Altes Pastorenhaus Martfeld

Nur noch das Gerippe

Keine Spur mehr vom Bauernhaus aus dem Jahr 1791. Das alte Pastorenhaus in Martfeld ist freigelegt, es steht fast nur noch das Gerippe. Am 25. November soll es an seinen künftigen Platz verrollt werden.
02.11.2020, 16:28
Lesedauer: 3 Min
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Nur noch das Gerippe
Von Micha Bustian
Nur noch das Gerippe

Nach Wochen der Arbeit ist nun der alte Grundriss zu erkennen. In ein paar Wochen geht es für das alte Pastorenhaus neben das Gemeindehaus.

Vasil Dinev

Martfeld. Tassilo Turner drückt mit der Baggerschaufel an den rechten Senkrechtbalken der Vorderfront des alten Martfelder Pastorenhauses. So sanft es mit einer solch kraftstrotzenden Maschine halt geht. Ein Ruck geht durch das historische Gebäude, von dem nur noch die Holzbalken stehen. Es knackt gewaltig im Gebälk. Erschrockene Schnappatmung bei den Schaulustigen, unter denen sich auch zwei Touristen aus München befinden. Hält es oder fällt es? Es hält. Die Sanierungsarbeiten können weitergehen.

Am 25. November soll das Pastorenhaus aus dem Jahre 1535 auf Baumstämmen in Richtung des aktuellen Gemeindehauses verrollt werden, wo es seinen endgültigen Platz finden soll. Eine Art Museum soll daraus werden. Eines, in denen Interessierte sehen können, wie die Menschen zur Zeit der Reformation gelebt haben. Wobei das alte Pastorenhaus nicht hundertprozentig typisch für die Renaissance ist. Martfelds ehemaliger Pastor Otto Homfeld hatte für seine Frau und Kinder so bauen lassen, wie es seinerzeit nur bei reichen Menschen üblich war: mit fein gehobelten Balken und Ziegeln auf dem Dach (wir berichteten).

Doch zurück zur Baustelle an der Ecke Eichenweg/Alter Schulweg. Dort steht zurzeit quasi das Gerippe des alten Pastorenhauses, nur noch auf der Rückseite sind noch Ziegelsteine im Gefache zu finden. Vom 1791 um das Pastorenhaus herum gebaute Bauernhaus ist nichts mehr zu sehen. Lediglich verschiedene Haufen mit Schutt und Material auf dem Grundstück erinnern daran. Tassilo Turner und seine beiden Mitarbeiter sind dabei, Stabilität in das Fachwerk zu bekommen. Deshalb auch der zärtliche Schubs mit dem Bagger. Und das martialische Knacken. „Das macht nichts“, beruhigt Architekt Martin Tolksdorf, selbst Mitglied im Martfelder Heimatverein. Dabei gehe es nur darum, wo zwischen den einzelnen Balken noch zu viel Platz sei. Nichts Schlimmes.

"Alles raus, was keine Miete zahlt" lautet Devise bei der Baustelle in Martfeld. Schließlich soll nur das übrig bleiben, was zum alten Haus gehörte.

"Alles raus, was keine Miete zahlt" lautet Devise bei der Baustelle in Martfeld. Schließlich soll nur das übrig bleiben, was zum alten Haus gehörte.

Foto: Vasil Dinev

Von den Balken sind nur noch die an jeder Ecke stehenden senkrechten aus dem Originalbestand zu sehen, dazu die schräg davon abgehenden Kopfbänder und der Spruchbalken, der den Verantwortlichen bestätigte, dass das Haus tatsächlich aus dem Jahre 1535 stammt. „Dass wir den gefunden haben, war sehr wertvoll“, findet Martin Tolksdorf. Denn: „Hier war die Tür.“ Die restlichen Fachwerkbalken haben Turner und Co. aus anderen Gemäuern zusammengesammelt, für das Pastorenhaus passend gemacht und dort eingepasst, wo in den Originalbalken Löcher für Holzdübel sind. Das Gerüst samt Dach ohne Ziegel ruht momentan auf Holzklötzen, die noch durch Schwellen ersetzt werden sollen.

Für Tassilo Turner, den Diplom-Ingenieur aus Rotenburg/Wümme, ein Abenteuer. Nein, eine Premiere. Translozierung – abbauen, dokumentieren und anderswo wieder aufbauen – ist für den Zimmermann mit Fachrichtung Fachwerk Alltag. „Aber eine Verrollung habe ich noch nie gemacht.“ Das sei „eine feine Sache, es weicht vom Alltäglichen ab“. Überhaupt sei dieser Auftrag „schon etwas Besonderes“.

Auch für den Ingenieur Tassilo Turner eine Premiere: das Haus durch den Ort verrollen.

Auch für den Ingenieur Tassilo Turner eine Premiere: das Haus durch den Ort verrollen.

Foto: Vasil Dinev

Gerade ist Tassilo Turner mit seiner kleinen Truppe dabei, sich „rund um das Gebäude“ herumzuarbeiten. Auf der Rückseite müssen die Steine noch aus dem Gefache entfernt werden. Und dann werden die drei Ständer dort durch einen ersetzt, „dadurch erhält das Gebäude ein anderes Gesicht“. Abschließend wird das alte Pastorenhaus mit Winden etwa 30 Zentimeter angehoben, um es auf die bereits erwähnten Schwellen zu legen. Erst dann ist das Gebäudegerippe perfekt, erst dann darf Martfelds künftiges Schmuckstück durch den Ort gerollt werden. „Das werden wir wahrscheinlich aber auch nicht an einem Tag schaffen“, vermutet Turner. Denn immerhin ist die Straße, auf der das Haus transportiert werden soll, nur sieben Meter breit, das Gebäude als solches 6,80 Meter. Maßarbeit.

Erst wenn das alte Martfelder Pastorenhaus neben dem aktuellen Gemeindehaus steht, wofür vorher noch ein Fundament gelegt werden muss, werden die Gefache mit Rundhölzern und Lehm ausgefüllt. Und dann fehlen noch die Dachziegel. Die, die auf dem Bauernhaus von 1791 waren, stammten aus den 1950er-Jahren. Nicht passend. Also müssen neu her. Neue, aber alt aussehende. Mönche-und-Nonne-Ziegel beispielsweise. Die wurden laut Tassilo Turner „im Mittelalter vielfach bei Burgen und Schlössern verwendet“. Das gemeine Volk musste sich mit Reetdächern zufrieden geben. Otto Homfeld, 1535 Pastor in Martfeld, allerdings hatte nicht auf Stroh gesetzt, sondern auf Ziegel. „Das wird schwierig“, weiß Turner, „aber solche Ziegel werden noch hergestellt“. Nur ist das nicht mehr die Aufgabe für einen Zimmermann.

Die Zeit drängt: Denn Ende des Monats soll das alte Haus verrollt werden. Wobei es wohl länger als einen Tag dauern wird.

Die Zeit drängt: Denn Ende des Monats soll das alte Haus verrollt werden. Wobei es wohl länger als einen Tag dauern wird.

Foto: Vasil Dinev
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