Demenz-Netzwerk Die Gesellschaft sensibilisieren

Wie kann die Lebensqualität für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen im Nordkreis verbessert werden? Mit dieser Frage setzt sich das Demenz-Netzwerk Stuhr-Weyhe-Syke auseinander.
14.08.2022, 15:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Berit Böhme

Landkreis Diepholz. "Wir sollten die Menschen mit Demenz nicht wie kleine Kinder behandeln", sagt Jürgen Herrmann und blickt auffordernd in die Runde. Herrmann engagiert sich wie rund ein Dutzend weitere Akteurinnen und Akteure im Demenz-Netzwerk Stuhr-Weyhe-Syke. Der im Januar 2022 gegründete Zusammenschluss kam kürzlich im Speicher an der Alten Posthalterei in Syke zu seinem dritten Treffen zusammen. Das Netzwerk möchte die Stadt Syke und die Gemeinden Stuhr und Weyhe besser aufstellen im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Sie "demenzaktiv" machen.

Die Lokale Allianz für Menschen mit Demenz ist ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über drei Jahre gefördertes Modellprojekt. Dort engagieren sich neben Vertretern der Kommunen Stuhr, Weyhe und Syke und Angehörigen auch Akteure von Pflege- und Haushaltsdiensten sowie dem Verein Pro Dem. "Ich würde mich freuen, wenn mehr Angehörige dabei wären", sagte Dagmar Heidtmann, die Leiterin des administrativen Bereichs bei Pro Dem. "Im Prinzip sind wir als Region ganz gut aufgestellt. Aber damit ist es nicht getan."

Für jüngere Betroffene von Demenz etwa gebe es wenig Angebote in der Region. Es besteht bereits die Betreuungsgruppe "Die jungen Wilden". Zeitweise wird sie von der Ehrenamtlichen Barbara Harjes begleitet. Viele Teilnehmenden seien bei den eineinhalb bis zweistündigen Treffen "sehr positiv gestimmt". Und nähmen diese Stimmung dann mit nach Hause.

Laut Lilja Helms, Leiterin des geronto-sozialen Bereichs bei Pro Dem, sind viele Demenzkranke im frühen Stadium noch "sehr leistungsorientiert". Bei der Konstellation von Gruppen sei Fingerspitzengefühl gefragt, damit sich Teilnehmer mit bereits stärker ausgeprägten Symptomen nicht benachteiligt fühlten. "Wir müssen weg vom defizitorientierten Ansatz hin zum ressourcenorientierten Ansatz." 

Das Netzwerk diskutierte die Einführung von Demenzbeauftragten in den Rathäusern. Lars Janßen von der Gemeinde Stuhr etwa könnte sich dieses Angebot gut vorstellen. Wünscht sich jedoch für die passgenaue Ausgestaltung Hinweise von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. "Das Kind beim Namen nennen und dann können wir anfangen." Auch kleine Schritte könnten den Umgang mit Betroffenen in den Rathäusern voranbringen. "Wir brauchen mehr Präsenz", sagte Herrmann, der als Vertreter der Angehörigen im Netzwerk dabei ist. "Es müsste so weit kommen, dass diese Menschen ein bisschen bevorzugt werden." Etwa wenn es um die Vergabe von Terminen geht.

Viel Handlungsbedarf sieht Herrmann außerdem beim Umgang der Krankenhäuser mit Patienten, die Demenz haben. Die Gesetzgebung hat das Problem bereits erkannt, das spiegelt sich in Niedersachsen im neuen Krankenhausgesetz. Demnach müssen alle Kliniken bis Ende 2023 einen Demenzbeauftragten bestimmen. "Das wäre dann eine Art Lotse", so Helms.

Das Netzwerk möchte die Einwohnerinnen und Einwohner im Nordkreis für den alltäglichen Umgang mit Demenzkranken sensibilisieren. Beispielsweise in Supermärkten oder bei Dienstleistern wie den Banken. Die Idee: zu Schulungen einzuladen.

Auszeiten für Pflegende, Angebote wie die Nachtpflege und mehr Pflegeplätze und Wohngemeinschaften wurden bei dem Treffen in Syke ebenfalls aufs Tapet gebracht. Neben dem engen Finanzkorsett für Pflegeleistungen benannten die Anwesenden hier Hürden wie den großen Fachkräftemangel. Wert legten alle auf die Begleitung von Ehrenamtlichen durch hauptamtliche Strukturen.

Angeregt wurde außerdem die Einführung von ehrenamtlichen "Demenzbegleitern", die für Aufmerksamkeiten wie eine kostenlose Eintrittskarte Menschen mit Demenz ins Theater begleiten könnten. 

Wie viele Menschen derzeit im Landkreis Diepholz mit einer Demenzerkrankung leben, ist unklar. 2018 lag die Zahl der sicher diagnostizierten Fälle laut Netzwerk-Vertreterin Lilja Helms bei 4081. Das Gros der Erkrankten lag 2018 in der Altersgruppe 80 bis 84 Jahre, mit 1046 Männern und Frauen. Der Landkreis liege bei den Zahlen "im Mittelfeld", so Helms. In Bremen etwa gebe es deutlich mehr diagnostizierte Fälle. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Demenzerkrankungen in den nächsten Jahren verdoppeln wird. Oft brauche es eine Weile, bis sich Erkrankte die Demenz eingestehen, sagte Heidtmann.

Die Internetseite www.demenz-netzwerk-nord.de ist kürzlich online gegangen und wird nach und nach erweitert. Dort finden sich unter anderem die Kontaktdaten der beteiligten Institutionen. Wer Interesse an einer Mitarbeit hat, kann sich bei Lilja Helms und Dagmar Heidtmann unter der Telefonnummer 04 21 / 8 98 33 44 melden. Die nächste Zusammenkunft des Netzwerks ist für November geplant.

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