Basketball Wie eine Sparte sich beim FTSV Jahn Brinkum selbst erhält

Basketball ist im Diepholzer Nordkreis nicht unbedingt weit verbreitet. Die Hochburg hat ihr Zuhause beim FTSV Jahn Brinkum. Dafür, dass die Sparte gut läuft, ist großer Einsatz von allen Beteiligten gefordert.
10.11.2020, 15:47
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup

Seit er acht Jahre alt ist, ist Keanu Gerdes beim FTSV Jahn Brinkum. Weit mehr als die Hälfte seines Lebens also. Der heute 22-Jährige hat mit dem Basketball seinen Sport gefunden. Doch er ist nicht nur Teil der ersten Herrenmannschaft des FTSV, sondern auch Trainer eines Jugendteams – und damit eines von vielen Beispielen dafür, wie sich die Sparte zukunftssicher aufstellt.

„Wir erhalten uns quasi selbst.“ Das sagt Michael Valentine, der Basketball-Spartenleiter. Seit fast 50 Jahren wird der Sport in Brinkum gespielt. Der Brinkumer Ballspielverein, die erste Heimat der Korbjäger, ist mittlerweile im FTSV Jahn aufgegangen. Das hat an der Reputation nichts geändert: „Basketball wird akzeptiert und respektiert. Er hat einen guten Ruf“, findet Lothar Weyd, der Trainer der ersten Herrenmannschaft. Zu seinem Team zählt Gerdes. Doch der ist nicht nur auf dem Feld gefragt, sondern bildet als Coach von einer der beiden U18-Mannschaften auch die neue Generation aus. Aus seinen Schützlingen werden in naher Zukunft seine Mitspieler werden.

Spieler, Trainer, Vorbild – Gerdes ist alles zugleich. Und damit eine perfektes Beispiel für den Brinkumer Weg des Sich-selbst-Erhaltens, bei dem sich Aktive aus den eigenen Reihen um den Nachwuchs kümmern. Gerdes, Student der Rechtswissenschaften an der Universität Bremen, brachte sich sogar selbst als Coach ins Spiel. Rund vier Jahre ist es her, als er nachhakte, ob er bei der U14 aushelfen könne. Deren Cheftrainer war Yannick Schmidt, der heutige Coach der zweiten Herrenmannschaft. Und auch Gerdes stieg mit der Zeit auf, erhielt immer mehr Verantwortung.

Am Anfang stand hinter der Idee, sich als Trainer zu versuchen, auch ein finanzieller Gedanke. „Ich habe einen Nebenjob gesucht“, verrät Gerdes. Gerade war er aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Dort hatte er während eines Austauschjahres viel über Basketball gelernt, „auch aus der Perspektive eines Trainers auf das Spiel geblickt“. Sein neues Wissen in seinem Verein einzubringen, das lag durchaus auf der Hand. Die Übungsleiterpauschale war ein netter Nebeneffekt. Ein entscheidendes Kriterium, warum er auch heute noch Trainer ist, ist sie aber nicht. „Basketball hat für mich viel mehr etwas mit Leidenschaft als mit einem Nebenjob zu tun“, sagt Gerdes. Es ist die intrinsische Motivation, die zählt. Er mache das nicht mehr nur für sich, sondern auch für seine Jungs.

Basketball als Herzensangelegenheit also. Auch im Trainerbereich. Gerdes lebt das vor. Er traut seinen Schützlingen, die er bis in die U18 begleitet hat, alles zu. Den Sprung in den Herrenbereich, aber auch eine Laufbahn als Coach. „Aber wir Trainer können den Jungs immer nur ihre Möglichkeiten aufzeigen. Reindrängen in eine Aufgabe können wir sie nicht“, weiß er.

Das ist auch nicht die Intention der Brinkumer Verantwortlichen. Sie beobachten allerdings ganz genau, wer in ihren Reihen für Aufgaben abseits des Spielfeldes infrage kommt. Etwa 25 Übungsleiter und Schiedsrichter, die er im selben Atemzug nennt, zählt Valentine in der rund 200 Mitglieder starken Sparte. „Das ist eine gute Basis“, findet er. Trainer und Unparteiische aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, sei der beste Weg, auch weil der finanzielle Hintergrund im Basketball oftmals nicht so stark sei wie etwa im Fußball. Eine ähnliche Anzahl Sponsoren gebe es nicht. „Bei uns ist ganz viel Idealismus dabei“, unterstreicht Valentine. Eine Übungsleiterpauschale ist eine Anerkennung, die den wirklichen Aufwand nicht decken kann.

Acht Jugendmannschaften zählt der FTSV. Sie werden von Kräften aus den eigenen Reihen trainiert. Die andere U18-Mannschaft etwa coacht Simon Mielke, ebenfalls Erste-Herren-Spieler, die Trainerinnen weiterer Jugendteams heißen zum Beispiel Andrea Bock oder Sarah Weyd, beide im Landesliga-Frauenteam. So zieht sich das Konzept durch die Abteilung. „Im Vergleich zu vielen anderen Vereinen läuft es gut bei uns. Wir haben für alle Mannschaften im Spielbetrieb bald zwei Trainer: einen Haupt- und einen Assistenztrainer“, sagt Valentine.

Das war nicht immer so. Teilweise sei die Sparte mit deutlich weniger Mannschaften vor sich hingedümpelt, erinnert sich Valentine, der seit mehr als 20 Jahren in der Spartenleitung aktiv ist. Dann schlossen sich einige Engagierte wie Uwe Taute, Andrea Bock und er selbst zusammen. „Wir haben bei den Kleinen angefangen, etwas aufzubauen. Von da an wurde es immer mehr“, blickt er zurück. Seitdem haben viele Brinkumer den Weg zum FTSV gefunden, etliche sind von anderen Teams zurückgekehrt.

Einfach sei es nicht, immer genügend Trainer für alle Mannschaften zu finden. „Es ist ein Kommen und Gehen. Wir sind immer auf der Suche. Das ist bei jeder Sitzung von uns ein Thema“, verrät Valentine. Wer hat das Zeug dazu, sein Wissen weiterzugeben? Wer hat zudem die nötige Zeit? An wessen Seite kann der oder die Neue erst einmal Erfahrungen sammeln? Auch der koordinative Aufwand ist groß. „Aber er ist es wert“, sagt Valentine.

Doch stimmt das auch aus sportlicher Sicht? „Unser Ziel ist es, uns breit aufzustellen“, erklärt der Spartenleiter. Reinen Leistungssport bietet der FTSV nicht. „Wenn man nur auf Leistung geht, kann man die Sache komplett anders aufziehen. Dann holt man sich hauptamtliche Trainer, die mehr Geld kosten, aber ganz anders trainieren. Die aber vielleicht auch bei einem besseren Angebot wieder weg sind“, sagt Valentine. Beim Brinkumer Breitensportansatz „haben wir ein ganz anderes Miteinander, eine ganz andere Identifikation“, verdeutlicht er. Da ist Erfolg nicht alles. Siege und Titel aber sind deshalb nicht wertlos. Sie machen attraktiv. Sowohl für Zuschauer, als auch für (Nachwuchs-)Spieler. „Mittelfristig wäre es schon schön, wenn wir aufsteigen würden“, sagt Valentine und meint damit sowohl die Herren, die in der Regionsliga spielen, als auch die Damen, die in der Landesliga auf Korbjagd gehen.

Die Brinkumer Männer spielten einst sogar in der Oberliga. Mittlerweile ist eine neue Generation am Ball. Die meisten von Weyds Spielern sind nicht einmal Mittzwanziger. „Wir können an dieser Truppe noch sehr viel Freude haben“, glaubt der Trainer. Man müsse ihr aber Zeit geben, um sich zu entwickeln. „Wir sind auf einem guten Weg. Es kommen in Zukunft einige Jungs nach, von denen ich mir viel erhoffe“, sieht Weyd gute Perspektiven, um den Schritt raus aus der Regionsliga zu schaffen. Für diese Aussicht könne man sich bei den Verantwortlichen und den Jugendtrainern nur bedanken. „Sie machen tolle Arbeit. Es passt, wie das Ganze aufgebaut ist.“

Ähnlich sieht es Frauentrainer Mario Müller. Bei Frauen sei die generelle Situation schwieriger: „Bei vielen Vereinen findet überhaupt keine Ausbildung statt.“ Bei Brinkum ist das anders. „Wir können stolz darauf sein, dass wir hier auch im Juniorinnenbereich aktiv sind“, sagt der Coach, der seit Anfang der neunziger Jahre im Verein ist. Eine Schwierigkeit sei der Übergang vom Juniorinnen- in den Seniorinnenbereich: „Dort verliert man viele Spielerinnen. Wenn wir es schaffen, 50 Prozent von ihnen zu halten, dann ist das eine gute Quote.“ Dass man auf Trainerinnen aus den eigenen Reihen setzt, erhöhe aber die Chancen. „Die Berührungsangst ist nicht mehr so groß“, fällt der Schritt zum neuen Team leichter. Die Hoffnung auf einen Aufstieg ist auch hier eng mit der Einbindung der Spielerinnen in die Jugendarbeit verbunden. Dafür macht auch Müller sich immer wieder stark. Vielen Berufstätigen fehle allerdings die Zeit, sich bei den Jüngeren noch stärker zu engagieren. „In einer U14 kannst du donnerstagabends kein Training anbieten. In dieser Altersstufe reden wir von nachmittags. Da arbeiten viele.“ Auch deshalb sind junge Kräfte wie Gerdes unverzichtbar. Studenten und ältere Schülerinnen und Schüler sind eine Stütze des Brinkumer Konzepts. Spielen sie selbst im Verein, stiften sie Identifikation, sind sie zudem auch Trainer, erweitern sie die Möglichkeiten ihres Klubs. Sie machen ihn zukunftssicher.

Eine Einbahnstraße ist das Engagement als Coach nicht. Seine Traineraufgabe habe ihn nicht nur als Basketballer weitergebracht, sondern auch in seiner Persönlichkeitsentwicklung, sagt Gerdes. Er habe Führungsqualitäten entwickelt und gelernt, Charaktere besser einzuschätzen. Tugenden, die auch im Leben abseits der Halle weiterhelfen. Nicht nur der Verein profitiert also von der Zusammenarbeit. Der Brinkumer Weg hilft auch den jungen Ehrenamtlichen. Eine Win-Win-Situation.

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Zur Sache

Basketball im Nordkreis

Unter den zahlreichen Ballsportarten hat es Basketball im Diepholzer Nordkreis durchaus schwer. Nicht mehr viele Vereine zwischen Stuhr und Twistringen betreiben überhaupt noch eine Sparte. Der FTSV Jahn Brinkum ist Vorreiter, auch was Mannschaften im Spielbetrieb angeht. Er hat nicht nur seine Landesliga-Damen und Regionsliga-Herren gemeldet, sondern auch jeweils ein Team in den Regionsligen der U18-Mädchen und -Jungen. Ebenfalls am Start ist eine U12. Die U14 wurde zurückgezogen, das gilt auch für die zweite Herrenmannschaft, die wegen der Corona-Pandemie auf einen Start in der Regionsklasse verzichtete.

Auf Korbjagd geht auch der SC Weyhe. Dessen 1. Vorsitzender ist mit Jörg Hartmann sogar ein Basketballer. Der Klub stellt mit seiner Landesliga-Mannschaft das höchstspielende Herrenteam unseres Verbreitungsgebietes. Die zweite Mannschaft ist in der Regionsklasse gemeldet. In dieser Liga trifft sie auf den TSV Bassum. Die Lindenstädter sind darüber hinaus mit einer U16-Mannschaft in der Regionsliga vertreten.

Die Basketball-Sparte war einst die erfolgreichste des TuS Syke. Die Herren spielten in der Bezirksoberliga, die Junioren sammelten Titel im Bezirk. Davon ist nicht mehr viel geblieben. Bei den Senioren sind die Hachestädter in dieser Saison nicht im Punktspielbetrieb vertreten, der Nachwuchs spielt in der Regionsklasse der U12 und U16. Auch beim SC Twistringen gibt es eine Basketballsparte. Eine Mannschaft nimmt in dieser Saison allerdings nicht am Spielbetrieb teil.

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