Interview

„Zu viel Sozialarbeit gibt es nicht“

Seit September 2019 ist Jennifer Görlitz Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Mittelstraße in Bassum. Im Interview spricht sie über die ersten Wochen und über die Arbeit mit Kindern, Eltern und Lehrern.
18.12.2019, 17:47
Lesedauer: 6 Min
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„Zu viel Sozialarbeit gibt es nicht“
Von Ivonne Wolfgramm
„Zu viel Sozialarbeit gibt es nicht“

Herzlich aufgenommen: Schulsozialarbeiterin Jennifer Görlitz.

Michael Braunschädel
Wie haben Sie Ihre ersten Wochen an der Grundschule Mittelstraße erlebt?

Jennifer Görlitz: Ich bin hier unheimlich herzlich aufgenommen worden. Mein Glück war es aber auch, dass die Schule bereits vorher mit einem Sozialarbeiter versorgt war. Er war vier Jahre hier und hat eine sehr gute Vorarbeit geleistet. Daher hatte ich hier einen super Einstieg. Man gibt mir viele Möglichkeiten, mich auszuprobieren, in Ruhe anzukommen, die Kinder und ihre Schwerpunkte kennenzulernen.

Was sind das für Schwerpunkte?

Im Moment konzentriere ich mich auf Sozialtrainings, aber auch die Streitschlichter sollen wieder an den Start gehen. Das ist eine AG, in der die Kinder dazu ausgebildet werden, kleine Streitigkeiten selber klären zu können. Natürlich nicht die großen Streitigkeiten, dafür sind wir Erwachsenen da. Ich arbeite auch viel auf Anfrage. Wenn ein Lehrer mir mitteilt, dass es gerade in der Klasse nicht so gut läuft, setzen wir uns zusammen und überlegen uns gemeinsam eine Lösung.

Wie sieht so ein Sozialtraining aus?

Das sind einzelne Übungen, die ich mit den Kindern mache. Die sind ganz unterschiedlich. Manchmal braucht man Materialien dafür, manchmal nur die Kinder. Es geht es immer darum, das Gruppengefüge und Miteinander zu stärken und den Kindern beizubringen, aufeinander zu gucken.

Haben Sie ein Beispiel?

Der Gordische Knoten ist so eine Übung. Dabei laufen die Kinder mit geschlossenen Augen aufeinander zu und fassen sich dann an den Händen. Sie stehen dann völlig verknotet zueinander. Sie müssen dann versuchen, sich ohne Loslassen und Kreischen auseinander zu knoten.

Das ist wahrscheinlich nicht ganz einfach für die Kinder.

Nein, aber es funktioniert. Die Kinder sind nachher unheimlich stolz, wenn sie es geschafft haben.

Es macht den Eindruck, als ob die Schulsozialarbeit in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Sind die Kinder unsozialer geworden?

Ich glaube, dass der Bedarf damals noch nicht so gesehen wurde. Zeiten verändern sich einfach. Ich bin total dankbar, dass mittlerweile ganz früh auf das Soziale geguckt wird. Früher gab es Sozialarbeit meist an den weiterführenden Schulen. Oftmals ist es da aber so, dass das Kind sprichwörtlich schon in den Brunnen gefallen ist. In den Grundschulen kann man versuchen, schwierig laufende Dinge vorzeitig zu bearbeiten. Dadurch kann man vielleicht Probleme an den weiteren Schulen verkleinern. Das ist zumindest das Oberziel. Es wird uns nicht immer gelingen, aber man sollte es versuchen.

Welche Rollen spielen die Eltern in Ihrer Arbeit?

Eine große Rolle, mehr noch als in den weiterführenden Schulen. Ich arbeite immer auch mit den Eltern. Wenn sie das Gefühl haben, zuhause läuft es schlechter, oder die Kinder kommen in der Schule nicht mehr so mit, dann können sie mich kontaktieren. Auch beim Ausfüllen von Anträgen bin ich behilflich. Etwa wenn es darum geht, Bildungs- und Teilhabepakete zu beantragen. Ich gucke dann mit ihnen auf die Anträge und erkläre, was da drin steht. Allerdings habe ich eine Schweigepflicht. Wenn ein Kind mir im Vertrauen etwas erzählt, dann darf ich mit den Eltern darüber nicht sprechen.

Kommt das häufig vor?

Das kann ich noch nicht beurteilen. Es ist zwar schon so, dass Kinder mit Geschichten zu mir kommen. Bisher waren es aber in den seltensten Fällen Geschichten, über die ich schweigen muss. Ich darf auch nicht mit Lehrern drüber sprechen, wenn die Kinder das nicht wollen. Die Kinder sollen mir ja vertrauen können. Gleiches gilt für die Eltern. Wenn sie auf mich zukommen und nicht wollen, dass ich mit den Lehrern drüber spreche, dann darf ich das auch nicht.

Kann die Schweigepflicht bei manchen Konflikten oder Schwierigkeiten nicht hinderlich sein?

Ich kann natürlich darauf hinwirken, die Eltern mit einzubeziehen. Von mir aus darf ich das Gespräch aber nicht anleiern. Das Kind müsste mir dann die Erlaubnis geben, mit seinen Eltern zu sprechen. Und solche Gespräche geschehen im Beisein des Kindes.

Wie nehmen die Kinder Sie denn an?

Es ist für sie immer noch schwierig, zwischen Lehrer und Sozialarbeiter zu unterscheiden. Ich bin ja auch ein Erwachsener. Ich habe aber eine Sonderrolle, die die Kinder erst einmal fühlen müssen. Ich bin niemand, der ihnen Noten gibt oder sie beurteilen muss. Für mich ist es gar nicht wichtig, wie viel Leistung ein Kind erbringt. Vertrauen baut sich nicht von heute auf morgen auf. Aber ich habe das Gefühl, dass die Kinder mir schon vertrauen. Wenn sie etwas beschäftigt, dann kommen sie genauso auf mich zu wie zu den Lehrern. Ob das irgendwann einen intensiveren Charakter annimmt, das kann ich noch nicht sagen. Dazu bin ich noch nicht lange genug hier.

Das klingt so, als ob ihre erste Zeit hier sehr positiv war. Wie sieht denn für Sie ein typischer Arbeitstag an der Grundschule Mittelstraße aus?

Absolut. Jeder Tag ist anders und eine neue Herausforderung. Ich könnte Ihnen jetzt meinen Kalender zeigen und Sie würden feststellen, dass jede Woche anders ist. Ich habe keinen üblichen Stundenplan wie ein Lehrer. Stattdessen arbeite ich nach Bedarf. Dazu zählen Außentermine an anderen Schulen oder mit den Sozialarbeitern der weiterführenden Schulen sowie Gespräche mit Eltern oder Kindern. Es kann auch immer sein, dass Streitsituationen zwischen Kindern entstehen, die sofortigen Klärungsbedarf haben. Es kommt auch vor, dass ich gesondert mit einzelnen Kindern arbeite, die Schwierigkeiten mit dem Gruppengeschehen haben. Die Ganztags- und Hausaufgabenbetreuung kommt auch noch dazu. Es ist ein ganz bunter Alltag.

Wenn Sie mit den Kindern Konflikte lösen wollen, findet dass dann während der Unterrichtszeit oder in der Pause statt?

Es hängt davon ab, wann der Konflikt entstanden ist. Meistens sind das akute Sachen, bei denen sich die Kinder heftig gestritten haben. Wenn sie das jetzt klären wollen, dann machen wir das sofort. Immerhin ist es ja wichtig für die Kinder, dass sie zur Ruhe kommen und der Streit geklärt ist. Da kann ich das nicht auf später verschieben. Oftmals schaffen die Kinder es aber auch, kleinere Streitigkeiten alleine zu lösen.

Lernen die Kinder Zuhause keine Sozialkompetenz mehr?

Doch, natürlich. Aber man darf ja nicht vergessen, wie viel Zeit ein Kind in der Schule verbringt. Das ist der größte soziale Rahmen, den es hat. Selbst wenn das Kind Zuhause ganz viel sozialen Umgang lernt, hat es nie so viele andere Kinder um sich wie in der Schule.

Sie haben nur eine halbe Stelle inne. Stoßen Sie damit manchmal an Ihre Grenzen?

Man kann nie genug Stunden haben. Ich mache diese halbe Stelle aber aus gutem Grund, meine Tochter ist erst anderthalb Jahre alt. Mehr würde ich derzeit einfach nicht leisten können und wollen. Grundsätzlich würde man hier an der Grundschule mit einer ganzen Stelle viel mehr machen können. Zu viel Sozialarbeit gibt es nicht.

Sehen Sie es als Nachteil, dass es wenig männliche Schulsozialarbeiter gibt?

Ich glaube, es ist immer gut, wenn man beides abdecken kann. Es kann ja durchaus geschlechterspezifische Schwerpunkte geben. Man sollte sich aber mit dem zufrieden geben, was da ist. Ich denke, für die Kinder war es ganz toll, dass mein Vorgänger Arndt Ohmann als männlicher Part hier war. Es gibt hier an der Schule aber auch Lehrer, sodass wir das auch abdecken können.

Ihre Kollegin, die Sozialarbeiterin der Grundschulen Petermoor und Nordwohlde, geht demnächst in Ruhestand. Weil die Landesschulbehörde als Dienstherr bisher keine Zusage für eine Weiterbesetzung gegeben hat, will die Stadt Bassum die Stelle vorübergehend aus eigenen Mitteln finanzieren. Was denken Sie darüber?

Es ist toll, dass die Stadt das macht. Am Ende ist es doch egal, wer es bezahlt. Es ist gut, dass jemand da ist. Für mich ist das genauso ein Kollege wie jemand, der über das Land angestellt ist. Den Kindern ist es auch egal, wo er herkommt. Die Fragen da ja nicht nach. Wichtig ist, dass jemand da ist und die Kinder aufgefangen werden können.

Das klingt danach, dass der Bedarf an Schulsozialarbeitern in Zukunft steigt.

Jedes Kind ist anders. Und sich mit dem Anderen zu verstehen, ist ein Stück weit Arbeit. Es gibt ganz unterschiedliche kulturelle Hintergründe. Jedes Kind kommt aus einem anderen Haushalt und hat andere Dinge gelernt. Dennoch müssen die Kinder lernen, miteinander zu harmonieren. Wir sind dafür da, um das soziale Miteinander zu stärken.

Das Gespräch führte Ivonne Wolfgramm.

Info

Zur Person

Jennifer Görlitz

ist seit September 2019 Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Mittelstraße in Bassum. Sie stammt gebürtig aus Witten und war vor ihrem Studium der Sozialen Arbeit in Bochum als Krankenschwester tätig. 2017 kam sie nach Bassum und war hier unter anderem in der Schulsozialarbeit und anderen Projekten tätig.

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