Chaos und Commerz in der Gutsscheune

Ein herrliches Durcheinander

Groteske Musik aus Berlin und Leningrad der 1920er- und -30er-Jahre versprachen Orchester und der Chor der Universität Bremen in der Gutsscheune Varrel – und transportierten auch kritische Untertöne.
04.07.2019, 17:44
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Von Niklas Golitschek
Ein herrliches Durcheinander

Orchester und Chor der Universität Bremen begeisterten mit ihrem Semesterabschlusskonzert auf dem Gut Varrel.

Michael Braunschädel

Stuhr-Varrel. „Zwischen Chaos und Commerz“: Der Chor und das Orchester der Universität Bremen sowie das Ensemble Blech Lights machten ihrem Motto beim Semesterabschlusskonzert in der Varreler Gutsscheune alle Ehre. Mit Mischa Spolianskys Kabarettoper „Rufen Sie Herrn Plim“ sowie drei Stücken des Leningrader Komponisten Dmitri Schostakowitsch brachten sie am Mittwochabend für fast drei Stunden das Flair der 1920er- und -30er-Jahre auf die Bühne.

Um heitere und witzige Stücke zu präsentieren, sei das eine „dankbare Epoche“, sagte Susanne Gläß, Dirigentin und Universitätsmusikdirektorin, zur Einleitung des anstehenden Programms. „Plötzlich gab es ganz viel künstlerische Freiheit nach dem Kaiserreich in Deutschland und dem Zarenreich in Russland“, ordnete sie ein. Während die Völker mit neuen politischen Formen experimentierten, stießen auch die Künstler in neue Genres vor. Es war auch diese Aufbruchstimmung, die mitunter ein herrliches Durcheinander hervorbrachte.

Das verbildlichte auch der Chor gleich zu Beginn, als die Mitglieder hastig auf die Bühne rannten und wilde Dialoge führten. Erst als Stefanie Adler am Klavier ansetzte, beruhigte sich die von Vendula Nováková inszenierte Szene und die eigentliche Kabarettoper begann. „Rufen Sie Herrn Plim“ erzählt humorvoll vom Trubel eines Warenhauses, der sich auch in der gewollt chaotischen, vierstimmigen Umsetzung bemerkbar machte. Gleichzeitig erzählt das Stück von Herrn Plim, der nur eingestellt wird, um als Sündenbock bei Kundenbeschwerden gefeuert werden zu können. Abgerundet wurde das durch die Kritik an der zunehmenden Anonymität in der Großstadt. „Ich kenne dich nicht und du kennst mich nicht“, sang der Chor, als er zum Abschluss von der Bühne ging und löste damit nach einer durchaus humorvollen Darbietung ein spürbares Unbehagen im Publikum aus.

„Ich fand es so schön, dass das Publikum wirklich an der ersten möglichen Stelle gelacht hat“, freute sich Gläß über die Resonanz. Eben dieses Wechselspiel zwischen Zuhörern und Chor sei der große Vorteil des Live-Spielens.

Gute Stimmung verbreitete auch das Ensemble Blech Lights, das Schostakowitschs Komposition zu Alexander Puschkins Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda spielte. Zwischen den Akten las Martin Pape, der auch die Tuba spielte, die Geschichte, wie Balda den Teufel überlistet, um dem Popen den fälligen Tribut zu bringen.

Nach der Pause war dann das Orchester an der Reihe, das Schostakowitschs Suite „Der Bolzen“ spielte. „Er konnte auch für das große Ballett komponieren“, erklärte Dirigentin Gläß dazu. Dabei habe sich der Komponist nicht mehr an den Traditionen des 19. Jahrhunderts orientiert, sondern durchaus die Zeichen der Zeit erkannt. Auch ohne tänzerische Einlagen wirkte die akustische Erzählung vom Bösewicht, der eine Fabrikmaschine mit einem Bolzen blockiert – und damit den gesamten Betrieb. Besonderer Kniff, um dem Ganzen noch mehr Dynamik zu verleihen: Während das Orchester saß, standen die Bläser, die gerade an der Reihe waren, auf. Gleichzeitig bewies Schostakowitsch ein feines Gespür für die besorgniserregenden politischen Entwicklungen und wusste sie zu parodieren, ohne sich selbst damit zu angreifbar zu machen. „In der Apotheose macht er sich über die Paraden der stalinistischen Zeit lustig. So viele Paraden, wie er macht, gehen eigentlich gar nicht“, erläuterte Gläß. Die setzte das Orchester so wuchtig um, dass es schon da Jubelrufe gemischt mit Zugabe-Forderungen gab, obwohl noch ein Stück im Programm stand.

Zum Abschluss gab es mit Schostakowitschs Walzer Nummer zwei aus der Jazzsuite Nummer zwei einen Klassiker, der auch über die Orchester-Musik hinaus zu großer Bekanntheit gekommen ist. So sei diese Komposition auch schon beim Eiskunstlauf verwendet worden, erzählte die Dirigentin. Die brachte mit ihrem Taktstock stets Ordnung in das gewollte Chaos und führte gekonnt durch den Abend.

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