Familientragödie

Das Ende der unbeschwerten Zeit

Erst wird bei Sohn Jonas Diabetes diagnostiziert, dann bei Mutter Kathrin ein Hirntumor. Familie Kolkmann aus Schwarme hat es hart getroffen. Nun fragt sich Vater René, wie er das Haus abbezahlen soll?
09.07.2021, 14:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Micha Bustian / abu

Schwarme. Der Rasen ist gemäht und durchsetzt mit Klee und Löwenzahn. Zwei Autos stehen in der Einfahrt. Hinter dem Rotklinkerhaus in Schwarme wird deutlich: Hier lebt auch ein Kind. Spielzeug, Rutsche, Sandkiste – eine wahre Idylle, die sich Kathrin und René Kolkmann aufgebaut haben. Doch die hat in jüngster Zeit deutliche Risse bekommen. Grund dafür sind zwei medizinische Diagnosen: Söhnchen Jonas (4) hat Diabetes Typ eins und Mutter Kathrin einen Gehirntumor.

Der Reihe nach. Januar 2020: Jonas Kolkmann muss zwei Tage vor seinem dritten Geburtstag ins Krankenhaus. Vorher wurde die Familie schon darauf angesprochen, dass der Filius unheimlich viel trinkt. Jetzt bestätigt sich die Befürchtung: Der Zuckerwert  liegt bei 386, das Kind bekommt eine kleine Insulinpumpe und darf künftig nur mit einem medizinisch ausgebildeten Betreuer in die Kita. Ein solcher sei "leicht zu bekommen", wird Kathrin Kolkmann mitgeteilt. So viel zur Theorie. In der Praxis landet der Fall vor dem Sozialgericht in Hannover. Und da die Assistenz immer nur für ein Jahr gewährt wird, muss bald wieder darüber entschieden werden.

Bis ihnen eine Assistenz zugewiesen wird, arbeitet die Werksleitungsassistentin Kathrin Kolkmann im Kindergarten. "Ich kann ihn doch nicht einfach dort abgeben." Immerhin könne der Junge unterzuckern und dadurch schlimmstenfalls ins Koma fallen. Ihr Ehemann teilt sich in dieser Zeit seine Arbeitsstunden als IT-Administrator so ein, dass sie zumindest an zwei Tagen ins Büro kann. "Außerhalb des Kindergartens haben wir alles alleine gemacht."

Das Trio hat sich gerade zurechtgefunden, da folgt der zweite Tiefschlag. Am 20. Juni dieses Jahre ruft René Kolkmann einen Krankenwagen. Seine Frau hat schlimme Kopfschmerzen, nicht zum ersten Mal. Entspannung, Atemübungen, Yoga – das alles hat nichts gebracht. Im Krankenhaus in Verden wird eine Computertomographie ihres Kopfes gemacht. "Und wenn der Arzt vor einem sitzt und selber anfängt zu weinen, dann weiß man: Das ist etwas Schlimmes", beschreibt Kathrin Kolkmann ihre Gefühle. Es ist etwas Schlimmes, etwas Niederschmetterndes. Glioblastom. Bösartig. Unheilbar. "Man versteht das nicht."

Inzwischen ist die 36-Jährige operiert. Ein halbes Jahr geben ihr die Ärzte noch, sie selber ist optimistischer. "Vielleicht lebe ich noch fünf Jahre." Für ihren Gatten wäre das "ein Traum". Er nimmt Tabletten, "sonst kann ich nichts essen und nicht schlafen". Ihr steht nun die Chemotherapie bevor, "aber wir wissen nicht, wie chemoresistent der Tumor ist". Auch eine Strahlentherapie ist im Gespräch. Welche Therapie, ist dem Ehepaar eigentlich egal. "Wir hoffen nur, dass sie anschlägt." Klar ist: "Es ist nicht gut und wird nicht besser."

Wie geht es weiter? Kathrin und René Kolkmann legen ihren Fokus jetzt auf Sohn Jonas. "Er soll eine schöne Kindheit haben", findet Vater René. Nur wie? Sollte seine Mutter wirklich bald sterben, müsste der Papa in Teilzeit gehen, damit er sich zuhause um den Knaben kümmern kann. Weniger Arbeitszeit heißt weniger Geld. "Wie soll ich dann das Haus abbezahlen?", fragt sich der 35-Jährige. Wegziehen aus Schwarme, das würde er auch im Falle des Todes seiner Frau nicht. "Jonas soll in seinem gewohnten Umfeld bleiben." Doch wie soll das gehen?

Fragen über Fragen, auf die das Ehepaar Kolkmann unter diesem Druck, in dieser Ausnahmesituation Antworten finden muss. Und das schnell. Da gerät die Traurigkeit fast in den Hintergrund. "Ich versuche, den Gedanken nicht an mich heranzulassen", sagt René Kolkmann. "Ich will für den Kleinen stark sein." Weinen sie zusammen wegen der Situation? "Jetzt noch nicht."

Familie Kolkmann sucht ob der ungewissen Zukunft nach finanzieller Unterstützung, sprich nach Spenden. Wer etwas für das leidgeprüfte Trio übrig hat, ist gerne aufgefordert, sich zu melden. Dies geht per E-Mail an spende@kolkmannonline.de oder telefonisch unter 04258/9836681. Die Bankdaten sind auch bei Facebook veröffentlicht: www.facebook.com/rene.kolkmann/posts/4246360358740473. "Hinter der E-Mailadresse wird erstmal eine automatische Antwort verschickt da wir nicht wissen welches Mailaufkommen zu erwarten ist", erklären Kathrin und René Kolkmann. Genauso werde es bei der Telefonnummer sein, hier würde wir ein Anrufbeantworter geschaltet. "Natürlich werden wir dann versuchen, allen zeitnah eine persönliche Rückmeldung zu geben."

Zur Sache

So schnell wie möglich bekämpfen

Das Glioblastom gehört als Hirntumor den Gliomen an. So steht es auf der Internetseite www.netdoktor.de. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO handelt es sich beim Glioblastom um den höchsten Schweregrad, den ein Hirntumor erreichen kann. Meistens bilde sich der Tumor in einer Großhirnhälfte und wachse schnell in die andere Gehirnhemisphäre ein. Unter dem Mikroskop können Experten im Gewebe kleine Hohlräume, abgestorbenes Gewebe und Einblutungen erkennen. Menschen, die mit der Diagnose Glioblastom konfrontiert werden, bleibt im Normalfall kaum Zeit, diesen Schicksalsschlag zu bewältigen, denn diese aggressive, schnell wachsende Art des Hirntumors muss so schnell wie möglich bekämpft werden. Bisher existiert keine heilende Behandlung für das Glioblastom. Deshalb kommt es darauf an, die extrem schnelle Zellteilung des Tumors mit allen verfügbaren therapeutischen Mitteln einzudämmen. Am Donnerstag, 15. Juli, widmet sich ein Gesundheitstag dem Glioblastom. Wer mehr Informationen darüber haben möchte: Von 16 bis 19 Uhr sind Experten aus mehreren deutschen Tumorzentren unter der kostenfreien Rufnummer 0800/0604000 zu erreichen.

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