Kurs für Frauen mit Fluchtgeschichte in Stuhr Ein Stück Freiheit auf zwei Rädern

Viele stolze Gesichter waren in den vergangenen Tagen auf dem Schulhof der Grundschule Brinkum zu sehen. Zehn Frauen mit Fluchtgeschichte lernten dort das Radfahren und gewannen ein ganzes Stück Freiheit.
06.08.2021, 16:10
Lesedauer: 2 Min
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Ein Stück Freiheit auf zwei Rädern
Von Eike Wienbarg

Stuhr-Brinkum. Trotz der Ferien ist viel los auf dem Pausenhof der Grundschule Brinkum. Unter dem wachen Blick von Gertrud Schumpp vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Bremen drehen dort Frauen ihre Runden auf dem Rad. Sie sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen und machen sich jetzt an eine große Aufgabe: Radfahren lernen. "Meine Angst ist schon weg", sagt Teilnehmerin Mhiret und blickt positiv auf die vergangenen zehn Tage zurück. Wie ihre Mitstreiterinnen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren hat sie es geschafft, binnen weniger Tage das Rad zu beherrschen.

Der Kurs in Brinkum für Frauen mit Fluchtgeschichte ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde Stuhr, des TuS Varrel, des Stuhrer Flüchtlingsnetzes und des Landessportbundes Niedersachsen, erklärt Fathma Atenhahn, Interkulturelle Koordinatorin der Gemeinde. Der Kurs für zehn Frauen aus Stuhr und Weyhe ist dabei in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Zum einen geht es um mehr als nur Radfahren, weiß Trainerin Schumpp. Es gehe auch um Integration und Teilhabe. "Hier fährt die ganze Gesellschaft Rad", sagt sie über das Selbstverständnis in Deutschland. Daher bedeute es für die Frauen viel, einen Teil davon zu erlernen. "Es stärkt das Selbstbewusstsein enorm", sagt Schumpp. Viele Frauen hätten großen Respekt vor dem Fahrrad. "Die Angst ist das größte Hindernis", sagt die ADFC-Trainerin. Aber: Jeder, der körperlich fit ist und es möchte, könne auch Radfahren lernen – egal in welchem Alter, so Schumpp.

Um die Angst zu mindern, geht sie im jeweils zweistündigen Training besonders behutsam los. Die ersten vier Tage üben die Frauen auf Tretrollern. Dabei geht es um das Gleichgewicht. Danach geht es auf spezielle Räder, bei denen die Pedale eingeklappt werden können. So ist das normale Rad als eine Art Laufrad umfunktioniert. Funktioniert dann alles mit dem Lenken und Bremsen, kommt die Pedale zum Einsatz und die Frauen haben in "vielen kleinen Schritten" ein ganz großes Stück Freiheit dazugewonnen, finden Atenhahn und Schumpp. "Es ist auch ein ganz großes Stück Selbstwertgefühl", sagt Atenhahn über das Erfolgserlebnis der Frauen nach dem Kurs.

Viele von ihnen könnten das Radfahren gut gebrauchen, sei es zum Einkaufen, auf dem Weg zum Sprachkurs oder zum Abholen der Kinder. Daher hat die Gemeinde Stuhr für den Kurs extra auch Fahrradanhänger angeschafft, mit denen die Frauen üben können, berichtet Torsten Ehlers, beim Flüchtlingsnetz für die Räder zuständig. Im Anschluss an den Kurs möchte die Gemeinde auch vergünstigte Anhänger für die Teilnehmerinnen bereitstellen, die diese dann über ein Darlehen mit kleinen Raten finanziert bekommen, so Atenhahn. Einige Frauen hätten bereits Interesse bekundet.

Aber auch für die Freizeitgestaltung sei das Radfahren von Vorteil, sagt Schumpp. Denn in anderen Kulturen könnten oftmals nur die Männer oder die Kinder radeln. Jetzt könnten die Frauen auch mehr am Familienleben teilhaben, findet die Trainerin.

Zum anderen ist der Kurs besonders, da er der erste seiner Art mit dem Rundum-Service ist. So sind die Teilnehmerinnen ausschließlich Mütter. Weil sie sonst wenig Zeit für den Kurs hätten, wird parallel dazu im Brinkumer Flüchtlingstreff B5 eine Betreuung für insgesamt 14 Kinder angeboten. So können sich die Frauen voll auf das Radfahren konzentrieren, sagt Atenhahn. Wichtig sei aber, dass die Frauen jetzt auch auf dem Rad bleiben, ergänzt Schumpp. Sonst gehe das Wissen schnell verloren. Neben dem Fahrtraining ist für die Kursteilnehmerinnen noch ein Tag mit Verkehrserziehung geplant. Weitere Kurse sind in Vorbereitung, so Atenhahn.

Nicht zuletzt stand beim Training aber auch die Freude im Mittelpunkt. "Es hat uns allen viel Spaß gemacht", sagt Miter und erntet Zustimmung von ihren Mit-Teilnehmerinnen. "Es war schön und wir haben viel Neues gelernt", freut sich auch Mhiret.

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