Brinkumer Ortskern Drei Varianten, viele Fragen

In der Diskussion über den Brinkumer Ortskern wurden am Dienstag drei angepasste Varianten der Öffentlichkeit vorgestellt. Zahlreiche Bürger stellten durchaus kritische Fragen.
05.09.2018, 18:39
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Drei Varianten, viele Fragen
Von Eike Wienbarg

Stuhr-Brinkum. Fast voll besetzt war der Ratssaal der Gemeinde Stuhr am Dienstagabend. Grund war die erneute Öffentlichkeitsbeteiligung zur Entwicklung des Brinkumer Ortskerns (wir berichteten mehrfach). Diese war nötig geworden, da nach Abschluss der ersten Planungen kein Investor für das Gebiet rund um den heutigen ZOB und ein Grundstück westlich der Bremer Straße gefunden wurde. Auf der Veranstaltung wurden nun zum ersten Mal drei veränderte Varianten der Öffentlichkeit vorgestellt.

"Das Investorenauswahlverfahren war leider sehr ernüchternd", sagte Dominik Geyer von Planungsbüro Dr. Jansen aus Köln, das den Prozess der Ortskernentwicklung seit Beginn mitbegleitet. So habe sich kein Investor gemeldet. Geyer nannte es "einen kleinen Tiefschlag im Prozess". Nach dem Scheitern der ersten Phase des Investorenwettbewerbs machten sich Planer und Verwaltung Gedanken über die Anpassung der Varianten, um attraktiver für potenzielle Investoren zu werden. Aus Rückmeldungen von Unternehmen wurden die Schwachstellen der bisherigen Planung herausgearbeitet. "Der Platz ist es wert", sagte Geyer auch mit Blick auf den langwierigen Prozess.

Die Kritik der Investoren

Investoren bemängelten, dass der Einzelhandel in dem Konzept zu kleinteilig vorgesehen sei, berichtete Geyer. Wirtschaftlich gesehen müsse der Ortskern einen Supermarkt mit mindestens 1200 Quadratmeter Fläche vorsehen. Der Gedanke an eine Markthalle wurde verworfen. Ein dritter Kritikpunkt: die Parkplätze. Für Handel, Gastronomie und Dienstleistungen sollte der Plan ausreichend und mehr als geplant sowie ebenerdige Stellflächen vorsehen, so Geyer weiter.

Außerdem erachten die befragten Investoren die begrenzte Geschosszahl mit zwei Vollgeschossen als zu gering. Laut dem Planer sehen die Investoren mindestens vier Geschosse als erforderlich. So habe das Gebäude der Sparkasse im Norden ebenfalls vier Geschosse. Eine weitere Schwäche der bisherigen Planung war laut Geyer der als zu gering angesehen Wohnraum. Mögliche Investoren würden eher einen hohen Wohnanteil bevorzugen. Immer unter der Prämisse der Barrierefreiheit. "Wer nachhaltig investieren will, der baut barrierefrei", sagte Geyer. Aber ein Aufzug zum Beispiel sei nur wirtschaftlich ab drei Geschossen zu bewerkstelligen.

Aufgrund der Anregungen der Investoren erstellten die Planer in Abstimmung mit der Stuhrer Verwaltung und der Politik – innerhalb des Verwaltungsausschusses – drei neue Varianten für den Ortskern. Dieses nicht-öffentliche Verfahren hatte im Vorfeld vor allem die FDP-Fraktion kritisiert, die eine öffentliche Vorab-Beratung im Ausschuss gefordert hatte.

Die drei Varianten

Variante 1: Die erste Variante für den neuen Brinkumer Ortskern sieht jeweils ein mehrstöckiges Gebäude im Osten (drei plus Staffelgeschoss) und Süden (drei) des neuen Marktplatzes vor. Der Marktplatz ist rund ein Drittel kleiner als in den ursprünglichen Planungen, jedoch noch ausreichend groß, erläuterte Geyer. Im östlichen Gebäude ist ein Supermarkt mit einer minimalen Verkaufsfläche von 1200 Quadratmetern vorgesehen. Dahinter soll es einen großen Parkplatz inklusive Tiefgarage geben. In den oberen Geschossen sind Wohneinheiten geplant. Das Gebäude im Süden des Marktplatzes ist ebenfalls dem Wohnen und zusätzlichen Geschäften vorbehalten. Auch dort soll eine Tiefgarage entstehen. Westlich der Bremer Straße sind ein mehrstöckiges Wohn- und Geschäftshaus (drei plus Staffelgeschoss), Stellflächen und drei Einfamilienhäuser angedacht. Insgesamt könnten so rund 87 Wohnungen, zwölf Geschäftsflächen und 205 Parkplätze entstehen, rechnete Geyer den interessierten Bürgern vor.

Vorteile dieser Variante wären der ausreichend große Marktplatz, die kleinteilige, sich einpassende Bebauung in Richtung Gartenstraße sowie eine große Anzahl von Wohnungen und ebenerdigen Parkplätzen. Nachteilig wäre, dass der Supermarkt von beiden Seiten her erschlossen werden müsste. Der große Parkplatz im Osten sei auch wenig repräsentativ für einen Ortskern, so Geyer.

Variante 2: In Variante 2 wandert der Supermarkt in das Gebäude westlich der Bremer Straße und könnte dort auf rund 1440 Quadratmetern entstehen. Der Marktplatz bekäme in diesen Planungen seine alte Größe zurück. Die Gebäude östlich und südlich davon würden mehrstöckige Wohn- und Geschäftshäuser mit jeweils drei Vollgeschossen (im Osten mit Staffelgeschoss) und einer Tiefgarage sein. Weitere Stellflächen könnten im Osten und um den Supermarkt im Westen entstehen. Einfamilienhäuser sind in dieser Version nicht vorgesehen, so Geyer. In dieser Variante könnten rund 74 Wohnungen, zehn Geschäftsflächen und 175 Parkplätze entstehen.

Als Vorteile der Variante sehen die Planer den großen Marktplatz, die Schließung der Straßenflucht der Bremer Straße durch den Supermarkt mit Wohngebäuden im Obergeschoss sowie die verdeckten Stellplätze an dieser Stelle. Rund um den Marktplatz könnten die Geschäftsflächen zum Platz ausgerichtet werden und der Supermarkt hätte eine größere Fläche. Als Nachteil beschreibt Geyer die "wenig attraktive" Fassade an der Bremer Straße, den großen Parkplatz an der Gartenstraße und die relativ geringe Anzahl an Wohnungen.

Variante 3: Die dritte am Donnerstag vorgestellte Variante kommt ganz ohne Supermarkt aus. Östlich und südlich des neuen Marktplatzes sowie westlich der Bremer Straße sollen Häuser mit drei Vollgeschossen entstehen – östlich und westlich jeweils mit einem weiteren Staffelgeschoss. Die Gebäude im Süden und im Osten erhalten eine Tiefgarage. Außerdem gibt es im Westen einen großen Parkplatz und drei Einfamilienhäuser, im Osten könnte ebenfalls ein Parkplatz entstehen.

Größtes Manko der Variante wäre der fehlende Nahversorger im Ortskern und der damit fehlende Publikumsverkehr, so Geyer. Auch die Anzahl der ebenerdigen Stellflächen (123) wäre gering. Positiv wären die große Anzahl von Geschäftsflächen (16). Hinzu kommen rund 83 Wohnungen.

Mit diesen drei Varianten ging es in die Diskussion.

Die Diskussionspunkte

Plangebiet: Grundlegende Kritik kam von einigen Bürgern in Bezug auf das Plangebiet. So forderten einige, neben den jetzigen Flächen auch das Gebäude, in dem sich zurzeit ein mexikanisches Restaurant befindet, und das Gelände des Hotels Bremer Tor in die Planungen miteinzubeziehen. So sei das Restaurant "optisch nicht schön" und das Hotel "nicht mehr in einem guten baulichen Zustand", waren Eingaben von Bürgern. "Das hätte man vorher miteinbeziehen müssen. Da ist der Bürgermeister gefragt", sagte ein Zuhörer. Bürgermeister Niels Thomsen ergriff dann auch das Wort. "Ich lasse zwei erfolgreich wirtschaftende Unternehmen nicht schlecht reden", entgegnete er. Als Eigentümer der beiden Flächen stehe die Gemeinde in engem Kontakt mit den Pächtern und sei damit zufrieden. Ein Areal inklusive dieser Flächen sei für Investoren zu groß. Außerdem werde der ZOB auf den Parkplatz des Bremer Tors versetzt. "Das gefällt nicht jedem, aber das hat der Rat mit großer Mehrheit beschlossen", sagte Thomsen. "Brinkum ist so stark, dass wir den Mut haben können, das Paket so an den Markt zu bringen", betonte er.

Nahversorger: Ein Zuhörer stellte die Frage, ob überhaupt ein Nahversorger im Ortskern nötig ist. "Ziel ist es, dass wir einen Magneten haben", antwortete Dominik Geyer. Andere Zuhörer stimmten ihm zu. Immerhin sei der mögliche Supermarkt fußläufig von vielen erreichbar. Andere wiederum sahen schon genug Lebensmittelgeschäfte in Brinkum. Außerdem verlagere sich der Einkauf immer weiter ins Internet, merkte ein Bürger an. "Auch das wird den Bummeleinkauf nicht ersetzen", entgegnete Geyer. Auch die Leiterin des Brinkumer Rewe-Marktes bestätigte, dass die Nachfrage nach Lebensmittellieferungen nach Hause nicht groß sei.

Parkplätze: Mehrere Bürger sprachen sich für größere Parkplätze im Ortskern aus. Gerade bei der Großzahl der neuen Wohnungen würden zwei Stellplätze pro Wohneinheit nicht ausreichen, sagte ein Zuhörer. Auch würden die derzeitigen Plätze schon jetzt nicht ausreichen. Zu viele Parkplätze würden dem Ortskern nicht gut tun, erklärte Dominik Geyer. "Dann sieht's da aus wie Hulle", so der Planer. Ein anderer Zuhörer schlug eine Parkgarage unter dem kompletten Marktplatz vor.

Nutzung der Flächen: Auch über die Nutzung der neuen Flächen diskutierten die Zuhörer. So kamen Vorschläge nach einem Raum für Kultur- und Theaterinitiativen. Viele Zuhörer wünschten sich Gastronomie und Plätze mit Aufenthaltsqualität. Ebenfalls wurde sozialer Wohnungsbau gefordert. All diese Punkte würden aufgenommen, aber in diesem Schritt des Verfahrens sei es zu früh, darüber zu beschließen, bremste Dominik Geyer ein wenig die Erwartungen. Befürchtungen, dass das Wohnen im Ortskern durch Veranstaltungen beeinträchtigt werde, wies er zurück: "Wer sich entscheidet in Brinkum zu wohnen, muss damit leben."

Die Zukunft

Die Vorschläge der Öffentlichkeitsbeteiligung sollen in den kommenden Wochen in die Planungen eingearbeitet werden, erklärte Geyer das weitere Verfahren. Vorschläge von Bürgern seien auch weiterhin möglich. So sollen die Varianten auf der Internetseite der Gemeinde unter www.stuhr.de publiziert werden. Danach wähle der Verwaltungsausschuss der Gemeinde eine Variante aus und das Entwicklungskonzept werde angepasst. Ebenfalls erneuert werden soll das Arbeitspapier für die Investoren. Nachdem der Gemeinderat darüber beschlossen hat, könne der erneute Investorenwettbewerb beginnen, skizzierte der Planer. Für den Ratsbeschluss sei die letzte Sitzung des Rates in diesem Jahr – also im Dezember – angedacht, berichtete Christian Strauß, Fachdienstleiter Stadtplanung bei der Gemeinde Stuhr, aus dem Zeitplan.

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