Baufortschritt am Pastorenhaus Neuer Platz nach fast 500 Jahren

Endstation Kirchstraße: Das alte Pastorenhaus steht im Großen und Ganzen. Die Zimmerei ist fast fertig, die Rekonstruktion wird sich noch etwas ziehen. Jedoch nicht nur beim Haus.
18.06.2021, 17:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Wolfgang Sembritzki

Martfeld. Tassilo Turner rückt bald ab. Der Zimmerer hat ganze Arbeit geleistet. Viel fehlt nicht mehr beim alten Pastorenhaus in Martfeld. Seit es im Dezember vergangenen Jahres von seinem Fundort an die Kirchstraße 13 verrollt wurde, ist einiges passiert: "Ursprünglichkeit und Moderne" lautet die Überschrift, die der Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins (HVV), Anton Bartling, dem Unterfangen gibt. Vieles habe der Verein vom Ursprungsbau erhalten können, mancherorts habe ihm jedoch das Baurecht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Etwa beim Bau auf Sand, weshalb das Haus nun auf einem Betonfundament steht und mit Metallbolzen fixiert wurde.

Mit dem Dilemma von Urzustand und moderner Bauvorschrift hatte auch Zimmerer Tassilo Turner zu kämpfen. "Wir hatten Teile aus dem Originalbestand, vom Dachstuhl fehlten jedoch Bauteile", so der Handwerker. Dach und Giebel sind noch Aufgabe des Zimmerers, ebenso die Felder in den Seitenwänden mit Lehm zu füllen, um eine glatte Fassadenoberfläche zu schaffen. Danach rücken Dachdecker und Steinsetzer an. Der Sommer wird der Trocknung der Wände und des Bodens dienen. Anschließend werden Fenster und Türen eingesetzt. 

Bauforscher Heinz Riepshoff erläutert die Schwierigkeit bei der Rekonstruktion des Hauses: "Es geht einerseits um den tatsächlichen, andererseits um den vermeintlichen Urzustand." Ersterer lasse sich anhand von Originalbauteilen des Hauses, die noch erhalten sind, herstellen. Da jedoch Stücke fehlen, könne man lediglich zum vermeintlichen Urzustand kommen. Dazu müsste der Bau durch Teile ergänzt werden, die dem 1535 vorherrschenden Stil entsprechen. Dazu komme die "notwendige Moderne" in Form von Bolzen zur Fixierung des Hauses im Fundament.

Zwei Glücksfälle hätten sich jedoch bei der Wiederherstellung ergeben, berichtet Riepshoff. Zum einen hätten die Beteiligten einen Balken mit dem Baujahr des Hauses, zum anderen die ursprüngliche Herdstelle gefunden. So lasse sich erahnen, was Pastor Otto Homfeld in seinem Haus getan hat. "Wir gehen davon aus, dass er erst einmal allein hier studiert hat", sagt Riepshoff. Das Baujahr auf dem Balken lasse nicht auf Prahlerei schließen – dafür sei die Inschrift nicht prunkvoll genug –, sondern diente vielmehr als Dokument zur Verifizierung des Baujahrs. Erst 1604 habe der Pastor das Haus umbauen lassen, um für seine Familie vorzusorgen – denn Pfarrwitwenhäuser gab es zu dieser Zeit noch nicht, die Frau und Kinder hätten nach dem Ableben des Geistlichen auf der Straße gestanden, weil sie aus dem Pfarrhaus hätten ausziehen müssen.

Die Rekonstruktion des Hauses und der Lebensumstände des Pastors sorge immer wieder für angeregte Diskussionen unter den Beteiligten aus Hausforschung, Architektur und Historikern. Dennoch habe man eine "gute Kommunikation" untereinander, so Bartling. Das Haus wirke rein vom Stil her eher städtisch und damit nicht ganz passend zum damaligen Martfelder Ortsbild. Deshalb sei anzunehmen, dass Pastor Homfeld sich wohl einen Zimmermann von außerhalb für die Errichtung seines Heims kommen ließ. Dafür spreche auch die Biografie des Geistlichen: Er habe nachweislich in Wittenberg und Rostock studiert, sei daher für damalige Verhältnisse durchaus weltgewandt gewesen und könnte über ein entsprechendes Netzwerk zur Realisierung seines Bauprojekts verfügt haben. 

Im Dunkeln bleibt jedoch vorerst noch einiges, etwa wo Homfeld geschlafen haben könnte: "Wir haben keine Hinweise auf ein Wandbett gefunden", heißt es von Vereinsseite. Ebenfalls gebe es keine Hinweise auf eine Treppe, die ins Obergeschoss führt, weswegen die erste Etage auch im restaurierten Haus nicht öffentlich zugänglich gemacht werde. Dies wäre aus baurechtlichen Gründen ohnehin problematisch. Folglich werden Besucher des Hauses, das ein Museum werden soll, stets den festen Boden aus spendenfinanzierten Sandsteinplatten im Erdgeschoss unter den Füßen haben.

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