Selbstversuch Spargelstechen

Filigranarbeit mit Spinne

Ist Spargelstechen tatsächlich ein so brettharter Job? Der WESER-KURIER wollte es wissen und schickte einen Redakteur aufs Spargelfeld.
11.06.2020, 17:07
Lesedauer: 4 Min
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Filigranarbeit mit Spinne
Von Micha Bustian

Was gab es da alles zu lesen, als die Spargelbauern am Anfang der Saison wegen der Corona-Pandemie ohne osteuropäische Arbeitskräfte dastanden? Deutsche Kurzarbeiter sollten die Lücken füllen. Nur: Diese erwiesen sich als nicht sonderlich robust, flüchteten schon am ersten Tag oder traten zum zweiten nicht mehr an. Ist dieser Job wirklich so bretthart? Der WESER-KURIER wollte es wissen und ging Spargel stechen.

Freitag, 8.45 Uhr. Henning Holste lässt auf sich warten. Der Martfelder Landwirt hat eine kurzfristige Kartoffelbestellung hereingekommen und rodet gerade die Knollen. Ehefrau Anja bittet um Geduld. Kein Problem. Es gibt ja genug zu gucken im Hofladen des Jahres 2017. Und dann stehen da ja auch noch vier Informationstafeln zum Thema Spargel. Warum ist am Johannistag Schluss? Was hat es mit der Plastikplane auf den Feldern auf sich? Dazu später mehr.

9.05 Uhr. Henning Holste wirkt etwas abgekämpft. Der Spontanauftrag hat ihn ins Schwitzen gebracht, der Puls schlägt schneller als normal. Er fährt voran in Richtung Spargelfeld. Auf halber Strecke nach Beppen im Landkreis Verden geht es rechts auf einen Feldweg, der Spargelacker grenzt direkt an ein Waldstück. Idyllisch. Es riecht nach Kamille, Krähen kreisen über uns. Natur pur. Nur: keine Arbeiter. Um 7 Uhr sei normalerweise Anpfiff, hatte Holste erzählt. Zwei Phasen gebe es am Tag. Einmal früh von 7 bis 11 Uhr, dann am späten Nachmittag. Zu diesen Zeiten sei die Temperatur für die Ernte ideal.

Henning Holste kennt sich aus in dem Business. 1981 wurde auf dem Hof erstmals Spargel gestochen. Damals hat der Martfelder Landwirt mit seinem Vater einen halben Hektar Fläche allein bearbeitet. Jetzt sind es zehn Hektar. Acht rumänische Erntehelfer kümmern sich darum. Nur: Wo sind die alle? Es ist doch schon 7 Uhr durch. Längst. Wahrscheinlich sind sie auf einem anderen Feld unterwegs, roden Kartoffeln, pflücken Erdbeeren, Himbeeren, Tomaten, Gurken, Erbsen oder Bohnen.

Henning Holste schnappt sich kurzerhand ein vierrädriges Etwas, dreht es, hebt die Plastikfolie, die den Spargel bedeckt, an und zieht die Plane oben über eine Rinne ans andere Ende. Dort legt sich die Folie dann automatisch wieder über die erhöhte Reihe. Praktisch. Spargelspinne heißt besagtes Etwas. 4000 Euro teuer, verrät der Landwirt. Aber jeden Cent wert. Denn seine Arbeiter müssen sich nicht um die Plastikplane kümmern. Das macht die Spinne, die sich über einen Leinenzug in Bewegung setzt und auch wieder stoppt. Praktischer Nebeneffekt: Zwei Spargelkörbe passen rechts und links auf das Gerät. So muss das Edelgemüse nicht selbst getragen werden.

Dann geht es ans Eingemachte: Henning Holste hat eine freigelegte Spargelspitze entdeckt, bremst die Spargelspinne und legt die Stange mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand frei. Ein Stück weit zumindest. Dann packt er das Spargelmesser, fährt parallel zur Stange damit in die Erde. Die richtige Länge gibt das Messer über einen angeschweißten Ring vor. Ist das Messer tief genug im Boden wird es gekippt und die Spargelstange durchtrennt. Breit grinsend hält Holste seine „Trophäe“ in der Hand: „Klasse eins.“

Nun also der Zeitungsmann. Handwerklich ungeschickt und voller Ungeduld. Spargelspinne in Gang gesetzt, die Argusaugen auf den sandigen Erhöhungen schweifen lassen – da ist einer. Vollbremsung über Bindfaden. Dann geht's in die Knie. 55 Jahre alte Knie ohne jeden Außenmeniskus. Spargelstange freilegen, Messer in den Boden rammen und kippen. Nichts passiert. Auch intensives Rütteln legt den Spargel nicht frei. Also nochmal. Diesmal knirscht etwas. Treffer! Freude! Doch zu früh gefreut. Die Stange wurde nur angeritzt. Nach dem dritten Versuch endlich lässt sie sich aus dem Boden ziehen. Die erste selbst gestochene Spargelstange. Wer kann das schon von sich behaupten?

Henning Holste schmunzelt. Die Länge passt nicht, das untere Ende der Stange ist ordentlich zerhackt. „Aber als Spargelspitze ist sie gut zu gebrauchen“, sagt der Experte. Das ist Öl auf die Motivation. Weiter geht's. Von Spargel zu Spargel wird die nicht unkomplizierte Bewegung selbstverständlicher. Der Korb füllt sich langsam. Nun gut, es muss sich – Spargelspinne sei Dank – ja auch niemand um die Folie kümmern.

Plastikfolie. In diesen Zeiten ja quasi ein Unwort. Für die Spargelbauern aber ein unersetzlicher Helfer. Liegt die schwarze Seite oben, absorbiert diese die Wärme und leitet sie weiter in die Erde. Bei Sonnenschein kommt die weiße Seite nach oben und reflektiert die Sonnenstrahlen. So sind die Temperaturunterschiede nicht so groß, wie sie sonst möglicherweise ab Anfang April sind. Acht bis zehn Jahre wird die Plane genutzt, ehe sie recycelt wird. Und noch einen Vorteil hat sie: Sie hält Feuchtigkeit und Licht ab, was wiederum bedeutet, dass es kein Unkraut gibt. Henning Holste denkt an seine Anfangszeiten: „Das Unkraut wegzubekommen, hat irre viel Zeit gekostet.“ Jetzt nicht mehr.

Inzwischen sind vier von Henning Holstes Saisonarbeitern erschienen. Einer von ihnen muss auf seine Spargelspinne verzichten. Trotzdem sticht er den Spargel etwa dreimal so schnell wie der Anfänger. Mindestens. Und er besitzt zwischenzeitlich sogar die Freundlichkeit, die ihm entwendete Spinne zu wenden und wieder startklar zu machen. 75 Minuten hat die erste Reihe gedauert, maximal zwei Kilogramm Spargel sind dabei herumgekommen. Effizienz buchstabiert sich anders. Wobei man die Pausen für die Notizen natürlich abrechnen muss.

Zweite Reihe, letzte Reihe. Die Handhabung der Spargelspinne wird zur Nebensache, die Stichtechnik routinierter. Der sandige Spargelboden ist ein El Dorado für Käferkundler. Dennoch braucht's für die zweite Reihe nur 45 Minuten. Der Plastikkorb ist jetzt komplett gefüllt. Geht doch.

Zwölf Tage wird noch Spargel gestochen. Dann ist Johannistag. Der 24. Juni. Schluss mit Spargelstechen. Warum? Damit das Gemüse ausreichend Zeit hat, aus der Spargelstange einen kräftigen Busch mit feinen nadelförmigen Blättern wachsen zu lassen. Mit diesem Spargelkraut betreibt die Pflanze Photosynthese und sammelt so Energie. Ein Teil davon wird in den Wurzeln eingelagert, von wo aus der Spargel im kommenden Jahr wieder austreiben und neue Stangen bilden kann.

11.20 Uhr: Den Redakteur treibt es zurück ins Büro. Jetzt kann der rumänische Vorarbeiter endlich seine Spargelspinne wiederhaben. Ein nettes Dankeschön, ein freundliches Auf Wiedersehen und ab geht es im Auto in Richtung Syke. Kurz hinter Schwarme dann die plötzliche Erkenntnis: keinerlei Knieschmerzen. Auch im Rücken ist nichts zu merken. Gut, das Wetter war nahezu ideal. Und auch nicht jeder Spargelstecher hat eine Spargelspinne. Dennoch: So bretthart wie befürchtet ist dieser Job also doch nicht.

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