Interview: Rollenbilder in der Arbeitswelt

„Frauen haben höheren Eigenanspruch“

Janina Tiedemann kommt ursprünglich vom Dorf und ist heute für einen großen Konzern tätig. Nebenbei coacht sie Frauen. Im Interview spricht sie über Rollenbilder im Job, Mut und das Dorfleben.
04.03.2020, 17:50
Lesedauer: 4 Min
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„Frauen haben höheren Eigenanspruch“
Von Alexandra Penth
„Frauen haben höheren Eigenanspruch“

Strategieberaterin Janina Tiedemann ist in Stuhr mit ihrem Vortrag „Warum nicht Nora, sondern Noah die Arche baute“ zu Gast.

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Frau Tiedemann, um den Titel Ihres Vortrags „Warum nicht Nora, sondern Noah die Arche baute“ weiterzuspinnen: Was wäre, wenn eine Frau in der Bibel die Arche gebaut hätte?

Janina Tiedemann: Eine Frau hätte vermutlich erstmal alles viel stärker hinterfragt: Zum einen den dahinterliegenden Sinn: Warum soll es eigentlich eine Sintflut geben? Ist es wirklich eine gute Idee, nur zwei Tiere pro Art mitzunehmen? Zum anderen hätte sie sich, bevor sie den Job annimmt, auch mit Fragen beschäftigt wie zum Beispiel: Wie stelle ich sicher, dass alle Tiere an Bord sind? Wie platziere ich die Tiere auf der Arche? Löwe neben Antilope, und – schwups – gibt es eine Tierart weniger. Ich denke, wenn eine Frau die Arche gebaut hätte, wäre alles wunderbar durchgeplant gewesen, doch die Frage ist, ob sie die Aufgabe angenommen hätte. Wer alle Details im Blick hat, für den können Aufgaben überwältigend wirken. Kommt dann noch ein hoher Eigenanspruch dazu, dass ich alles können muss, bevor ich eine Aufgabe annehme, hält mich dies eher zurück, es überhaupt zu versuchen.

Frauen sind in Führungspositionen stark unterrepräsentiert. Woran liegt das? Wie ließe sich das ändern?


Das ist ein mehr als abendfüllendes Thema. Frauen haben oftmals einen höheren Eigenanspruch als Männer. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen sich erst auf eine Position bewerben, wenn sie neun von zehn Punkte erfüllen. Männer bewerben sich schon, wenn nur die Hälfte passt. Zudem können wir Frauen daran arbeiten, unsere Arbeit nach außen hin sichtbarer zu machen. Viel zu oft denken wir: Die anderen werden doch irgendwann sehen, was für großartige Arbeit ich leiste. Statt entdeckt werden zu wollen, sollten wir unsere Leistung selbstbewusst darstellen. Da Führungspositionen in den meisten Bereichen männerdominiert sind, herrscht historienbedingt auch eine männliche Kultur. Die Kultur zu verstehen ist für Frauen wichtig. Wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen haben wollen, sollten sich jedoch auch die Männer bewegen. Eine Kultur, in der wichtige Entscheidungen nicht innerhalb der Tagesordnung, sondern nachts um halb drei am Tresen getroffen werden, ist für Frauen oft nicht sonderlich attraktiv. Wer jetzt sagt: Aber lange Arbeitstage gehören dazu, dem sag ich jein. Natürlich wird von einer Führungskraft hoher Einsatz erwartet, doch bemisst sich dieser wirklich in Präsenzzeit? Als ich früher in einer sehr männlichen Unternehmensberatung gearbeitet habe, betrug meine Wochenarbeitszeit meist 60 Stunden oder mehr. Heute arbeite ich, neben meiner Tätigkeit als Trainerin und Vortragsrednerin, knapp 40 Stunden die Woche in einem DAX30-Konzern und bin der festen Überzeugung, dass ich inhaltlich mindestens das Gleiche schaffe, wie damals in der Beratung. Durch Homeoffice und flexible Arbeitszeiten nimmt die Präsenzkultur ab und ermöglicht Frauen als auch Männern eine bessere Vereinbarkeit mit ihrem Privatleben. Dies ist ein wichtiger Weg. Das Bild einer Führungskraft war früher, und ist zum Teil heute noch, eng mit typisch männlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen verknüpft. Schauen wir uns Trends an, werden Eigenschaften wie Empathie und Kommunikationsfähigkeit, die typischerweise Frauen zugeschrieben werden, immer wichtiger. Studien belegen, dass Teams mit Männern und Frauen an der Spitze bessere Ergebnisse liefern. Als jemand, der Wirtschaftswissenschaften und internationales Management studiert hat, macht es für mich wirtschaftlich einfach Sinn, mehr Frauen in Führung zu haben.

Sie coachen seit Jahren insbesondere Landfrauen in Leitungsfunktionen, waren selbst Landesvorsitzende der Niedersächsischen Landjugend. Warum ist Ihnen diese Zielgruppe so wichtig?


Im Herzen werde ich immer Dorfkind sein. In meinem Heimatdorf habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Dinge selbst zu gestalten. Als ich zum Studium damals nach Hannover gegangen bin, war ich schwer beeindruckt von den scheinbar hochintelligenten Studienkollegen, die zum Teil Klassen übersprungen hatten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass vielen eines fehlte: Praxis. Im Fach Mikroökonomik fragte unsere Professorin, warum der Faktor Arbeit abnehmende Grenzerträge hat. Kommilitonen warfen mit allerhand Fachworten um sich, doch die richtige Antwort war nicht dabei. Ich erklärte das Ganze anhand von Menschen, die man sinnvollerweise hinterm Tresen gebrauchen kann. Hörte sich platt an, war allerdings richtig. Landfrauen und Landjugend leisten eine ganze Menge, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein. Solche Leute brauchen wir für Führungspositionen und ich freue mich, sie dafür zu stärken.

Sie zeigen anderen, wie sie souverän überzeugen können. Hatten Sie schon immer dieses Selbstbewusstsein oder mussten Sie es sich erkämpfen?


Mein Selbstbewusstsein unterliegt, wie bei nahezu allen Menschen, Schwankungen. Hilfreich war auf alle Fälle, dass meine Eltern mich schon immer bestärkt haben. Die Erziehung hat hier eine unglaubliche Macht.
Wenn ich mich aus meiner Komfortzone herausbewege, sinkt mein Selbstvertrauen meist, doch wenn ich die Herausforderungen überwunden habe, macht es einen Sprung nach oben. Dies sehe ich bei fast jedem neuen Job und jedem Auslandsaufenthalt.

Was braucht man, um souverän zu wirken und letztlich auch zu sein?


Selbstvertrauen, eine positive Grundeinstellung – insbesondere gegenüber sich selbst –, ein nicht zu hohes Maß an Perfektionismus, ein Verständnis über gewisse Spielregeln und eine gute Außenwirkung. Bei letzterem bin ich immer wieder begeistert, wenn ich sehe, wie Teilnehmerinnen auf meinen Seminaren zu Stimme und Körpersprache wachsen. Innere Einstellung, Stimme, Körpersprache: all das hängt zusammen.

Würde nun Nora die nächste Arche bauen?


Wenn Nora es schafft, ihren Eigenanspruch herunter zu schrauben, ihre eigene Leistung anzuerkennen und diese nach außen hin darstellt, dann auf alle Fälle. Können tut sie es.

Das Interview führte Alexandra Penth.

Info

Zur Person

Janina Tiedemann (32)

hat Wirtschaftswissenschaften und International Management in Hannover, Leipzig, China und Südkorea studiert und ist als Strategieberaterin tätig. Zudem stärkt sie Frauen in Führungspositionen mit verschiedenen Workshops. Gebürtig kommt die heutige Hannoveranerin aus Armstorf im Landkreis Cuxhaven. Sie war Landesvorsitzende der Niedersächsischen Landjugend, was sie nach eigenen Angaben sehr geprägt hat.

Info

Zur Sache

Vortrag in Heiligenrode

Strategien zu mehr Selbstbewusstsein möchte die Strategieberaterin Janina Tiedemann anderen Frauen am kommenden Sonnabend, 7. März, beim Frauenfrühstück der Landfrauen Harpstedt-Heiligenrode mit auf den Weg geben. Die Teilnehmer hören in der Gaststätte Meyerhof in Heiligenrode, Heiligenroder Straße 72, den Vortrag „Warum nicht Nora, sondern Noah die Arche baute“. Im Vorfeld wartet auf die Besucherinnen, auch Nichtmitglieder, ein Frühstücksbüfett. Beginn der Veranstaltung der Landfrauen ist um 9 Uhr, Einlass ist bereits ab 8.30 Uhr.

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