Martfelder Literaturtage Viel besser als Netflix

Es wird wieder gelesen: Anlässlich der elften Literaturtage haben sich sieben aktive Bücherfreunde aus Martfeld und Schwarme zusammengetan, die Ausschnitte aus ausgewählten literarischen Werken vorlesen.
01.11.2022, 15:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Rita Behrens

Martfeld. „Wir sind wieder da.“ Unter diesem munteren Motto werden die elften „Martfelder Literaturtage“ angekündigt, die der hiesige Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) unterstützt. Aktuell bieten sieben aktive Bücherfreunde am ersten Wochenende des elften Monats, vom 4. bis 6. November, sieben Lesungen an. Wie es heißt, seien die „Literaturtage gleichermaßen für die Zuhörer und die Vorleser gemacht“. Nach zweijähriger Pause können sich Interessierte „wieder analog treffen“, freut sich Koordinator Axel Hillmann. Denn während der Pandemie waren lediglich einige Lesungen online aufrufbar.

Die Entscheidung für die Durchführung in gewohnter Manier fiel erst Mitte September und die Vorbereitungszeit umfasste dieses Mal nur wenige Wochen. Gleichwohl dürfen nun Schöngeistiges, Philosophisches und Überraschendes erwartet werden. Doch bereits vorab berichten die Mitwirkenden über ihre gewählte Literatur und individuelle Motivation oder schildern Leseerfahrungen. Im aktuellen Zyklus wird Barbara Hache, am Freitag ab 18 Uhr in der Fehsenfeldschen Mühle (Kirchstraße 14), die erste Lesung anbieten. Ihre Wahl fiel auf eine Geschichte der Australierin Madeleine Thien aus dem Erzählband „Einfache Rezepte“. Auf der Fährte der Autorin wird sie mit den Zuhörern dem krummen Weg der Liebe nachspüren. Für die Vorleserin ist das Lesen selbst ein wichtiger Aspekt. Sie sagt, es wecke Neugier und es mache einfach Spaß, „mit anderen Menschen zusammenzusitzen“.

Philosophie und Märchen

An gleicher Stelle folgen am Sonnabend drei Lesungen im Zwei-Stunden-Rhythmus, und zwar ab 15 Uhr. Zum ersten Mal ist Lothar Klerings mit von der Partie. Vorab definiert er das Werk des Amerikaners Mark Kulansky („Ein Buch, das alle Fragen stellt“) als „ein philosophisches Buch“. Gleichwohl gibt er aber zu bedenken: „Man sollte es nicht zu ernst nehmen.“ Doch vor allem findet er das Thema interessant. Lukas Langstädtler faszinieren hingegen die „Märchen aus 1001 Nacht“, insbesondere in der Fassung einer 100 Jahre alten, bezaubernden Ausgabe. Der Akteur erklärt, das seien Märchen, die für Erwachsene geschrieben wurden. Nachweislich lägen die Ursprünge der morgenländischen Erzählungen bis zu vier weitere Jahrhunderte zurück. Des Weiteren möchte er mit zusätzlichen positiven Elementen zur „Erbauung aller“ beitragen. Ab 17 Uhr geht es los.

Axel Hillmann verdeutlicht, ihm gehe es wie den anderen auch: „Alle lesen und möchten die Leseerfahrung mit anderen teilen“. Ab 19 Uhr rückt der Martfelder Vorleser aus dem weniger bekannten Erzählband des ehemaligen DDR-Dissidenten Jurek Becker „Nach der ersten Zukunft“ die Geschichte „Lenchen und Dieter oder Die Gewalt aus dem Nichts“ in den Mittelpunkt seiner Lesung. Der Autor beschreibe „eine surrealistische Geschichte sehr realistisch“, diese „könnte sich genauso abgespielt“ haben. Auch dessen stilistische Gestaltung, auffindbare Ironie und reale Absurdität, trugen zur persönlichen Auswahl bei.

Einblicke in die Bremer Politik

Die ersten beiden Termine am Sonntag sind anderenorts zu besuchen. Am späten Vormittag, ab 11 Uhr, können Interessierte auf dem Biolandhof von Hermann Meyer-Toms in Schwarme (Kiebitzheideweg 6) „Frühstückslesungen“ miterleben. Zur eigenen Motivation führt der Hofbesitzer aus, es sei „interessant, dass etwas Neues kommt“. Gerne biete er dafür die Bühne an. Nachwuchsautoren aus der Region und Meyer-Toms selbst stellen sich mit eigenen Texten vor. Später, zur Kaffeezeit um 15 Uhr, wird der ehemalige Bremer Politiker aus Schwarme, Herbert Brückner, im Haus der Kirchengemeinde Martfeld (Alter Schulweg 8) anzutreffen sein. Wie Axel Hillmann ankündigt, liest Brückner aus seiner vor Kurzem veröffentlichten Autobiografie „Vom Hütejungen zum Bremer Senator“. Weiterhin führt der Sprecher aus, sie gleiche einer „facettenreichen Chronik, gespeist aus präzisen Erinnerungen und einem umfangreichen Archiv, die erstaunliche Einblicke hinter die Kulissen bremischer Politik“ gebe.

Last but not least nimmt sich Heidi Kasper des Themas „Märchen und andere Wahrheiten aus ungewohnter Perspektive“ an, ab 18 Uhr in der Fehsenfeldschen Mühle. Wie die ehemalige Lehrerin erzählt, habe sie dafür die Version eines sehr bekannten Märchens von Michael Cunningham ausgewählt. Besonders gefalle ihr, dass dabei die Sicht des Bösewichtes eingenommen wird. Außerdem wurde die Geschichte, so ihre Erfahrung, bei jedem Lesen spannender. Und aufgrund der „sehr intensive Beschäftigung mit dem Thema Zeit-Raub“ habe sie noch drei weitere eigene Texte eingeplant.

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„Das alles, was wir hier zusammen machen, ist eine ganz, ganz alte kulturelle Tätigkeit.“ So lautet Hillmanns maßgebendes Statement. „Viel besser als Netflix“, darin sind sich alle Beteiligten einig. Schließlich könne eine Lesung auch bei den Zuhörern zur Neu-Interpretation bekannter Geschichten beitragen. Die Art und Weise des Vortragens, wie die Betonung oder das Tempo, veränderten womöglich die bisherige Auslegung. Selbstverständlich soll auch eigenen Ansprüchen genügt werden. So gehe etwa der Darbietung die eigene Auseinandersetzung mit den Autoren und literarischen Texten voraus. Zudem sei die Zeitplanung ein wichtiger Aspekt.

Die Initiatoren laden herzlich zu den kostenfreien Lesungen ein. Zum Teil werden Getränke, wie Kaffee, Tee, Wasser oder Wein gegen eine Spende verfügbar sein. Insgesamt steht also mit den Martfelder Literaturtagen ein Wohlfühlankerplatz für das erste Novemberwochenende in Aussicht.

Info

Die Lesungen sind kostenfrei und finden in öffentlichen oder privaten Räumen statt. Die Veranstalter freuen sich auf eine interessierte Zuhörerschaft. Alle Veranstaltungsorte werden beheizt. Bei einigen Lesungen werden Kaffee und Tee, Wasser und Wein gegen eine Spende für den Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) Martfeld angeboten.

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