Historisches Planetarium

Paradies für Sternengucker

In Bruchhausen-Vilsens altem Gaswerk soll ein historisches Planetarium entstehen. Für eines der ältesten optischen Planetarien der Welt, ein Zeiss-Modell I, wird eigens eine Kuppel gebaut.
09.02.2021, 15:12
Lesedauer: 4 Min
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Von Sarah Essing

Bruchhausen-Vilsen. „Der Weltraum. Unendliche Weiten.“ So beginnt eine der bekanntesten Science-Fiction-Serien der Welt. Doch die Faszination der Sterne reicht für die Menschheit viel, viel weiter zurück in der Geschichte als „Startrek“. Bereits im fünften Jahrtausend vor Christus errichteten sie Observatorien, um die Sterne und Planeten zu beobachten, und spätestens in der Antike begann man damit, die Welt der Sterne nachzubilden. In diese lange Tradition reiht sich nun auch Bruchhausen-Vilsen ein. Im alten Gaswerk entsteht ein Planetarium. Ausgestattet wird es mit einem der ersten optischen Planetarien, dem Zeiss-Planetarium, Modell I. Zu verdanken hat die Gemeinde dies Romke Schievink, passionierter Hobby-Astronom und Neu-Bruchmühler, der das Gerät eigenhändig restauriert hat. „Das ist ein tolles Projekt, da sind wir mächtig stolz drauf“, freute sich Bruchhausen-Vilsens Bürgermeister Lars Bierfischer bei der Vorstellung des Vorhabens im alten Gaswerk.

„Wir haben hier die einzigartige Möglichkeit, das einzig funktionierende Zeiss-Planetarium, Modell I, aufzustellen“, erläutert Bruchhausens Bürgermeister, warum er sich so freut. Denn mit diesem Modell schrieb das Jenaer Unternehmen Planetariumsgeschichte. 1923 stellte Walther Bauersfeld, Mitglied der Geschäftsleitung und Konstrukteur, dieses erste Projektionsplanetarium der Welt im Deutschen Museum in München vor. Dort steht es auch heute noch, allerdings nicht mehr in Gebrauch. Ein weiteres Exemplar behielten die Zeiss-Werke für eigene Vorführungen für sich, ehe es 1934 an das neu gebaute Planetarium in Den Haag ging. Dort lockte es Jahr für Jahr Hunderte von Zuschauern an, auch den damals 15-jährigen Romke Schievink. „Wir wollten das Planetarium mit einer Jugendgruppe besuchen“, berichtet er. Doch ehe es so weit kam, brannte das Den Haager Planetarium 1976 nieder. Das Zeiss-Modell I wurde dabei beschädigt und verschwand in den Wirren nach dem Brand. Doch Romke Schievink wollte nicht glauben, dass es verloren ist. „Ich habe es kurz nach der Katastrophe gesehen“, berichtet er. „Ich war mir sicher, es ist noch vorhanden.“

So sicher, dass er auch Jahrzehnte später noch danach forschte. Im Keller des „Museon“, eines Wissenschaftsmuseums in Den Haag, wurde er 2017 schließlich fündig. Verpackt in einer großen Holzkiste lag der Schatz verborgen. Das Museum überließ ihm und einem kundigen Freundeskreis das gute Stück. Gemeinsam mit seinem Sohn und einem Freund machte er sich an die Restauration. „Wenn man etwas Historisches erhalten will, dann muss man es auch reparieren“, findet er, und so nahmen sie das optische Gerät auseinander und bauten es wieder zusammen. Sie ersetzten zwei kaputte Linsen, zogen Schrauben nach, richteten und justierten die Drehscheiben und Zahnräder, die die hauchdünnen Kupferplatten bewegen, auf denen per Hand die Sternenbilder eingestochen wurden. „Das sind 5000 einzelne Sterne, alle entsprechen den aktuellen Bildern“, ist er begeistert von der Präzision des Geräts.

Im August 2018 konnten sie das Planetarium erstmals testen. Und: es funktionierte! Dennoch gab es noch viel zu tun. Das Bedienfeld war verloren gegangen, ebenso die Reihenfolge der Darstellung. Dies bauten Schievink und seine Helfer mit moderner Computertechnik nach. Und in Bruchhausen-Vilsens altem Gaswerk soll die Projektion nun zu bewundern sein. Dafür soll über dem Veranstaltungsraum eine Kuppel mit neun Metern Durchmesser errichtet werden.

Weichen muss dafür eine Innenwand, die aber „ohnehin nachträglich eingebaut wurde“, wie Wilfried Müller und Dieter Borcherding vom Ausschuss Altes Gaswerk wissen. Sie sehen dem Vorhaben eher gespannt entgegen. Die Geschichtswerkstatt wandert in einen Raum auf der gegenüberliegenden Seite; die vorhandene Bühne wird abgebaut und durch eine mobile Version ersetzt. Trotzdem sieht auch Peter Schmidt-Bormann, zweiter Vorsitzender des Verschönerungsvereins Bruchhausen-Vilsen (VVV) und Vorsitzender des Verein Kunst und Kultur, die das alte Gaswerk für Veranstaltungen nutzen, diesem Wandel mit Erwartung entgegen. „Die Nutzbarkeit wird auch für uns größer“, ist er mit Blick auf eine bessere Akustik durch die Kuppel überzeugt. Er denkt vielmehr an eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die in Kooperation durchgeführt werden können: Konzerte, Lesungen, Ausstellungen. „Der VVV ist für Neues immer empfänglich, gerade auch bei etwas so Spektakulärem.“

Im Frühjahr soll mit den Arbeiten begonnen werden. „Der Zuschussantrag läuft“, sagt Bierfischer. Davon sei der Start abhängig. Dennoch hofft man auf eine Eröffnung im Juni. Vorführungen soll es die gesamte Woche über geben. 20 Minuten bis zu einer Stunde dauert eine Vorstellung. Ergänzt werden soll das Programm mit Vorträgen und Ausstellungen alter astronomischer Gerätschaften. „Auch Schulklassen können das nutzen“, ergänzt Bierfischer. „Da wird sich eine neue Generation Sternengucker entwickeln“, sind Müller und Borcherding überzeugt, auch wenn das Zeiss-Modell I zunächst nur als Leihgabe in Broksen bleibt.

Wer vorab schon einen Blick auf das Planetarium werfen möchte, hat bei Youtube Gelegenheit dazu. Romke Schievink zeigt das Modell I unter www.youtube.com/watch?v=xPaSbP-sI5Q. Darüber hinaus hat er in Niederländisch einen Film über die Geschichte des Slijthoff-Planetariums in Den Haag und des Zeiss-Modells I gedreht, der unter dem Link www.youtube.com/watch?v=puDKO1lItMY zu finden ist.

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