Altes Pastorenhaus

Martfelds Juwel

Seit 1535 steht das alte Pastorenhaus in Martfeld. Otto Homfeld hatte es errichten lassen. Nicht nur das war ungewöhnlich, auch die Bauweise an sich. Nun soll das Haus auf ein anderes Grundstück umziehen.
10.06.2020, 17:27
Lesedauer: 4 Min
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Martfelds Juwel
Von Micha Bustian
Martfelds Juwel

Darin lauert etwas: In diese landwirtschaftliche Hülle wurde einst das Pastorenhaus eingebaut.

Vasil Dinev

An der Ecke Eichenweg/Alter Schulweg in Martfeld steht eine baufällige Fachwerkscheune. Auf dem gleichen Grundstück befindet sich ein kleines Bauernhaus. Auch nicht richtig gepflegt, recht heruntergekommen sogar. Nur: In diesem ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude wird es aus Sicht von Historikern und Architekten richtig interessant. Denn dort lauert ein echtes Schätzchen: das alte Pastorenhaus aus dem Jahre 1535. Und das will der örtliche Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) erhalten.

Klare Sicht aufs alte Pastorenhaus: Auf dem Dachboden sind die scharfkantig gesägten Hölzer gut zu erkennen.

Klare Sicht aufs alte Pastorenhaus: Auf dem Dachboden sind die scharfkantig gesägten Hölzer gut zu erkennen.

Foto: Vasil Dinev

Der Besitzer konnte das Grundstück so nicht wirtschaftlich halten, wollte es leer haben. Er hatte auch schon einen Interessenten von außerhalb gefunden. Doch an dieser Stelle schritt der HVV ein. „Sonst hätte Martfeld ein historisches Juwel verloren“, begründet Vereinsvorsitzender Anton Bartling diesen Schritt. Der Hobbyhistoriker Hartmut Bösche habe sich für den Erhalt des Pastorenhauses „sehr reingekniet“, er habe reges Interesse an dem Thema gehabt und es immer wieder angesprochen. Auch die Hausforscher um den Martfelder Bernd Kunze und Heinz Riepshoff, den Leiter des Bauernhaus-Archivs in Syke, hätten viel zur Entdeckung dieses Schätzchens beigetragen. So sei schnell aufgefallen, dass zur tragenden Substanz des Gebäudes zweierlei Arten von Stützbalken verwendet wurden. Eine davon sei komplett untypisch für damalige Zeiten auf dem Lande gewesen.

„Wir wussten, dass es dieses Haus gibt“, erklärt Anton Bartling. „Wir wussten auch von dem externen Interesse.“ Also beschloss der HVV, das Gebäude zu kaufen. Gesagt, getan. Das alte Pastorenhaus samt landwirtschaftlicher Umhüllung ging an den Heimatverein, das Grundstück nicht. Dafür wurde ein anderes Areal nahe des Gemeindehauses erworben. Der Plan ist, die landwirtschaftliche Hülle rückzubauen und zu verkaufen. Möglichst an einen Martfelder, der auch dieses Haus wieder im Ort aufbauen möchte. Denn es stammt den Jahreszahlen auf den Fachwerkbalken zufolge aus dem Jahr 1764 beziehungsweise 1791. Auch so etwas gibt es nicht mehr so oft.

Er betreut die Planungen: Martin Tolksdorf ist nicht nur Architekt, sondern auch Mitglied des HVV.

Er betreut die Planungen: Martin Tolksdorf ist nicht nur Architekt, sondern auch Mitglied des HVV.

Foto: Vasil Dinev

Doch zurück zum Hauptprojekt, zurück zum alten Pastorenhaus, dem Wohnhaus der Pastorenfamilie Homfeld. Die Reste des Gebäudes sollen stabilisiert und dann auf Rollen gestellt werden, um es anschließend auf schienenähnlichen Balken über die Martfelder Straßen auf das frisch erworbene Grundstück nahe des Gemeindehauses zu bringen und dort wieder aufzubauen. Ein Teil der Gesamtarbeit ist allerdings bereits verrichtet. Denn die HVV-Mitglieder mussten das komplette Grundstück entkrauten, um Arbeiten am alten Pastorenhaus überhaupt möglich zu machen.

Das wiederum kam auch recht verwahrlost daher. Jahrzehntelang war es unbewohnt, diente als Stall für Kühe und Hühner. „Das Haus war sehr voll“, erinnert sich Martin Tolksdorf, der als Architekt in die Planung involviert ist. Einige der Fundstücke wurden achtsam beiseite gelegt, um sie später möglicherweise im wieder aufgebauten Pastorenhaus als Museumsstücke auszustellen.

Fließend Wasser: Die alte Schwengelpumpe könnte Teil eines geplanten Museums werden.

Fließend Wasser: Die alte Schwengelpumpe könnte Teil eines geplanten Museums werden.

Foto: Vasil Dinev

Denn das könnte daraus werden. Pastorenhaus wird Museum. Auf jeden Fall aber ein Denkmal an die Zeit der Reformation. Der Denkmalschutz bleibt auch auf dem neuen Grundstück erhalten, nicht allerdings für die landwirtschaftlich genutzte Hülle. Das alte Pastorenhaus ist für Martin Tolksdorf „etwas sehr Besonderes, allein schon durch das Alter“. Für ihn als Martfelder sei das Projekt „eine Herzenssache“. Auch die Bauweise sei überaus ungewöhnlich für die Reformationszeit. Eckig gehobelte Fachwerkbalken hätten sich nur überaus reiche Menschen damals leisten können. Dazu sei das Dach nicht, wie im ländlichen Bereich einst üblich, mit Stroh gedeckt worden. Eine Art Ziegel wurde gefunden. So wurde damals eigentlich nur in Städten gebaut.

Baufällig: Der Heimat- und Verschönerungsverein Martfeld will die Außenhülle abtragen und verkaufen.

Baufällig: Der Heimat- und Verschönerungsverein Martfeld will die Außenhülle abtragen und verkaufen.

Foto: Vasil Dinev

Doch allein die Tatsache, dass es damals ein Pastorenhaus gab, ist schon erstaunlich. Denn im endenden Mittelalter ging es, was familiäre Absicherung anging, eher robust zu. Die Geistlichen wohnten vor der Reformation, die die Hochzeit von Pastoren ja erst möglich machte, im sogenannten Amtshaus. Sollte sich dort auch die Familie des Pastoren befunden haben, musste die dessen Tod innerhalb eines Jahres ausziehen und sich ein neues Domizil suchen. Pastor Otto Homfeld, ein in Martfeld geborener Bauernsohn, hatte da besser vorgesorgt. Seine Anfrage auf ein Haus wurde positiv beantwortet, seine Familie konnte dort wohnen bleiben.

Der Grundriss: Klar zu erkennen sind die Innenmauern des landwirtschaftlichen Gebäudes. Das alte Pastorenhaus stand auf der leicht schraffierten Fläche, die an der Spitze des Kugelschreibers beginnt.

Der Grundriss: Klar zu erkennen sind die Innenmauern des landwirtschaftlichen Gebäudes. Das alte Pastorenhaus stand auf der leicht schraffierten Fläche, die an der Spitze des Kugelschreibers beginnt.

Foto: Vasil Dinev

Nun zieht das alte Pastorenhaus innerhalb Martfelds um. Der HVV hat die Finanzierung gesichert. 300 000 Euro wird das Projekt verschlingen, 70 Prozent davon kommen als Förderung vom Amt für regionale Landesentwicklung. Der Landschaftsverband Weser-Hunte, die Sparkasse und der Energiedienstleister Avacon beteiligen sich ebenfalls. Zehn Prozent trägt der Heimatverein, der dafür Eigenkapital und Spenden zusammenlegt. Innerhalb dieses Jahres soll das alte Pastorenhaus auf dem Areal nahe des Gemeindehauses stehen. „Im Herbst“, vermutet Anton Bartling. Zurzeit bereitet der HVV die Ausschreibung der Zimmerer-Arbeiten vor. Es gibt viel zu tun, bis Martfelds Juwel wieder in voller Pracht glänzt.

Fundsachen: Stiefel und Schuh sollen später Ausstellungsstücke werden.

Fundsachen: Stiefel und Schuh sollen später Ausstellungsstücke werden.

Foto: Vasil Dinev
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