Lindenbergplatz Fleckenrat lehnt Platzbenennung ab

Der Antrag der Grünen, einen Platz in Bruchhausen-Vilsen nach einer jüdischen Familie zu benennen, wurde am Mittwoch auch im Fleckenrat abgelehnt. Diese Entscheidung stößt abermals auf Unverständnis.
15.07.2021, 17:37
Lesedauer: 4 Min
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Fleckenrat lehnt Platzbenennung ab
Von Antonia Blome

Bruchhausen-Vilsen. Ein vorläufiges Ende fand am Mittwochabend die Diskussion um die Benennung des Platzes in Höhe der Bahnhofstraße 53 in Bruchhausen-Vilsen. Der Fleckenrat lehnte den Antrag der Grünen ab, den Platz nach der jüdischen Familie Lindenberg zu benennen, die dort rund 150 Jahre lang gelebt hatte, ehe der nationalsozialistische Terror sie vertrieb. Nachdem zahlreiche interessierte Bürger bereits am Dienstag nach der Ablehnung des Antrags im Jugend- und Sozialausschuss ihren Unmut lautstark bekundet hatten (wir berichteten), startete auch der Fleckenrat mit einer kritischen Stimme aus dem Publikum.

Peter Schmidt-Bormann von der Geschichtswerkstatt des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) ist das Argument, dass die "Faktenlage zu dünn" sei, unverständlich. Wer sich wirklich für dieses Thema interessiere, hätte in den 14 Monaten auch Zeit gehabt, ausreichend zu recherchieren und Fakten zu sammeln. "Die Erforschung ist abgeschlossen und die Tatsache, dass die Familie Lindenberg dort gelebt hat, ist klar", sagte er. Der Umgang sei ein "Affront" gegen die, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt hätten. Gemeinsam mit Angehörigen der Familie Lindenberg und Ulrike Meyer recherchierten Schüler des Gymnasiums in Bruchhausen-Vilsen die Schicksale jüdischer Familien in der NS-Zeit.

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Zu einem bewussten Umgang mit der Vergangenheit rief Bernd Schneider (Grüne) auf. Laut ihm hat sich die Synagoge in Hoya im Juli des vergangenen Jahres in einem Brief an die Ratsmitglieder gewandt. Dabei hätten sie einen Irrtum klargestellt und darauf hingewiesen, dass sie nicht davon abraten würden, Einrichtungen nach einzelnen Personen zu benennen. Die Neubenennung sei ganz im Gegenteil eine Möglichkeit, die Familie Lindenberg zu würdigen. Laut dem Ratsmitglied hat die Gegenseite keine ernsthaften Argumente gegen den Vorschlag. Emotional zeigte sich Werner Pankalla (CDU): "Wir sollten vernünftig sein und uns für den Namen Lindenbergplatz entscheiden", rief er die Ratsmitglieder vehement auf. "Wie lang wollt ihr das noch hinausschieben?"

Laut Willy Immor (CDU) fordert allerdings die Mehrheit der Christdemokraten statt einer Neubenennung die Errichtung einer Gedenkstätte, die alle Opfer gleichermaßen berücksichtigt. Eine differenzierte Meinung äußerte Hermann Hamann (SPD): Er lehnt, wie er sagte, eine neue Namensgebung nicht grundsätzlich ab. "Allerdings würdigen wir damit nur eine Familie und nicht alle Betroffenen", warf er ein. Ein Großteil der Familie Lindenberg habe die NS-Zeit überlebt. Dagegen sei die Familie Hanau aus Bruchhausen-Vilsen vollständig ausgelöscht worden. Hamann warf die Frage in den Raum, ob diese Menschen nicht eher gewürdigt werden sollten. "Die Vehemenz, mit der die Namensgebung gestern verfolgt wurde, hat mich irritiert", bemängelte er darüber hinaus. Eine Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte soll laut Reinhard Thöle (SPD) bis zur Verwaltungsausschuss-Sitzung am 11. August eingerichtet werden.

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Kritisch zur Sitzung des Flecken-Ausschusses für Jugend und Soziales äußerte sich auch Bernd Garbers (SPD). Die Unterstützer der Neubenennung würden lediglich ihre eigene Meinung für richtig und alle anderen für falsch halten. "Was auch gestern von den Einwohnern kam, war ganz großer Mist", sagte er. Reinhard Thöle wies in Bezug auf den gegenseitigen Umgang der Jugendausschusssitzung auf ein anderes Thema hin. Die Fraktionen von SPD und CDU haben aufgrund der Art und Weise, wie Nicole Reuter (Grüne) die Ausschusssitzung am Vorabend geführt hatte, einen Missbilligungsantrag gestellt. Sie habe beispielsweise Einwohner, die nicht im Flecken wohnhaft sind, zu Wort kommen lassen und bewusst Stellungnahmen statt Fragen geduldet.

Letztendlich lehnte der Fleckenrat den Antrag der Grünen bei einer Enthaltung mit 14 von 23 Stimmen ab. "Gestern war ich enttäuscht und habe mich wenig vertreten gefühlt, heute bin ich erschüttert und fühle mich überhaupt nicht vertreten", bedauerte Peter Schmidt-Bormann. Die Kommunalwahl werde für ihn eine schwierige Angelegenheit, da Appelle in der Politik anscheinend keine Wirkung zeigen würden. Auch für Vera Henze aus dem Publikum war dies die falsche Entscheidung. Bisher ist sie, wie sie sagte, in Bruchhausen-Vilsen zum Beispiel im Tourismus-Service sehr engagiert. Ob sie diesen Einsatz weiter erbringen werde, sei für sie nun fraglich. Eine andere Zuschauerin zeigte sich besorgt über den Eindruck, den diese Entscheidung nach außen hinterlassen würde. "Für alle, die braun angehaucht sind, wurde hier heute das falsche Zeichen gesetzt", kritisierte sie. "Gerade angesichts der aktuellen Zahlen zu antisemitischen Vorfällen frage ich mich, ob wir die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben." Spannungsgeladen und mit verhärteten Fronten gingen die Teilnehmer schließlich auseinander.

Zur Sache

Mehr Wohnraum in Bruchhausen-Vilsen

Laut Bürgermeister Lars Bierfischer gibt es im Flecken schon länger den Plan, einen strategischen Partner zu suchen, um mehr Wohnraum zu schaffen. Dieser wurde nun gefunden: Mit 0,5 Prozent beteiligt sich der Flecken an der Wohnbau Diepholz GmbH, die in Bruchhausen-Vilsen etwa 60 Wohnungen besitzt. Der Kaufpreis von über 42.500 Euro müsse außerplanmäßig beschafft werden. Reinhard Thöle (SPD) befürwortete den Plan: "Wir begrüßen die Beteiligung, denn die Schaffung von günstigem Wohnraum ist eine wichtige Aufgabe des Rats." Mit 22 von 23 Stimmen und einer Enthaltung wurde der Vorschlag angenommen.

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