Aktion zum Thema Sucht in Familien

Damit Kinder ihr eigenes Leben leben

Jedes sechste Kind in Deutschland wächst mit suchtkranken Eltern auf. Die Zahl erschreckt und ist für den Verein Release Anlass, das Thema gemeinsam mit dem achten Jahrgang der KGS Brinkum zu behandeln.
14.02.2020, 18:16
Lesedauer: 2 Min
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Damit Kinder ihr eigenes Leben leben
Von Alexandra Penth
Damit Kinder ihr eigenes Leben leben

Wollen thematisieren, wie es Kindern suchtkranker Eltern ergeht: Präventionsfachkraft Patrick Ehnis und Lehrerin Heidrun Meier.

Alexandra Penth

Stuhr-Brinkum. Die Zahl erschreckt: Jedes sechste Kind in Deutschland wächst mit suchtkranken Eltern auf. Das Risiko, selbst in die Abhängigkeit zu geraten, ist bei ihnen drei- bis viermal höher. Um das tabuisierte Thema in die Öffentlichkeit zu rücken, veranstalten die Vereine Nacoa Deutschland und Such(t)- und Wendepunkt jährlich eine Aktionswoche zu diesen von der Gesellschaft oft eben vergessenen Kindern. Dass sich an der bundesweiten Aktion auch der Verein Release beteiligt, ist nichts Neues. Wohl aber, dass die gesamte achte Jahrgangsstufe der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Brinkum aus diesem Anlass die Beratungsstelle an der Bahnhofstraße in Brinkum besucht.

Die Schüler sehen dort Anfang kommender Woche den Film „Zoey“, der den Alltag eines 14-jährigen Mädchens thematisiert, dessen Vater nach einem Alkoholentzug rückfällig wird. Dabei zeigt sich ein typisches Phänomen, wie Patrick Ehnis, Präventionsfachkraft der Stuhrer Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention bei Release, erklärt: „Die Kinder schlüpfen in die Erwachsenenrolle.“ Sie übernehmen Verantwortung, für den Haushalt, die Geschwister. Ihr eigenes Leben aber rückt in den Hintergrund. Im Anschluss an den Film arbeiten die Experten von Release das Thema mit den Schülern auf.

Durch das Projekt Suchtfrei-Parcours hat Heidrun Meier als Lehrerin für Gesundheit und Soziales an der KGS seit Längerem mit dem Verein zu tun. Weil es für ihr Unterrichtsfach keinen Lehrplan für achte Klassen gibt und sich ihre Schüler das Thema Sucht gewünscht hatten, wurde die Kooperation nun also intensiviert.

Patrick Ehnis weiß, dass es schwierig ist, Kinder und Jugendliche, deren Elternteil suchtkrank ist, zu erreichen. „Häufig ist es ein Familiengeheimnis“, sagt er. Für Außenstehende sei es wichtig, unterstützend tätig zu werden. Das Kind müsse erkennen, dass es nicht schuld an der Situation ist und sich um seine eigene gesunde Entwicklung kümmern muss. „Wir hoffen durch die Präventionsarbeit, dass das Kind bestärkt wird und sich auf den Weg macht, ohne stigmatisiert zu werden“, fasst Ehnis zusammen, worum es ihm geht. Wie randständig das Thema behandelt wird, zeige sich auch daran, dass Vereine wie Nacoa (National Association Of Children Of Alcoholics) keine Regelförderung erhalten, sondern nur auf Projekte bezogen.

Zum Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien bietet Release laufend Fortbildungen für Erzieher und Multiplikatoren an. Auch Heidrun Meier war als Lehrkraft schon in der Situation, dass sich eine Schülerin an sie gewandt hatte – kurz nachdem die Zusammenarbeit mit Release zustande gekommen war. Meier sprach das auffällig wirkende Mädchen an und erfuhr, dass der Stiefvater Alkoholprobleme hat und zu Gewalt neigt. Die Kooperation mit der Suchtberatungsstelle liege ihr sehr am Herzen, denn: „Wir machen die Arbeit, bevor der Konsum für sich selbst startet.“ Gerade Alkohol, die „legalisierte Droge Nummer eins in Deutschland“, sei ein schwierig einzuschätzendes Risiko für junge Menschen. Immerhin sei er gesellschaftlich akzeptiert. „Die kriegen mit, dass es normal ist, zu trinken“, kritisiert Meier. Als Lehrerin sei es ihr Ziel, dass ihre Schüler „aufgeklärte Konsumenten“ werden. Das ist ganz im Sinne der Arbeit der Release-Fachstelle in Brinkum, in der Suchtkranke behandelt werden.

Doch warum kommt Release nicht einfach in die KGS und zeigt dort den Film? „Es ist immer gut, die Schüler rauszunehmen aus der Schule“, sagt Meier. Schwellenängste werden überschritten und die Einrichtung werde präsenter. Dass sich die zahlreichen Kooperationen von Release mit Schulen im Kreis Diepholz bewährt hat, zeigt sich laut Sprecherin Ilona Drescher deutlich: „Viele Klienten sagen, dass sie damals mit der Schule da waren.“

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