Büdelredder in Martfeld Lebensmittelretter gehen neue Wege

Seit April verteilen die Büdelredder in Martfeld aussortierte Lebensmittel. Nun hat das Team eine neue Halle in der Gemeinde bezogen und einen Gabelstapler als Spende erhalten.
19.07.2021, 15:44
Lesedauer: 3 Min
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Lebensmittelretter gehen neue Wege
Von Antonia Blome

Martfeld. Für die Lebensmittelretter in Martfeld geht es derzeit Schlag auf Schlag: Erst im April startete die Initiative Büdelredder, die es sich zur Aufgabe macht, noch essbare Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren. Jetzt, wenige Monate später, können sich die ehrenamtlichen Helfer bereits über eine Expansion freuen. Im Industriegebiet der Gemeinde hat Sandy Ockendorf vom Organisationsteam eine leerstehende Halle gefunden, die seitdem für die Zwecke der Büdelredder genutzt wird. Zuvor hatten sie den Parkplatz eines ehemaligen Getränkemarkts in Martfeld genutzt. Wesentlich einfacher gestaltet sich die Arbeit der engagierten Helfer außerdem dank einer Sachspende.

Eigentlich waren die Büdelredder lediglich auf der Suche nach einem günstigen Gabelstapler, um den Transport der geretteten Lebensmittel zu erleichtern. Mit der Schumacher Gabelstapler GmbH in Bremen gelang ihnen ein echter Glücksgriff. "Ich war so begeistert von dieser Initiative, dass wir dem Team einen Gabelstapler inklusive möglicher Reparaturen kostenlos zur Verfügung stellten", sagt Geschäftsführer Jörg Schumacher. "Es ist einfach ein Skandal, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden." Vorher haben sich die Büdelredder mit Hubwagen und ausgeliehenen Treckern beholfen oder die Ware per Hand abgeladen. "Wir sind daher dankbar und begeistert von dieser Spende", betont Sandy Ockendorf.

Der Name der Initiative stammt aus dem Plattdeutschen und bedeutet übersetzt Tüten- oder Beutelretter. "Wir hatten die Vorstellung, dass Menschen, die auf die Nahrungsmittel angewiesen sind, mit Beuteln zu den Ausgabestellen kommen", klärt die Organisatorin auf. Es gibt zwei feste Tage, an denen die Helfer die aussortierten Lebensmittel von einem Großanbieter abholen. Insgesamt sind knapp 100 Ehrenamtliche Teil der Initiative, 25 davon gehören zur Stammbesetzung.

Die Büdelredder nehmen die Ware mit, die von den Tafeln zurückgelassen worden ist. Meistens handele es sich dabei um Gemüse, hin und wieder Obst oder Kühlware. 17 Großabholer sammeln die Lebensmittel ein und verteilen diese in Delmenhorst, Bremen, Martfeld, Bruchhausen-Vilsen, Bassum, Neuenkirchen, Syke, Hoya, Sonnenborstel, Mainsche und Steyerberg. "Es bleibt nichts übrig oder wird gelagert, die Lebensmittel werden immer gleich weitergegeben", versichert Ockendorf.

Finanziert werde das Projekt aus eigener Tasche. Menschen, die die Ware für den Eigenbedarf abholen, könnten zwar eine Spende dafür geben, das sei aber absolut kein Muss. "Zu 95 Prozent gehen die Lebensmittel an Personen, die darauf angewiesen sind, aber nicht zur Tafel gehen können oder aus persönlichen Gründen nicht wollen", weiß Sandy Ockendorf. An den Ausgabestellen müssen Menschen weder Gehaltsnachweise noch persönliche Daten vorweisen. "Es läuft  komplett anonym ab, jeder darf kommen und ich glaube, das macht sehr viel aus." Auch Jörg Schumacher ist begeistert von dem Konzept: "Das Angebot ist niedrigschwellig, menschlich und respektvoll."

Politisch wird aus Sandy Ockendorfs Sicht derzeit nicht genug gegen die Lebensmittelverschwendung getan. "Das sieht man allein daran, dass Containern illegal ist", merkt sie an. "Wieso sollen die Menschen die Lebensmittel nicht retten dürfen, wenn Firmen es erlauben?" Die Hoffnung der Büdelredder sei nun, dass mehr Anbieter dieses Angebot annehmen und der Verschwendung entgegentreten. Laut Sandy Ockendorf gibt es bereits Signale dieser Art: Kürzlich sei die Initiative von einem größeren Supermarkt in Bremen sowie zwei Höfen kontaktiert worden.

Zur Sache

Containern

Diese Praxis wird auch als Dumpster Diving, Dumpstern oder Mülltauchen bezeichnet. Dabei werden weggeworfene, noch genießbare Lebensmittel zum Eigenverbrauch aus einem Abfallcontainer, zum Beispiel eines Supermarktes, geholt. Meistens handelt es sich um Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder die wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes nicht mehr verkauft werden. Containern ist in Deutschland illegal, da der Supermarkt noch immer Eigentümer der Lebensmittel ist. Eine Initiative Hamburgs, Containern straffrei zu stellen, scheiterte im Sommer 2019 auf der Justizministerkonferenz der Länder. Auch die Linke spricht sich für eine Entkriminalisierung aus.

Info

Die Büdelredder sind per E-Mail an die Adresse buedelredder@gmail.com erreichbar.

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