Fußball

Ein Schritt nach vorn, aber noch nicht am Ende

Brinkums Nicolai Gräpler spricht im Interview über die Entwicklung zum Führungsspieler, Titelträume und seinen 26. Geburtstag
13.11.2020, 14:46
Lesedauer: 8 Min
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Von Thorin Mentrup
Ein Schritt nach vorn, aber noch nicht am Ende

Nicolai Gräpler ist beim Brinkumer SV von der linken Seite nicht mehr wegzudenken. Er übernimmt aber auch abseits des Platzes immer mehr Verantwortung.

Thorin Mentrup

Herr Gräpler, am Sonntag werden Sie 26 Jahre alt. Eigentlich hätten Sie mit Ihrem Brinkumer SV beim TuS Schwachhausen gespielt. Wie werden Sie stattdessen den Nachmittag verbringen?

Nicolai Gräpler: Ich werde mit meiner Familie im engeren Kreis, so wie es momentan möglich ist, beisammen sein. Wir werden ein schönes Stück Kuchen essen, viel miteinander reden, ein bisschen mehr Zeit verbringen. Das, was man unter der Woche sonst vielleicht nicht geschafft hätte. Auch wenn wir in Schwachhausen gespielt hätten, wäre es schwieriger geworden. So nutzen wir jetzt die gemeinsame Zeit.

Alles ein bisschen anders als sonst, aber durchaus verantwortungsvoll. Da sind wir beim Stichwort: mehr Verantwortung übernehmen, sich zum Führungsspieler entwickeln. Das war der Anspruch, den Sie vor der Saison an sich selbst formuliert haben. Sind Sie dem bislang gerecht geworden?

Ich denke schon. Ich habe versucht, mehr Verantwortung zu übernehmen und auch neben dem Platz für einige Spieler da zu sein. Ich habe häufiger mit Jost-Eike Behrens über die eine oder andere Situation gesprochen oder mit Jonas Knüppel, für den es momentan nicht so einfach ist. Meine Mitspieler sollen wissen, dass sie zu mir kommen können, wenn sie Sorgen oder Fragen haben. Es ist ja noch nicht ganz so lange her, dass ich so eine Zeit auch mal durchgemacht habe. Deshalb versuche ich, gerade die etwas jüngeren Spieler an die Hand zu nehmen.

Wo zeigt sich Ihre Verantwortung sonst noch?

Das eine oder andere Mal sollte ich beim Training das Aufwärmen übernehmen. Mike (Trainer Mike Gabel, Anm. d. Red.) gibt mir da zwei, drei Dinge, die mir helfen, dass ich mich in diese Richtung entwickeln kann.

Bescheinigt auch Ihr Trainer Ihnen einen Schritt nach vorn?

Mike sagt, das Spiel gegen Neustadt sei das Spiel gewesen, das zeigte, dass es in die richtige Richtung ging. Ich habe am Anfang den Elfmeter verschossen, aber trotzdem weiter meine Leistung gebracht und nicht den Kopf hängen lassen und so geholfen, dass wir das Spiel trotz eines 0:2-Rückstands noch gewonnen haben. Das hat ihm wohl ein bisschen imponiert. Aber wir haben das zusammen als Mannschaft geschafft.

Wie haben Sie das Spiel persönlich erlebt?

Nach der Situation mit dem Elfmeter hätte ich vor ein, zwei Jahren wahrscheinlich noch den Kopf hängen lassen und gedacht: Ich bin schuld daran, wenn wir das Spiel nicht gewinnen. Dieses Mal habe ich einfach weitergemacht. Ich denke schon, dass ich einen Schritt nach vorn gemacht habe. Ich bin aber auch noch nicht am Ende der Entwicklung. Ich hoffe, dass ich noch das eine oder andere mitnehmen kann. Ich werde versuchen, auf dem Platz noch ein bisschen lauter zu werden. Da fehlt mir schon noch etwas. Das will ich mir noch aneignen.

War es für Sie persönlich ein großer Schritt, einer Führungsrolle gerecht zu werden und voran zu gehen?

Ich bin eher ein zurückhaltenderer Mensch. Deswegen ist es nicht ganz so einfach für mich gewesen. Mein Problem war immer, dass ich sowohl im Spiel als auch im Training viel zu oft mit mir selbst beschäftigt war und so meinen Mitspielern nicht mehr helfen konnte. Das habe ich versucht zu verändern und auch eine Entwicklung gemacht. Jetzt kann ich sagen, dass das für mich dazugehört.

Sie sind also reifer als noch in Ihren ersten beiden Jahren in Brinkum?

Ich fühle mich insgesamt sicherer. Mike und Kevin (Co-Trainer Kevin Artmann) geben mir das Vertrauen, dass sie auf mich bauen und mir helfen wollen, ein Führungsspieler zu werden. Das ist ein gutes Gefühl. Ich glaube nicht, dass ich in jüngeren Jahren immer so viel Vertrauen gespürt habe. Aber ich war auch im Kopf noch nicht so weit wie heute.

Sie haben Neustadt-Spiel bereits angesprochen. Haben Sie noch andere Beispiele dafür, dass Sie auf dem Weg zum Führungsspieler sind?

Ich finde, das Spiel gegen Habenhausen (3:0) zählt auch dazu. Das war ein richtiges Geduldsspiel. Wir hatten gefühlt 90 Prozent Ballbesitz und es stand trotzdem zur Pause noch 0:0. Ich habe versucht, den jüngeren Spielern das Gefühl zu geben, dass wir noch Zeit genug haben, um das Spiel zu gewinnen, dass wir ruhig bleiben müssen. Wir haben es in der zweiten Halbzeit dann gut gemacht, auf die Lücke gewartet und uns am Ende belohnt. Es freute mich, dass ich mit meinem Treffer zu dem Erfolg beigetragen konnte. Fußballerisch war das für mich mein stärkstes Spiel, sowohl offensiv als auch defensiv.

Hat sich Ihr Standing innerhalb der Mannschaft verändert?

Darüber habe ich mir eigentlich nie große Gedanken gemacht, weil es bei uns in der Mannschaft sehr einfach ist. Wir sind überragend zusammengewachsen. Es läuft intern sehr gut. Es passt einfach. Ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt und nie das Gefühl gehabt, ein schlechteres Standing als andere Spieler zu haben. Bei uns hebt sich keiner raus. Das ist vielleicht anders als bei anderen Mannschaften, in denen es verschiedene Grüppchen gibt.

Eine Leitwolf-Diskussion gibt es also nicht?

Wenn Kevin spielt, ist er mit Jannik (Kapitän Jannik Bender) zusammen der Chef auf dem Platz. Aber das heißt nicht, dass kein anderer Spieler Kommandos geben darf auf dem Platz. Julius Rahmig macht das zum Beispiel sehr gut. Er ist 99er-Jahrgang, auch noch ein junger Spieler, aber er macht den Mund auf. Vielleicht hat das Wort von Jannik oder Esin Demirkapi mehr Gewicht, weil sie mehr Erfahrung haben. Im Endeffekt kann aber ein 18-Jähriger genauso viel sagen wie ein älterer Spieler. Das wollen wir sogar. Wir wollen uns als Mannschaft gegenseitig helfen.

Mike Gabel sagt, Sie hätten den Sprung zum Führungsspieler zu 90 Prozent vollzogen…

Dann fehlen noch zehn (lacht). Da muss ich Mike mal fragen. Es wäre schön zu wissen, was mir da noch fehlt, wobei ich es mir denken kann.

Überrascht Sie diese Aussage?

Schon, denn in Zahlen hätte ich es vielleicht nicht so klar ausgedrückt. Es freut mich aber auf jeden Fall, das zu hören. Und an den zehn Prozent werde ich gezielt arbeiten.

Ihr Trainer schätzt Sie auch sportlich. Er zählt Sie zu den besten Linksverteidigern der Liga. Hat er Recht?

Puh, andere Vereine in der Liga haben auch starke Linksverteidiger, umso mehr freut es mich, wenn Mike das so sieht und ich ihm das Vertrauen zurückzahlen kann, das er mir schenkt. Ich versuche einfach, in jedem Spiel meine Leistung zu bringen und uns für die Arbeit, die wir unter der Woche leisten, zu belohnen. Ich finde, wir sind als Kollektiv sehr stark. Ich will da niemanden herausheben. Selbst wenn wir 0:2 oder 1:2 zurückliegen, kommen wir noch zurück. Diesen Teamgeist musst du erstmal haben und ihn dir als Mannschaft erarbeiten.

Sehen Sie sich denn auf Dauer als Linksverteidiger?

Eigentlich war das gar nicht meine Position. Das fing unter Dennis Offermann an und Mike hat das dann so übernommen. Mittlerweile kann ich mich damit richtig gut identifizieren. Ich finde sogar, es ist die beste Position für mich ist, weil ich meine Eigenschaften so besser ins Spiel einbringen kann.

Welche Eigenschaften sind das?

Mike und Kevin mögen es, wenn ich ins Zentrum andribble, einen Diagonalball spiele oder die richtigen Räume erkenne, in die ich dribbeln kann. Weil ich eine offensive Vergangenheit habe, kann ich mich ins Spiel nach vorn gut einschalten und kann trotzdem defensiv – das sind Mike und Kevins Worte gewesen – eklig sein.

Sie wurden im Pokalspiel in Aumund geschont. Sagt das schon alles über Ihre Wichtigkeit für das Brinkumer Spiel aus?

Ich fand das eigentlich gar nicht so gut, weil ich immer spielen will. Aber das war vorher so besprochen und dann ist das auch in Ordnung.

Der Typ, sich zu schonen, sind Sie allerdings nicht. Sie wollen auch in der fünften Minute der Nachspielzeit bei klarer Führung noch im Vollsprint über den Platz wetzen…

Genau. Ich habe deshalb nach dem Habenhausen-Spiel eine Ansage bekommen. Wir haben in der Schlussphase klar geführt und hatten drei Tage später das Spiel gegen Union. Mike und Kevin fanden es nicht so witzig, dass ich trotzdem die ganzen Wege nach vorn gemacht habe. Aber ich wollte noch mehr. Es geht ja auch ums Torverhältnis. Vielleicht muss ich noch lernen, mich in diesen Situationen cleverer zu verhalten. Aber ich bin da eher der Typ, der das Optimum herausholen will.

Blicken wir aufs Sportliche: Ihr Team ist Tabellenführer und steht im Pokal in der zweiten Runde. Ist der Brinkumer SV ein Kandidat für das Double?

Gegen das Double hätte ich sicher nichts einzuwenden, aber es ist ein langer Weg bis dahin. Im Pokal haben wir ein schweres Spiel in Bremerhaven gegen SFL. Das ist eine eklige Truppe, aber ich sehe trotzdem die Chance, dass wir uns da durchsetzen können. Ich möchte unbedingt Titel gewinnen. Dieses Jahr haben wir eine gute Chance. Ich wäre wirklich sehr enttäuscht, wenn wir ohne Titel aus dem Jahr gingen. Wir als Mannschaft wissen, was wir können und wozu wir in der Lage sind. Wir alle wollen Titel holen, am liebsten natürlich beide.

Ein 7:0 gegen Borgfeld ist also kein Grund, einen Gang herunter zu schalten? Oder müssen Sie als Führungsspieler dann dafür Sorge tragen, dass alle die Konzentration hochhalten?

Dafür haben Mike und Kevin schon ein gutes Händchen. Sie steuern das wirklich gut. Beim 7:0 hatte Mike ein Stück weit selbst schuld: Er hat gesagt, er möchte 7:0 gewinnen. Das haben wir als Mannschaft erfüllt. Wir hätten noch höher gewinnen können. Nein, im Ernst: Da muss ich nicht viel sagen, da ziehen wir alle an einem Strang. Jetzt in der Pause ziehen wir unsere Läufe durch und machen unsere Workouts zu Hause. Wir sind viele, die zusätzlich arbeiten. Das kann am Ende den Unterschied ausmachen.

Kehren wir zum kommenden Sonntag zurück: Wenn Sie einen sportlichen Geburtstagswunsch hätten – wie sähe der aus?

Für die Mannschaft wünsche ich mir, dass wir alle gesund bleiben. Das ist das Wichtigste. Und dass wir uns am Ende für unsere harte Arbeit mit einem Titel belohnen. Ich persönlich wünsche mir, dass ich mich noch weiterentwickeln kann und mir die zehn Prozent, die mir zum Führungsspieler noch fehlen, aneignen kann. Ich will auch ein bisschen konstanter werden. Ich hatte am Ende ein, zwei Spiele dabei, in denen ich nicht so stark war. Und natürlich will ich mit dieser Mannschaft einen Titel holen.

Das Interview führte Thorin Mentrup.

Info

Zur Person

Nicolai Gräpler (25)

spielt in seiner dritten Saison in Folge beim Fußball-Bremen-Ligisten Brinkumer SV. Dennis Offermann lotste ihn im Sommer 2018 vom TSV Etelsen zurück an den Brunnenweg, wo der Linksfuß im ersten Anlauf unter Frank Thinius nicht den Durchbruch geschafft hatte. Weitere Stationen des Kirchweyhers im Herrenbereich waren der TuS Sudweyhe, bei dem er auch in der Jugend bereits aktiv war, und der SV Werder Bremen III. In dieser Saison stand Gräpler in allen acht Ligaspielen des Tabellenführers in der Startformation und erzielte beim 3:0 gegen Habenhausen einen Treffer.

Info

Zur Sache

Gabel lobt seinen Linksverteidiger

„Der Prozess ist noch nicht ganz abgeschlossen“, sagt Mike Gabel, Gräplers Trainer beim Brinkumer SV, über die Entwicklung seines Schützlings zu einem Führungsspieler. „Aber Nico ist auf einem super Weg. Das geht zu einhundert Prozent in die richtige Richtung.“

Viele der Grundsätze, die Gabel und sein Trainerteam aufgestellt haben, habe Gräpler bereits verinnerlicht. Die Jetzt-erst-recht-Mentalität zum Beispiel oder das Nicht-zufrieden-Sein nach einem Sieg. „Das hat sich Nico sehr zu Herzen genommen. Es ist schön, wenn man sieht, wie er sich von der Persönlichkeitsstruktur entwickelt.“

Einige Gespräche gab es zwischen Gabel, Co-Trainer Kevin Artmann und Gräpler darüber, wie man zum Führungsspieler wird, woran der 25-Jährige noch arbeiten muss. „Wir als Trainerteam haben ihm den Weg gewiesen. Und Nico macht das bis jetzt richtig gut. Das war ja auch sein eigener Anspruch. Den Schritt zum Führungsspieler hat er zu 90 Prozent vollzogen“, lobt der Trainer seinen Schützling, der auch sportlich unangefochten ist, auch wenn er in den vergangenen beiden Partien nicht auf seinem Top-Niveau agierte. „Aber Nico hat sich auf einem konstant hohen Level etabliert“, findet Gabel.

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