Fußball-Landesliga

Der TV Stuhr auf großer Fahrt

Acht-Stunden-Tage kennen Arbeitnehmer, aber auch Hobbyfußballer in der Landesliga. Diese Erfahrung macht in diesem Jahr erstmals der TV Stuhr - zuletzt beim SV Bavenstedt...
17.11.2018, 10:29
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup

Samstagvormittag, kurz vor 10 Uhr: Es fieselt, das verraten die kleinen Tropfen auf der Windschutzscheibe des Reisebusses, der abfahrtbereit auf dem Betriebsgelände eines Busunternehmens in Seckenhausen steht. Ein goldener Herbstmorgen sieht anders aus. Und trotzdem ist die Stimmung in der kleinen Gruppe auf dem Parkplatz gut. Hier wird jeder mit Handschlag begrüßt. Wirklich anstrengend ist das nicht, schließlich fahren nur zehn Spieler des Fußball-Landesligisten TV Stuhr, die beiden Trainer Christian Meyer und Stephan Stindt und die beiden Fans Oliver Hellmers und Jan-Erik Steen in Richtung Hildesheim. Dort, im Nordosten der 100 000-Einwohner-Stadt, bestreiten sie ihr Punktspiel gegen den SV Bavenstedt.

Eine Minute nach 10 setzt sich der Bus in Bewegung, beladen mit den Sporttaschen, dem Trikotkoffer, einem Ballsack und Verpflegung. Mit seinen 46 Sitzen wirkt er übergroß für die Stuhrer. „Zwei Bullis hätten es auch getan“, lacht Christian Meyer. Dass dem TVS an diesem Tag mehr als zehn Spieler fehlen würden, war freilich nicht abzusehen gewesen, als der TVS im Sommer seine erste Landesliga-Saison überhaupt plante. Bei 15 Auswärtstouren spulen die Stuhrer insgesamt mehr als 4000 Kilometer ab. Da sind Busreisen Pflichtprogramm. Die Fahrten führen meist in Richtung Hannover, dort ist das Ballungszentrum der Landesliga. Hildesheim liegt noch einmal ein kleines Stück weiter in Richtung Süden der Landeshauptstadt, insgesamt kommen hin und zurück rund 310 Kilometer zusammen – eine Strecke, die keine Mannschaft mehr mit dem Auto zurücklegt.

Die Spieler haben im hinteren Teil des Busses Platz genommen, Stindt, Meyer, Hellmers und Steen im vorderen. Während dieses Quartett Zeitung liest, auf dem Laptop noch Arbeit erledigt oder ein bisschen plauscht, sind die Spieler kaum zu hören. Zwischen den Sitzreihen mit rotem Stoffüberzug und den beigefarbenen Kopfschonern fallen vor allem Kopfhörer auf, mal die großen mit Bügeln, mal die kleinen In-Ear-Modelle, die sich direkt im Ohr platzieren lassen. Musik und Serien sind die Reisebegleiter der jungen Generation. „Heutzutage hat man ja alles dabei. In Zeiten von Netflix und Co. wird es bestimmt nicht langweilig“, sagt Jannis Böttcher. An die langen Auswärtsfahrten hat er sich mittlerweile gewöhnt. „Da geht natürlich immer ein ganzer Tag drauf“, weiß er um die Nachteile. Doch er sieht auch einen Pluspunkt: „Diese Erfahrung kann uns aber keiner mehr nehmen. Das schweißt zusammen.“ Die Atmosphäre ist so entspannt, dass Janis Öhlerking im Sitz zurückgesunken ist. Er macht ein Nickerchen.

Das könnte Jan-Hendrik Schwirz gut gebrauchen. Der Mittelfeldmotor hat noch bis 6 Uhr morgens in der Nachtschicht der Polizei gearbeitet. „Ein bisschen müde bin ich schon“, sagt er. Beim Spiel will er trotzdem dabei sein. Beim Treffpunkt in Seckenhausen ist Schwirz aus gutem Grund nicht erschienen: Er wohnt in Achim – und von daher in Fahrtrichtung. Für ihn verlässt der Bus kurz die A1, dann aber geht es zurück auf die Route, die die Stuhrer mittlerweile fast so gut kennen wie die Fahrt zum heimischen Sportplatz an der Pillauer Straße. A1, A27, A7 – Bremer Kreuz, Walsrode West, Kreuz Hannover-Ost – jeden Kilometer dieser Strecke haben sie in den vergangenen Monaten kennengelernt. „Und man weiß trotzdem nie genau, wann man ankommt“, weiß nicht nur Hellmers, einer der treuen Begleiter des TVS-Trosses, um die erhöhte Staugefahr auf dieser Route. Gegen Iraklis Hellas, daran können sich alle Stuhrer noch genau erinnern, blieb kaum noch Zeit, sich vernünftig aufzuwärmen, so lang standen sie im Stau.

Dieses Mal aber haben sie Glück. „Da sind wir schon“, sagt Hellmers und deutet aus dem Fenster. Dort ist schon die kleine Tribüne der Holldorb-Arena zu sehen. Es ist gerade einmal 12.03 Uhr. Die Anlage mit Siebziger-Jahre-Charme, mit dem kleinen Kabinentrakt, ein paar Bänken und dem Imbissstand mit der Aufschrift „Ich bin Bav“ ist noch fast menschenleer. Langsam trudeln die ersten Helfer ein, auch Trainer Björn Zimmermann ist schon da. Von der Mannschaft ist noch nichts zu sehen. Fast zwei Stunden sind es noch bis zum Anstoß. Fürs Warmmachen ist es noch deutlich zu früh. Die Stuhrer machen sich erst einmal ein Bild von den Platzverhältnissen: sehr ordentlich, gut gepflegt. Die Ausmaße sind auch nicht bis auf den letzten Zentimeter ausgereizt. Für die Rumpfelf ist das ganz gut. Immerhin werden die elf Stuhrer noch Unterstützung erhalten: Fynn Rusche, Andre Kück und Fabian Bischoff kommen direkt zum Platz. Kück hat nach dem Spiel noch weitere Verpflichtungen und ist deshalb selbst gefahren. Am Hildesheimer Bahnhof hat er Bischoff, der seinen Vater besucht hat, und Rusche, der in Salzgitter studiert, abgeholt. Pünktlich zum Aufwärmen ist das Trio vor Ort. Jetzt, kurz nach 13 Uhr, ist die Anspannung spürbar: Bald geht es los.

Vier Stunden nach Beginn der Fahrt tun die Stuhrer das, wofür sie aufgebrochen sind: Sie spielen Fußball – und das allen Ausfällen zum Trotz sehr erfolgreich: 3:1 gewinnen sie beim Tabellenzweiten, eine faustdicke Überraschung. Doch um seinen Bus muss Danisch keine Angst haben. „Wir nehmen schon nichts auseinander“, lacht Christian Meyer, während die Spieler nach und nach beim Fahrzeug eintrudeln. Die Stimmung ist bestens. „Du musst uns jetzt immer fahren“, sagt Jan-Erik Steen grinsend zu Busfahrer Michael Danisch. Torben Drawert hat derweil eine kleine Musikbox ausgepackt. Ein bisschen feiern muss nach dem zweiten Saisonsieg erlaubt sein. Die kleine Party spielt sich hinten ab, vorn im Bus hat Steen dafür gesorgt, dass die Fußballfans auf ihre Kosten kommen: Auf seinem Tablet läuft das Werder-Spiel gegen Gladbach. Nicht einmal das 1:3 der Bremer gegen die Borussen kann die Stimmung trüben. Überhaupt ist die Rückfahrt wesentlich lebhafter als die Hinfahrt. Das Essen, es gibt Frikadellen mit Spaghettisalat und zum Nachtisch Donuts, und das eine oder Kaltgetränk schmecken jetzt besonders gut. „Wir haben uns vorher nie hängen lassen, wenn wir verloren haben, aber mit drei Punkten macht die Rückfahrt wesentlich mehr Spaß“, weiß Fabian Bischoff. Kurz darauf kommt Drawert, der Torschütze zum 3:1, auf den Kapitän zu: „Guck mal“, sagt er und deutet auf sein Smartphone. Auf dem Display die Rückrunden-Tabelle: „Wir sind Erster.“ Am ersten Rückrundenspieltag und nur vier von acht Partien des Wochenendes ist das nur eine Momentaufnahme – aber eine sehr schöne. „Jetzt kann sich die Konkurrenz warm anziehen. Einstellig ist jetzt das Ziel“, sagt Drawert lachend. Die Stuhrer kosten den zweiten Saisonsieg aus. „Das haben sich die Jungs auch verdient“, findet Hellmers.

Die Rückfahrt, die nur kurz vor der Heimat durch einen kleinen Stau ausgebremst wird, ist in dieser lockeren, fröhlichen Atmosphäre schnell vorbei. Als der Bus um 18.07 Uhr in Seckenhausen hält, ist noch nicht Schluss: Nun wird aufgeärumt. Ruckzuck geht das. Ein, zwei Minuten nach der Ankunft deutet im Bus nichts mehr darauf hin, dass hier gerade eine Fußballmannschaft unterwegs war. Pappteller und Getränkedeckel sind entsorgt, Sporttaschen, Trikotkoffer und Ballsack verstaut. Die Stuhrer zieht es nun nach Hause. Dieses Mal nicht mit dem Bus, sondern in den eigenen Autos. Schnell leert sich der Parkplatz. Hinter dem TVS liegt ein Acht-Stunden-Fußball-Tag. Ein erfolgreicher, aber eben auch ein langer für einen Hobbykicker. „Aber“, sagt Stephan Stindt, bevor er anfährt, „es hat Spaß gemacht.“ Und das ist im Amateurbereich mindestens genauso wichtig wie Erfolg.

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