Luftkurort Bruchhausen-Vilsen

Luftkurort ohne Kur

Bruchhausen-Vilsen bleibt Luftkurort. Das hat das niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr beschlossen. Vorher musste die Samtgemeindeverwaltung einiges an Arbeit dafür verrichten.
14.09.2021, 17:26
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Luftkurort ohne Kur
Von Micha Bustian
Luftkurort ohne Kur

Geschafft: Bruchhausen-Vilsen darf sich weiter „staatlich anerkannter Luftkurort“ nennen – zur Freude von Lars Bierfischer (links), Christa Gluschak, Sarah Verheyen und Bernd Bormann.

Michael Galian

Bruchhausen-Vilsen. Es war Juni, als Christa Gluschak und Sarah Verheyen einige Vertreter des Amtes für regionale Landentwicklung (ArL) auf eine Radtour eingeladen hatten. Es ging vorbei am Tourismus-Service, Museumsbahnhof, Wasserspielplatz, Marktplatz, Amtshof und Rathaus. Im Vilser Ortskern wiesen die beiden Damen von der Samtgemeindeverwaltung die Amtmänner und -frauen noch darauf hin, dass zurzeit ein Hotel gebaut und ein weiteres saniert werde. Das Ziel: die Erlaubnis, den Titel "Luftkurort" für weitere zehn Jahre führen zu dürfen. Um es kurz zu machen: Dieses Ziel wurde erreicht.

Seit nunmehr 45 Jahren ist Bruchhausen-Vilsen ohne Unterbrechung "der einzige Luftkurort zwischen Bremen und Hannover", wie es Fleckenbürgermeister Lars Bierfischer bei einer Freiluft-Pressekonferenz am Dienstag im Kurpark formulierte. Auf der Urkunde stünde immer dasselbe, doch der damit verbundene Arbeitsaufwand habe sich "enorm gesteigert". Eine Stundenzahl möchte niemand nennen. Wäre auch schwierig, findet Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann. "Man muss das ganzheitlich betrachten. Es beschäftigt das ganze Rathaus das ganze Jahr über zu sehen, ob die Aufgabe, die gerade erfüllt werden soll, auch mit dem Luftkurort zusammenpasst." Christa Gluschak, bei der Samtgemeinde zuständig für regionale Entwicklung, Förderprogramme und Tourismus, sagt: "Allein der Antrag ist ein immenser Aufwand." Sie beziffert das auf etwa zwei Monate, die Sarah Verheyen vom Tourismus-Service dafür investiert habe. Diese wiederum begründet: "Ich möchte das ja auch perfekt machen."

Radtour mit Überzeugungskraft

Doch auch unabhängig vom Antrag, für den 80 Fragen beantwortet werden mussten, ist einiges zu erledigen. Neben der Radtour mit den ArL-Vertretern. Christa Gluschak und Sarah Verheyen trugen mit Unterstützung der Auszubildenden Alina Meyer Angaben zur Infrastruktur und zum Ortsbild zusammen. Zudem ging es um Themen, die weit über die Rubriken "Luft" und "Kur" hinausgingen. Abwasser- und Abfallentsorgung wurde vom niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr abgefragt, dazu Erholungseinrichtungen, Ruhe- und Grünzonen, Bebauungs- und Flächennutzungspläne sowie Lärmschutz. Freizeiteinrichtungen standen ebenfalls auf der langen Liste des Ministeriums, ebenso das Rad- und Wanderwegenetz, Kultur, Sport, Barrierefreiheit und einige Statistiken. 

"Daneben ist eine zentrale Anlaufstelle, der Tourismus-Service, mit seinem breit gefächerten Angebot von hoher Bedeutung", schreibt Sarah Verheyen in einer Pressemitteilung. Dieser zentrale Anlaufpunkt wird in Bruchhausen-Vilsen gut genutzt. "Kürzlich ist uns das Flyermaterial ausgegangen", freut sich Verheyen. Das gelte auch für die, die dem Mittelweser-Tourismus in Nienburg zur Verfügung gestellt worden waren. Und das trotz Corona-Einschränkungen. "Wir profitieren anscheinend vom Trend, in Deutschland Urlaub zu machen."

Doch zurück zum Luftkurort. Dafür waren verschiedene Analysen und Gutachten nötig, heißt es vonseiten der Samtgemeindeverwaltung. Ein paar Beispiele: alle zehn Jahre eine bioklimatische Beurteilung, alle zehn Jahre ein Luftqualitätsgutachten und alle drei Jahre eine Bescheinigung des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, dass der Ort frei von Hygieneschädlingen ist, vornehmlich frei von Ratten.

"Gut investierte Zeit"

Klingt in der Tat nach einem ordentlichen Stück Arbeit. Bernd Bormann allerdings findet, das sei "gut investierte Zeit. Wir wuchern ja auch mit diesem Pfund." Anscheinend erfolgreich. Rund 4600 Besucher strapazierten im Jahr 2019 die Matratzen von 357 Betten; wenn die Bauarbeiten an zwei Hotels abgeschlossen sind, werden es demnächst 442 Betten sein. Die füllen sich manchmal wie von allein, wenn das Wörtchen "Luftkurort" fällt. "Ohne den Luftkurort hätten wir nie die Schilder an den Autobahnen bekommen", sagt Bernd Bormann. Die helfen beim Anlocken von Touristen. Und deswegen waren die knapp 20 Kilometer mit den ArL-Vertretern keinesfalls verschwendete Zeit. "Die waren alle happy und beeindruckt", so Christa Gluschak abschließend. Und das, obwohl in ganz Bruchhausen-Vilsen kein Kur-Artefakt wie beispielsweise eine Wandelhalle zu finden ist.

Zur Sache

20 Luftkurorte in Niedersachsen

In Niedersachsen gibt es zurzeit 20 Luftkurorte. Neben Bruchhausen-Vilsen sind dies Berumbur, Bispingen, Bissendorf, Braunlage, Clausthal-Zellerfeld, Großefehn, Hage, Hankensbüttel, Lautenthal, Lütetsburg, Sankt Andreasberg, Schneverdingen, Timmel, Werdum, Westgroßefehn, Wiesmoor, Wildeshausen, Wolfshagen im Harz und Zorge (Walkenried). Am 31. Dezember 2010 waren es noch 20 mehr.

Das Prädikat „Staatlich anerkannter Luftkurort“ wird vom niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr verliehen, heißt es im Internet-Lexikon Wikipedia. Darüber hinaus gibt es sogenannte Erholungsorte wie Harpstedt oder Worpswede. Weitere Kategorisierungen sind Kneipp-Heilbad, Mineralheilbad, Moorheilbad, Nordseebad, Küstenbadeort, Nordseeheilbad, Soleheilbad, Thermalheilbad, Heilklimatischer Kurort und Kneipp-Kurort. 
Des Weiteren werden Orte mit Heilquellen-Kurbetrieb, mit Heilstollen-Kurbetrieb, Moor-Kurbetrieb und Orte mit Sole-Kurbetrieb geführt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+