Altes Martfelder Pastorenhaus

„Herrn Pastor sin Hus“

Das alte Martfelder Pastorenhaus von 1535 hat seine zweite Etappe überstanden. Nun steht es auf dem Parkplatz neben dem Gemeindehaus. Das Fundament wartet etwa 30 Meter entfernt auf einer Wiese.
03.12.2020, 17:57
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„Herrn Pastor sin Hus“
Von Micha Bustian

Autofahrer hatten am Donnerstag kein Glück in Martfeld. Die Durchfahrt des Alten Schulweges war zwischen 8 und 16 Uhr ein Ding der Unmöglichkeit. Wer von der Kirchstraße einbiegen wollte, sah sich einem Holzzaun gegenüber. Keine rot-weiß gestreifte Bake, sondern eine Art Jägerzaun, der freundlich aussah, aber den Autofahrern unmissverständlich klar machte: Hier geht's nicht weiter. Wer aus Richtung Mühlenweg kam, musste über den Eichweg ausweichen. Oder wenden. Denn auf der Straße stand: ein Haus. Präziser formuliert: das alte Martfelder Pastorenhaus.

Sechs Meter und 70 Zentimeter breit ist das historische Gebäude aus dem Jahre 1535. Zu breit für den Alten Schulweg. Deshalb wurden die Grasstreifen zwischen Grundstückzäunen und Asphaltdecke dringend benötigt für die Verrollung des alten Martfelder Pastorenhauses zu seinem neuen Standort mit der Adresse Kirchstraße 13. Laut Informationen des Martfelder Heimat- und Verschönerungsvereins, der das Projekt Pastorenhaus in seiner Hand hält, sind alle Zäune rechts und links des Alten Schulwegs heile geblieben. Lediglich ein paar Zweige von Hecken, Sträuchern und Bäumen mussten dran glauben. Doch wo gehobelt wird ...

Wobei: Gehobelt wurde im Wortsinn nur an den Baumstämmen, die für das Fachwerkgerüst des alten Pastorenhauses als Räder dienten. Die Senkrecht-Balken hatten der Rotenburger Diplom-Ingenieur Tassilo Turner und seine Mitarbeiter am Mittwoch auf Schwellen gehievt, die als Basis für die Baumstamm-Reifen dienten. Den Rest müssen sich die, die nicht dabei waren, in etwa so vorstellen wie beim Pyramidenbau im alten Ägypten: Wenn hinten ein Baumstamm unnötig wurde, brachte ihn jemand schnell nach vorne und platzierte ihn unter die Schwellen.

Was jetzt nicht sonderlich dramatisch klingt, ist in der Praxis eine absolute Millimeterarbeit. Immer wieder mussten Mitglieder der Turner-Crew den von ihrem Chef gefahrenen Bagger, der das Pastorenhaus zog, bremsen. Meist, weil sich einer der Stämme quergelegt hatte und das Gebäude sich zu drehen drohte. „Jede Rolle, die sich schieflegt, bedeutet einen Stopp“, bemerkte Anton Bartling, Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins, treffend. Etwa 150 Meter galt es auf diese Art und Weise zu überwinden. Gegen 12 Uhr stand das Gerippe des alten Pastorenhauses direkt vor dem aktuellen Pfarramt. Dort übernahmen Thomas Denker und Bruno Küchler mit Gitarre und Akkordeon die Unterhaltung für die Zuschauer am Straßenrand. Dafür hatten sie eigens das plattdeutsche Lied vom „Herrn Pastor sin Kauh“ und „Herrn Pastor sin Hus“ umgedichtet. Gegen 15.30 Uhr, es dämmerte leicht, waren laut Anton Bartling „drei Viertel der Strecke geschafft“. Der HVV-Chef weiter: „Ich gehe davon aus, dass das Haus vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Parkplatz am Gemeindehaus steht.“

Am Freitag soll das alte Pastorenhaus dann direkt an seinen neuen Standort gebracht werden – auf die Wiese direkt hinter dem Gemeindehaus. Dort ist bereits ein Rechteck mit Sand ausgelegt worden. Umrandet von einer schmalen Schicht Beton. Darauf sollen noch Feldsteine als Fundament kommen, weil das in der frühen Renaissance so gemacht wurde. Denn das alte Pastorenhaus soll zu einer Art Museum werden. Deswegen wird das Fachwerk-Gerippe auch nicht mit Ziegelsteinen, sondern mit Holznägeln und Lehm befüllt. Und aufs Dach kommen auch keine Ziegel, sondern Stroh. Ganz so, wie es im Zeitalter der Reformation üblich war.

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