglichst wenig zur Last fallen. Auch bei der Grabpflege“, sagt Straatmann. Denn mit einem Grab verpflichtet man sich auf 30 Jahre Pflege. Daher bietet die Kirche den Bassumern an, die Pflege zu übernehmen. Dafür müssten die Angehörigen aber mehr bezahlen. Gleichzeitig entfällt die Verpflichtung und ein Grabstein ist auch im Preis mit drin.

Bedeutet das, das Ende der Friedhöfe? Im Gegenteil. „Wir wollen einen Aufenthaltscharakter und es schaffen, dass sich die Leute hier wohlfühlen“, sagt Israel. So solle der Friedhof gepflegt sein und mit Bänken zum Verweilen einladen. „Wir wollen neue Ideen einbringen, aber dafür braucht es ein Konzept“, sagt die Ehrenamtliche. Eine dieser Ideen ist die Einführung eines Baumgrabes. „Das gibt es schon in Syke und wir wollen es im kommenden Jahr umsetzen und einführen“, sagt Georg Vogt, Vorsitzender des Friedhofsauschusses. So hätten die Menschen weiterhin einen Bezug zum Grab des Angehörigen oder Freundes. Eine weitere Idee ist, im hinteren Teil des Geländes einen Blühstreifen anzulegen und Obstbäume zu pflanzen, dessen Früchte sich Besucher mitnehmen können.

Wichtig dafür ist: Dort wurde noch nie beerdigt. Bei der letzten Erweiterung des Friedhofes im Jahr 1947 wurde der Platz hinzugekauft, aber nie benutzt. Dass sich der Friedhof derart verändert, war zu dem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Dabei ist der Bassumer einer der größten mit seinen rund 10 300 Grabstellen. Und der macht eine Menge Arbeit. „Was früher lief, das funktioniert nicht mehr. Die Mitarbeiter haben mehr zu tun, wir aber weniger Einnahmen“, sagt Israel. So würde alles, was den Friedhof betreffe, von den Beerdigungen bezahlt – er müsse sich selbst tragen.

Die erste Beerdigung fand übrigens im Jahr 1850 statt. Heinrich Wilhelm Nöldeke wurde unter einem gusseisernen Kreuz zu Grabe getragen. Davor war der Kirchhof der Ort der Beerdigungen. So wurde entweder um die Stiftskirche beerdigt oder in der Kirche. „Man hat hier gelebt, es standen Obstbäume auf dem Hof und es wurde gespielt. Irgendwann hat es bestialisch gestunken“, hat Israel herausgefunden. Also wurde ein Stück Land vom Stift gekauft und der Friedhof angelegt. Inzwischen haben sich zahlreiche Bassumerinnen und Bassumer dort in die Erde bringen lassen. Logisch, dass auch der eine oder andere bekanntere Name darunter ist. Agnes Schlu beispielsweise, die großzügige Stifterin. „Ein Stück Stadtgeschichte“, betont Israel. Diese Grabsteine sollen – auch wenn die Grabstelle aufgegeben wird – nicht verschwinden, sondern einen neuen Platz auf dem Friedhof finden. Und so Geschichte erlebbarer machen.

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