Langwierige Millimeterarbeit

Altes Pastorenhaus in Martfeld: Verrollung ist gestartet

Das alte Martfelder Pastorenhaus aus dem Jahr 1535 soll von seinem ursprünglichen Standort an der Ecke Alter Schulweg/Eichenweg zur Adresse Kirchstraße 13 verrollt werden. Die erste Etappe ist jetzt geschafft.
02.12.2020, 18:04
Lesedauer: 3 Min
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Altes Pastorenhaus in Martfeld: Verrollung ist gestartet
Von Micha Bustian

Das alte Pastorenhaus aus dem Jahre 1535 hat sich auf den Weg gemacht. Zurzeit steht es noch auf einem Grundstück an der Kreuzung Alter Schulweg/Eichenweg in Martfeld. Allerdings auch nicht mehr da, wo es einst gebaut wurde. Der Rotenburger Ingenieur Tassilo Turner und seine Mitarbeiter haben das historische Gebäudegerüst am Mittwoch gedreht und an den Grundstücksausgang in Richtung Alter Schulweg platziert. Von dort aus soll es an diesem Donnerstag seinen neuen Standort erreichen. Die künftige Adresse: Kirchstraße 13.

Das alte Pastorenhaus? Für die, die nicht im Thema sind, hier eine kleine Einführung: An der Ecke Alter Schulweg/Eichenweg stand ein Fachwerk-Bauernhaus aus dem Jahre 1791. Grundstücksbesitzer Heinz Laue war laut Angaben des Heimat- und Verschönerungsvereins Martfeld „nicht in der Lage, das unbewohnte Baudenkmal zu unterhalten und zu restaurieren“. Es sollte abgerissen und das Grundstück verkauft werden. Das wiederum wollte der HVV nicht. Er kaufte nach zähen Verhandlungen das Haus – aber nicht das Grundstück.

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Die Hausforscher Bernd Kunze und Heinz Riepshoff sahen sich das für Martfelder Verhältnisse alte Gebäude an – und entdeckten Überraschendes. Sie fanden im Inneren eine außergewöhnliche Konstruktion vor, einige Merkmale passten nicht zum Alter des Bauernhauses. Einerseits waren Bauweisen zu sehen, die aus einer deutlich früheren Zeit stammen mussten, andererseits war das Gebäude für ein Bauernhaus viel zu aufwendig gestaltet. Die wissenschaftliche Altersbestimmung des Holzes der Fachwerkbalken ergab das Jahr 1535. Ein Ergebnis, das später durch eine Gravur in einem Balken bestätigt wurde.

Recherchen des Historikers Hartmut Bösche zeigten, dass das Innere des Bauernhauses das Gerüst des 1535 gebauten Hauses des lutherischen Pastors Otto Homfeld ist. Der Geistliche hatte es bauen lassen, damit Frau und Kinder nach seinem Tod eine Wohnstätte haben. Sehr fortschrittlich für diese Zeit, in der es üblich war, die Gattin eines verstorbenen Pfarrers mit dessen Nachfolger zu verheiraten oder sie – deutlich schlimmer – einfach auf die Straße zu setzen.

Kurz zusammengefasst: Dem HVV war ein architektonisches Juwel in die Hand gefallen. Das allerdings durfte nicht dort bleiben, wo es stand. Doch wie bewegt man ein Haus? Die Lösung ist so simpel wie alt. Schon die alten Ägypter haben die tonnenschweren Steinblöcke für ihre Pyramiden auf abgerundeten Baumstämmen transportiert, verrollt. So soll auch das alte Martfelder Pastorenhaus von der Einbiegung Alter Schulweg/Eichenweg zur Kirchstraße 13 kommen. Direkt neben das evangelische Gemeindehaus.

Am Mittwoch galt es für Tassilo Turner und seine Mitarbeiter, das Fachwerkgerüst samt abgedecktem Dach zu drehen und in Richtung Straße zu verlegen. Dafür waren die Senkrechtbalken des Fachwerks auf Schwellen montiert worden, unter die die Handwerker die bearbeiteten Baumstämme platzierten. Dann half nur noch die Motorkraft des Baggers – und eine gute Kommunikation.

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Vor den Kameras von Radio Bremen, RTL und Sat.1 stellte sich schnell heraus, dass die Verrollung eine langwierige Millimeterarbeit ist. Immer wieder wurde der PS-starke Bagger gestoppt, immer wieder wurde nachjustiert, immer wieder wurden schnell zurechtgehobelte Stämme an Stellen platziert, die es nötig hatten. Schwere Hämmer waren im Einsatz, der Elektro-Hobel glühte fast. Das Gebälk knarzte und knirschte, auf dem matschigen Boden hielten immer wieder dicke Planken als Schienenersatz her. Und in all dem Trubel gaben Architekt Martin Tolksdorf, HVV-Vorsitzender Anton Bartling und Diplom-Ingenieur Tassilo Turner ein Interview nach dem anderen.

Die Zahl der Zaungäste hielt sich allerdings in Grenzen – so hatte es sich der Heimatverein anlässlich der Corona-Pandemie gewünscht. Eine Sorge weniger. Die nächste folgt am Donnerstag. Dann soll das alte Pastorenhaus über den Alten Schulweg zum neuen Standort verrollt werden. Wieder Millimeterarbeit. „Ich glaube, wir schlafen erst wieder ruhig, wenn das Haus dahinten angekommen ist“, seufzte eine Dame vom HVV durch.

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