Fußball

„Habe die Lieder vom Block H noch drauf“

Tom Witte traf während seiner sportlichen Laufbahn auch ungewöhnliche Entscheidungen und ging nicht immer den bequemen Weg. Neben dem Fußball unter anderem beim Brinkumer SV probierte er sich auch im Handball.
06.04.2021, 18:30
Lesedauer: 7 Min
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Von Sven Hermann

„Ich bin schon ein bisschen verrückt“, verrät Tom Witte, der einst als Fußballer für den Bremen-Ligisten Brinkumer SV und für den Delmenhorster Kultverein SV Atlas auflief – eine seiner Charakter-Eigenschaften. Es war der 6. Juli des vergangenen Jahres vor dem Relegationsspiel des SV Werder Bremen beim 1. FC Heidenheim, als der leidenschaftliche Werder-Fan eine Wettschuld einlöste. Diese beinhaltete, dass er sich beim Klassenerhalt der Grün-Weißen eine Glatze scheren lassen müsste. „Beim 2:1-Führungstreffer von Ludwig Augustinsson in der 90. Minute kam dann schon der Rasierer. Zwar schaffte Heidenheim noch das 2:2, doch Werder blieb in der Fußball-Bundesliga. Bei den anschließenden Interviews der Bremer Spieler waren die Haare bereits ab. Seitdem beließ ich es bei der Glatze, da meine Haarpracht zuvor schon sehr licht war und ich über Geheimratsecken verfügte. Es passt zu mir, ist praktisch und auch optisch schön, zudem muss ich kein Geld mehr für den Frisör ausgeben“, merkt Witte, der mittlerweile im Bremer Stadtteil Schwachhausen lebt, schmunzelnd an.

Diese Anekdote sagt einiges aus über die Person Tom Witte aus. Er traf während seiner sportlichen Laufbahn auch ungewöhnliche Entscheidungen, ging dabei nicht immer den geraden und bequemen Weg. „Ich mag den zackigen Kurs und möchte mich nicht in der Komfortzone ausruhen. Man kann sich weiterentwickeln, wenn man etwas wagt“, beschreibt sich der 27-Jährige. Nach seinem Weggang beim SV Atlas im Jahre 2018 fand der Defensivakteur als Torhüter im Handballsport beim Bremer Klub TS Woltmershausen, mit dem er gleich im ersten Jahr von der Landesklasse in die Landesliga aufstieg, eine neue sportliche Herausforderung. Doch auch dem Fußball blieb Witte treu und heuerte nach einem zweijährigem Intermezzo beim unterklassigen TSV Grolland II im Sommer vergangenen Jahres beim ambitionierten Bremer Landesligisten VfL 07 an. Sowohl im Handball als auch im Fußball ist der angehende Erzieher, der in Bremen seine Ausbildung absolviert, somit jetzt wieder höherklassig aktiv.

Gemeinsam mit Füllkrug auf dem Platz

Einen ungewöhnlichen Schritt ging Witte im Jahr 2015, als er den Fußball-Bremen-Ligisten Brinkumer SV, mit dem er gerade Vizemeister wurde und das Bremer Lotto-Pokal-Finale erreichte hatte, verließ, um sich beim damals noch in der Bezirksliga Weser-Ems ansässigen SV Atlas Delmenhorst zu versuchen. „Diesen Schritt hat in Brinkum damals nicht jeder verstanden“, verrät der in Moordeich aufgewachsene Abwehrakteur, der immerhin sieben Jahre am Brunnenweg verbrachte. Nach ersten Jugend-Stationen beim TSV Grolland, TS Woltmershausen und FC Huchting wechselte er zu den B-Junioren des Brinkumer SV, mit denen er unter anderem auch in der Regionalliga Nord kickte. Bereits als A-Junior wurde Witte dann in den Kader der ersten Mannschaft befördert, spielte in der Bremer Junioren-Landesauswahl unter anderem mit dem heutigen Werder-Profi Niclas Füllkrug zusammen und agierte mit der BFV-Auswahl beim DFB-Sichtungsturnier in Duisburg-Wedau, wo Jahr für Jahr die Landesverbände gegeneinander antreten und sich um den Titel als beste deutsche Nachwuchsauswahl streiten.

Ungewöhnlich auch hier sein frühzeitiger Schritt in den Kader der ersten Herren, denn das Brinkumer Nachwuchstalent hatte auch andere Optionen. „Ich hatte Probetrainings beim A-Junioren-Bundesligisten VfB Oldenburg und dessen Stadtrivalen und Regionalligisten VfL und hätte dorthin wechseln können. Doch der große zeitliche Aufwand, schließlich hatte ich ja auch noch kein Auto, sprach gegen Oldenburg. Zudem war ich in der Schule nicht der Beste, hatte in Brinkum bereits zugesagt und wollte mein Wort nicht brechen“, schildert Witte seine Beweggründe für ein Engagement beim BSV. Mit diesem erreichte er in der Folgezeit zweimal das Lotto-Pokal-Finale und scheiterte in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga. Nach dem Gewinn der Vizemeisterschaft schloss er sich 2015 dem damaligen Bezirksligisten SV Atlas Delmenhorst an.

„Ich hatte selbst beim SVA angeklopft, wurde beobachtet und erhielt dann die Zusage. Der große Name, der Verein und die Fans lockten schon sehr. Zudem war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, schon bald mit Atlas aufzusteigen“, verrät der damals noch als Innenverteidiger aktive Witte. Gleich im ersten Jahr stieg er dann auch prompt mit den Delmenhorstern von der Bezirks- in die Landesliga auf. Während dieser Zeit erhielt Witte ein Fußball-Stipendium in den USA, doch aufgrund des fehlenden Visums kam der Wechsel nach Übersee nicht zustande.

Das verrückteste Spiel seiner Laufbahn

Er blieb bei Atlas, und gleich im Jahr darauf folgte der Aufstieg von der Landes- in die Oberliga. Am finalen Spieltag der Saison 2016/2017 erlebte Witte hierbei das wohl emotionalste und mit Abstand verrückteste Spiel seiner Laufbahn. Während seine Delmenhorster in der Heimpartie gegen den VfL Wildeshausen zum Siegen verdammt waren, mussten sie zeitgleich auf einen Ausrutscher des Spitzenreiters Blau-Weiß Lohne hoffen. Bei diesem Herzschlagfinale gewann Atlas 5:1, Lohne spielte tatsächlich nur 3:3 in Bad Rothenfelde. Aufgrund des besseren Torverhältnisses hatten die Blau-Gelben die Nase vorn. Nach dem Gewinn der Meisterschaft und dem damit verbundenen Oberligaaufstieg brachen im Stadion an der Düsternortstraße vor mehr als 1700 Zuschauern alle Dämme. „Das war Wahnsinn. Die Feier ging damals sehr lange, und ich habe nicht sehr viel geschlafen. Ich weiß nicht, wie viele Grüne und Bier damals flossen“, schildert Witte, dem ein weiteres Erlebnis aus dieser Partie prägend in Erinnerung blieb. „Auf der Position des Linksverteidigers, zu dem ich vor der Saison umfunktioniert wurde, hatte ich das Vergnügen, in der zweiten Halbzeit auf Seiten der großen Sitzplatztribüne zu wirken. Als wir dann deutlich führten, hing ich mit einem Ohr an den Lippen der vielen Zuschauer, um etwas über den Zwischenstand bei der Partie des Konkurrenten Lohne mitzubekommen. Ich habe die Sprüche und Gesänge der Fans immer gefeiert und habe die Lieder vom Block H immer noch drauf“, sagt Witte und lacht. Nach dem Aufstieg gelang ihm im ersten Spiel der neuen Serie beim TuS Sulingen der erste und einzige Treffer in der Oberliga Niedersachsen. „Dieser Kopfballtreffer war ein weiteres cooles Highlight für mich. Damit hatte ich mein Saisonpensum an Toren bereits erreicht. Meistens gelang mir nur ein Saisontreffer“, flachst Witte. Trotz der Auftaktniederlage in Sulingen sicherte sich Atlas am Ende den Klassenerhalt in der Oberliga.

Ein weiteres Erlebnis, das haften blieb, war für Witte die Oberliga-Auswärtspartie beim MTV Eintracht Celle. „Ich hatte an diesem Tag Geburtstag, saß jedoch nur auf der Ersatzbank und kam nicht zum Einsatz. Dennoch beschenkte mich Trainer Jürgen Hahn nach dem Auswärtssieg auf andere Art und Weise. Mit seiner Genehmigung durfte ich die Rückfahrt im Bus der Fans vom Block H antreten. Die war dann feuchtfröhlich“, erinnert sich Witte, der sich heutzutage und mit einigem Abstand scherzhaft als unfittesten Spieler der damaligen Oberliga bezeichnet. „Ich war nicht so superfit, wie es ein Fußballer eigentlich sein sollte, hatte ein paar Kilo zu viel drauf und war vielleicht ein wenig zu undiszipliniert. Ich hab schon mal das eine oder andere Getränk zu mir genommen“, gesteht er. Dennoch schätzten ihn die Atlas-Fans, denn eines konnte man dem Abwehrrecken nicht vorwerfen: Er gab bei seinen Einsätzen immer alles, kämpfte bisweilen bis zum Umfallen. „Ich habe versucht, meine Seite abzusichern und die Gegenspieler rauszunehmen. Vom Einsatz her konnte ich mir nichts vorwerfen. Die richtige Einstellung war mir immer wichtig. Das haben die Fans vermutlich gewürdigt“, erzählt Witte.

Mit dem damaligen Coach Jürgen Hahn, der seine Qualitäten zu schätzen wusste, hatte er während der Zeit beim SV Atlas stets einen Förderer. „Er hat mich sehr geprägt. Jürgen hat uns immer optimal eingestellt. Die Gegnerbesprechungen waren stets ein Highlight. Das war schon sehr professionell. Gefühlt haben wir danach sogar den Beziehungsstatus der Gegenspieler gekannt. Und auch Dennis Offermann als einer meiner ehemaligen Trainer zu Brinkumer Zeiten hat mir sehr viel beigebracht“, lobt Witte, der 2019 gemeinsam mit den Anhängern des Block H den DFB-Pokalauftritt des SV Atlas im Bremer Weserstadion gegen den SV Werder verfolgte. „Es war die beste Entscheidung, 2015 zu Atlas zu wechseln. Es war einfach geil, die drei Jahre dabei gewesen zu sein, und ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Der Verein ist etwas besonderes, und ich freue mich sehr über den grandiosen Weg, den Atlas mittlerweile genommen hat. Die Atlas-Doku habe ich mir bestimmt schon zehn oder 15-mal angesehen “, schwärmt Witte.

Witte probiert sich im Handball

Im Sommer 2018 endete für ihn das Kapitel Atlas Delmenhorst. Er entschied sich wieder einmal für einen anderen Weg, der ihn dieses Mal sogar in eine neue Sportart führte, und heuerte beim Bremer Handball-Landesklassen-Vertreter TS Woltmershausen an. Zudem kickte er zusätzlich hobbymäßig für die Zweitvertretung des TSV Grolland. „Ich hatte mein maximales Ziel, ein Jahr in der Oberliga zu spielen, erreicht. Auch aufgrund meines Fitnesslevels hatte ich dann das Gefühl, mein Limit erreicht zu haben und habe Platz für andere und auch bessere Spieler gemacht, die dann folgten“, sagt Witte. Während beim TSV Grolland im fußballerischen Bereich der Spaß an erster Stelle stand, packte ihn auf der ungewohnten Torhüter-Position bei den Handballern des TS Woltmershausen schnell der Ehrgeiz. Eigentlich als dritter Torwart gekommen, erhielt er in seiner Anfangssaison als Handball-Novize ungewöhnlich viele Spielzeiten, stieg mit seinem neuen Team am Ende in die Landesliga auf, welcher der TS nach wie vor angehört. Seine positive Verrücktheit spielt Witte auch hier in die Karten. „Ich habe Bock, mich abwerfen zu lassen, werfe mich in die Würfe und zeige viel Mut im Tor. Meine Größe, meine guten Reflexe und die Fähigkeit, Bälle durch unberechenbare Bewegungen zu parieren, kommen mir zudem zugute. Ich bin mit viel Demut die neue Aufgabe angegangen, habe mich kontinuierlich gesteigert und befinde mich jetzt auf Augenhöhe zu den anderen Keepern. Vielleicht gelingt mir ja auch im Handball, was mir im Fußball bereits gelungen ist und ich kann möglicherweise auch hier nochmal irgendwann in der Oberliga spielen“, wünscht sich Witte, den im Sommer vergangenen Jahres auch der Fußball-Ehrgeiz wieder packte. Durch den Kontakt zu Co-Trainer Daniel Schlüter landete er beim Bremer Landesligisten VfL 07 und blieb so seinem Faible für die Vereinsfarben Blau-Gelb treu.

In den sechs Saisonspielen bis zur Corona-Unterbrechung gelangen ihm immerhin schon zwei Treffer. „Eines wurmt mich furchtbar. Als ich Brinkum im Sommer 2015 in Richtung Delmenhorst verließ, hatte ich 99 Bremen-Liga-Spiele absolviert. Da muss eine dreistellige Zahl vor. Irgendwann will ich auch hier noch die Hundert vollmachen“, so Witte, dem der gemeinschaftliche Sport extrem fehlt und der sich sehnlichst wünscht, bald wieder ein normales Leben ohne Corona führen zu können.

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