Dick & Dünn

Der Hüter des Scheerkohls

Scheerkohl und Bremen – das hat eine lange Tradition. Aber anbauen will ihn kaum noch jemand – obgleich er problemlos in jedem Gartenbeet oder Balkonkasten wachsen könnte. Zum Glück gibt es Horst True.
19.04.2019, 13:00
Lesedauer: 2 Min
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Der Hüter des Scheerkohls
Von Catrin Frerichs

Es ist eine regelmäßige Bewegung, aus den Unterarmen heraus, die rechte Schulter dreht sich mit. Einmal mit der Sense von rechts nach links durch den grünen Teppich gezogen, dann den Schnitt aus dem Handgelenk in einem einzigen Schwung in die Kiste befördert. Wenn Gemüsebauer Horst True Scheerkohl erntet, bleibt er im Rhythmus. „Mein Sohn kann das nicht so gut“, verrät er. In eine Kiste passen etwa fünf Quadratmeter der zarten Pflanze, schätzt True. Gesät wird auf dem Hof in Blocken bei Stuhr noch per Hand und Holzegge. Die wurde einst von Pferden gezogen, heute macht das Trues Sohn Björn, weil das doch in die Knochen geht. Das Sensen, das bleibt Sache des Vaters.

Scheerkohl und Bremen – das hat eine lange Tradition. Aber anbauen will ihn kaum noch jemand – obgleich er problemlos in jedem Gartenbeet oder Balkonkasten wachsen könnte und wenig Ansprüche an den Boden stellt. Zum Glück gibt es Horst True. Vor knapp 15 Jahren hat er wieder angefangen mit dem Scheerkohl, weil es immer wieder Nachfragen von Bremer Kunden gab. „Schon in der Bremischen Verfassung von 1813 steht, dass die Inhaftierten in den Gefängnissen im Frühjahr Scheerkohl zu essen bekommen sollen“, erzählt der 77-Jährige. Wohl wegen des hohen Vitamingehalts der Pflanze, die so gar nicht aussieht wie Kohl, sondern eher wie Spinat. Tatsächlich gehört Scheerkohl zu den Schnitt- beziehungsweise Blattkohlarten und ist mit Raps verwandt. Noch bis in die 1950er-Jahre gab es Scheerkohl mit Speck und Pinkel nach der Kundgebung am 1. Mai – nach etlichen Maiböcken wohl genau das Richtige.

Die ersten Samen setzte True Anfang März in den Boden. Vier bis sechs Wochen nach der Saat ist der Kohl bereit zur Ernte. Die Saison ist kurz, nur noch bis Ende Mai verkauft True auf seinem Hof oder den Wochenmärkten in Findorff, am Benqueplatz in Schwachhausen und in der Hermine-Berthold-Straße in Hastedt das gute Gemüse. Kunden kämen ganz aus dem Emsland nach Blocken, um sich mit Scheerkohl zu versorgen, erzählt True. Auch das Fernsehen zeige auch immer wieder eine Reportage über den Gemüsebauer und seinen Scheerkohl.

Der leicht süßlich-nussig schmeckende Kohl muss rasch verarbeitet werden, sonst wird er schlapp und gelb. Nach dem „Scheren“ der jungen Blätter mit der Sense, woher der Kohl seinen Namen hat, sollte er in ein feuchtes Handtuch gewickelt zwei bis drei Tage im Gemüsefach des Kühlschranks durchhalten. Er schmeckt als Pesto und Salat, in Lasagne und Rührei, auf Buchweizencrêpes und traditionell mit Speck und Pinkel. Wer Ideen braucht, bekommt von True auch einen A4-Zettel mit Rezepten.

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