Antiquitätenhandel Echtes Handwerk

Sein Vater war Müller, er selbst lernte Kfz-Mechaniker: Jetzt verdient der Wahl-Martfelder Reiner Janßen seinen Lebensunterhalt mit der Restauration und dem Verkauf von Antiquitäten.
19.02.2021, 16:48
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Von Rita Behrens

Martfeld. Antiquitäten spiegeln die Wohnkultur vergangener Zeiten. Zudem lassen sie manche Herzen höherschlagen. Auf einer mehr als 80 Quadratmeter großen Ladenfläche können deren Liebhaber nun in Martfeld, Hauptstraße 39, fündig werden. Im Dezember 2020 eröffnete Reiner Janßen hier einen Antiquitätenhandel inklusive Restaurationswerkstatt. Doch noch verharrt das Geschäft im allseits verordneten Winterschlaf. Kaum eröffnet, folgte der erneute Lockdown. Weder eine Einweihungsfeier noch ein Abverkauf aus den Lagerbeständen in Werder seien möglich gewesen, bedauert Janßen. In einer Hofstelle befindet sich dort sein weiterhin umfangreiches Lager.

Rückblickend ist Butjadingen für Janßen der Ort seiner „glücklichen Kindheit“. Im nordwestlichen Niedersachsen 1956 als Sohn eines Müllers geboren, wuchs er in dieser ländlichen Umgebung auf. Als später die erste Berufswahl anstand, war für ihn Handwerkliches ausschlaggebend. Er lernte zunächst den Beruf des Kfz-Mechanikers und absolvierte frühzeitig, erst 23 Jahre alt, seine Meisterprüfung. Trotzdem fehlten zu dieser Zeit die beruflichen Perspektiven. Deshalb änderte er die Zielrichtung und entschied sich so – vor bald 40 Jahren – für die spezielle und handwerklich anspruchsvolle Restauration von „Möbeln mit Geschichten“. In seinem Laden und der Werkstatt lässt sich die Faszination nachempfinden, die den selbstständigen Restaurator offensichtlich bis heute fest im Griff hat. Vier Antiquitätenläden im Berlin der 1980er- und 90er-Jahre bleiben Teil seiner Biografie. Vor circa 20 Jahren ist er aus privaten Gründen wieder in den Norden zurückgekehrt und reduziert seither seine geschäftlichen Ambitionen.

„Man arbeitet mit lebendem Material“, so erklärt Janßen seine Begeisterung für die Möbeltischlerei. Das Holz fordere durch seine spezifischen Eigenschaften heraus, auch millimetergenaues Arbeiten sei unabdingbar. Alles habe er sich autodidaktisch angeeignet. Das Arbeiten mit Holz, das Restaurieren bleibe seine Leidenschaft. Ein Detail: Für Intarsien wähle er grundsätzlich natürliche Leime wie in früheren Zeiten, also Knochen- oder Fischleim. Der gravierende Vorteil im Vergleich zum synthetischen Weißleim bestehe in ihrer Lösbarkeit, wodurch das Werkstück unbeschädigt bleibe. Außerdem folge er in diesem Kontext dem Grundsatz: „Kein Metall ins Holz.“

Allgemein gilt ein Gegenstand als Antiquität, wenn er älter als 100 Jahre alt ist. Aber auch ein oder zwei Jahrzehnte jüngere Objekte zählten bereits zu dieser Kategorie, ergänzt Janßen. In Martfeld gewähren die großen Schaufenster seines Handelsgeschäftes auch jetzt einen freien Blick auf das vielfältige Angebot antiker Möbel. Zudem werden Alltagsutensilien mit Erinnerungskultur sichtbar, wie etwa hochwertig dekorierte Sammeltassen. Wie der Fachmann berichtet, bevorzugten die Kunden heutzutage Weichholzmöbel, etwa aus Nadelhölzern. Weniger beliebt seien Objekte aus Eiche, denn sie erinnerten oftmals an zu dunkle Räume bei den Eltern oder Großeltern. Eichenmöbel würden nicht mehr als wertvoller angesehen.

Im vorhandenen Sortiment präsentieren sich die verschiedenen Stilrichtungen: Obgleich aus Eiche, fällt sicherlich jedem Betrachter vor Ort das schwarze Büfett ins Auge, insbesondere der Facettenschliff in den oberen Glastüren. Gleiches gilt für die Standuhr mit gedrechselten Säulen. Janßen ordnet sie „um 1900“ ein, getischlert im Stil des „Neobarock“. Im Kontrast dazu wird der schräg klappbare Sekretär aus hellem Weichholz mit mehreren Geheimfächern augenfällig. Der Hausherr führt gerne einmal deren Handhabung vor. Eine Esstischgruppe im Jugendstil mit sechseckigem Tisch und adäquaten Stühlen, ehemals in den Worpsweder Vogeler-Werkstätten hergestellt, wurde vor Kurzem verkauft. Ein ähnliches Ensemble steht ebenfalls aktuell im Verkaufsraum.

Auch sein Lieblingsstück – „echtes Handwerk“ – offeriert Janßen: Das eigens restaurierte Nussbaum-Büfett im Jugendstil zeigt sich mit geschwungenen Lilienmotiven und anmutigen Messingbeschlägen. Die Aussage des Restaurators „traumhaft schön“ kann hier nur bestätigt werden. Aber der Blick kann durchaus weiter schweifen, es gibt noch viele „Zeitzeugen“ zu betrachten. Jedes der Objekte hier hat seine eigene Geschichte. Manche Einzelheiten sind konkret bekannt, so etwa die Herkunft. Doch sogar über missliche Begebenheiten, gar über abenteuerliche Erzählungen kann der hiesige Antiquitätenhändler berichten. Ob Letztere der Realität entsprechen, möchte er aber gerne offenlassen.

In seiner beachtlich ausgestatteten Werkstatt führt der Martfelder des Weiteren spezielle Auftragsarbeiten aus: Zurzeit wendet er seine Handwerkskunst an einem ehemaligen Mutter-Kind-Bett aus altem Holz an. Als neues Produkt soll daraus eine Sitzbank entstehen. Ursprüngliche Elemente wie die ästhetischen Schnitzereien bleiben hierbei erhalten. Auch mit dem Nachbau eines antiken Möbels ist er ehemals beauftragt worden. Anderweitig hat er sich inzwischen in kooperativer Arbeit auf den Innenausbau von Containern spezialisiert. „Zwei stehen jetzt in der Arktis. Sie dienen Forschungszwecken des Alfred-Wegener-Instituts“, erzählt Janßen und lächelt ein wenig stolz. Der dritte Container sei gerade in Arbeit. Gleichwohl stehen die Antiquitäten und deren Restauration offensichtlich nach wie vor im Zentrum seiner handwerklichen Aktivitäten.

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