Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde Ein Fest für neue Kraft und Motivation

Die Jahresversammlung "Jalsa Salana" zählt zu den bedeutendsten Festen für die Gläubigen der Ahmadiyya-Gemeinde. Zahlreiche Mitglieder des Brinkumer Ablegers haben das Fest in Karlsruhe besucht.
12.09.2022, 16:34
Lesedauer: 3 Min
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Von Niklas Golitschek

Stuhr-Brinkum/Karlsruhe. Für die Mitglieder der Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde war die „Jalsa Salana“ einer der Jahreshöhepunkte, den sie Ende August in Karlsruhe gefeiert haben. „Das ist vergleichbar mit den christlichen Kirchentagen, nur die Dimension ist größer“, sagt der Gemeindevorsitzende und -sprecher Mujib Ata über die Bedeutung der dreitägigen Jahresversammlung der muslimischen Gemeinde. Mit rund 20.000 Teilnehmern zählt die religiöse Veranstaltung zu den größten Europas. Vor der Pandemie hätten sich sogar doppelt so viele Mitglieder der muslimischen Religionsgemeinschaft auf dem Messegelände eingefunden. „Das ist dann die größte Moschee Europas“, erzählt Ata.

Seine Gemeinde sei in diesem Jahr mit rund 120 der insgesamt 315 Mitglieder in Karlsruhe vertreten gewesen. Auf den ersten Blick mag das nach einer regen Beteiligung klingen, Ata kennt sonst aber noch höhere Quoten. „Das war vor allem wegen der Urlaubszeit. Manche konnten jetzt zum ersten Mal nach zwei Jahren ihre Familie wiedersehen“, führt er aus – das habe Vorrang vor der Versammlung gehabt. Teilnehmerbegrenzung, Impfpflicht und das Fernbleiben von Risikopatienten, die das Fest vom heimischen Bildschirm aus mitverfolgten, hätten in diesem Jahr die Teilnehmerzahlen gedrückt.

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Die jährliche Zusammenkunft der Ahmadiyya-Mitglieder ist mittlerweile Tradition seit mehr als 130 Jahren und hat ihre Ursprünge in Indien. In Deutschland reicht die Geschichte bis in die 1970er-Jahre zurück. Die größte "Jalsa Salana" zählte die Gemeinschaft 1983 in Pakistan mit rund 200.000 Teilnehmern. „Ohne die Verfolgung wären es noch mehr“, ist Ata sicher. Seit 1984 lebt das Oberhaupt der Religionsgemeinschaft in England im Exil, wo neben der Versammlung in Deutschland auch jährlich eine internationale Zusammenkunft stattfindet.

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Neben den gemeinsamen Gebeten bestehen die drei Tage der "Jalsa Salana" vor allem aus Redebeiträgen und einem Begleitprogramm auf mehreren Bühnen. „Vieles ist auf Deutsch und es gibt Simultanübersetzer“, lobt Ata die Zugänglichkeit der Veranstaltung. Deshalb komme dort eine multikulturelle Gruppe zusammen, die im Glauben vereint sei. Auch anderen Interessierten stehe die Veranstaltung offen. Inhaltlich sei die Versammlung in diesem Jahr vom russischen Angriff auf die Ukraine geprägt gewesen. Thema sei daher der Frieden gewesen und wie Menschen Vorbilder in Zeiten von Krieg sein könnten. „Es gab kaum Reden politischer Natur“, hat Ata beobachtet. Im Vordergrund hätten Gebote und Hinweise für ein friedvolles Leben gestanden. „Man holt sich aus den Reden neue Motivation“, schildert er. Werte, Moral, Ethik und der Blick über den Tellerrand über kulturelle Grenzen hinweg seien eine Bereicherung. „Es geht um Begegnung auf Augenhöhe und Mitmenschlichkeit“, führt er weiter aus. Wichtig sei, nicht nur die eigenen Rechte einzufordern, sondern sie auch anderen Mitmenschen zu gewähren.

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In diesem Zuge arbeiteten die Teilnehmer außerdem die eigenen Bitten zum Schöpfer auf, sammelten auf spiritueller wie religiöser Ebene neue Kraft und Motivation bis zum nächsten Fest. In den westlichen Gesellschaften werde Religion zunehmend zum Randphänomen, beobachtet Ata mit Sorge. Stattdessen breite sich eine „Höher-schneller-weiter“-Mentalität aus, die zu den aktuellen Materialproblemen führe. „Das Leben und die Welt sind endlich. Wir sollten uns auf das Danach vorbereiten“, merkt er an. In der Theorie weise jede Religion einen Weg für Menschlichkeit und Friedfertigkeit, sie würden jedoch auch von Menschen für Schandtaten oder Parteipolitik missbraucht. „Wir wollen Akzeptanz und unseren Platz in der Gesellschaft und Begegnung auf Augenhöhe“, stellt Ata für seine Gemeinschaft klar.

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Nachdem die "Jalsa Salana" in den vergangenen beiden Jahren ausgefallen war beziehungsweise nur in sehr reduziertem Umfang stattgefunden hatte, freut sich Ata nun über die persönlichen Begegnungen. „Es ist eine große Erleichterung, dass wir wieder Richtung Normalität gehen“, sagt er. Vor allem die Zeit von März bis Sommer 2020 beschreibt er als Zäsur und als Chaosjahr. Muslime seien es gewohnt, Schulter an Schulter zu beten, die Gemeinschaft spiele eine bedeutende Rolle. Mit anderthalb Metern Abstand, Maskenpflicht und eigenem Gebetsteppich zusammenzukommen, beschreibt Ata als „bizarr und merkwürdig“. Zumal es in der islamischen Geschichte noch nie vorgekommen sei, dass Moscheen mehr als zwei Monate komplett geschlossen waren. Der Gemeindevorsitzende fasst zusammen: „Corona war eine schwere Zeit.“ Mit den Lockerungen ist nun auch wieder ein regeres Gemeindeleben möglich: Für Sonntag, 25. September, organisiert die Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde zum Beispiel wieder einen Spendenlauf.

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