„Seventeen Tandem“ Gespräche auf Augenhöhe

In der Gemeinde Stuhr läuft zurzeit das Projekt „Seventeen Tandem“ an. Dabei sollen deutsche Jugendliche gleichaltrigen Flüchtlingen den Spracherwerb erleichtern.
14.09.2018, 18:55
Lesedauer: 4 Min
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Gespräche auf Augenhöhe
Von Eike Wienbarg

Stuhr. Jungen Menschen mit Fluchtgeschichte die deutsche Sprache spielerisch beibringen – das ist der Gedanke hinter dem Projekt „Seventeen Tandem“, das zurzeit in der Gemeinde Stuhr anläuft. Im Zentrum steht dabei die Verständigung auf „Augenhöhe“, wie die Projektbetreuerin Sina El Basiouni und Fathma Atenhahn vom Sozialen Service der Gemeinde Stuhr erklären. Gesucht werden für das Projekt Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren.

Die Idee hinter dem Vorhaben ist dabei relativ simpel. Jugendliche, die die deutsche Sprache gut beherrschen, helfen Gleichaltrigen mit Fluchtgeschichte, die Sprache zu lernen, erklärt Projektinitiatorin Fathma Atenhahn. Gerade bei minderjährigen Flüchtlingen dauere es oft eine ganze Zeit, bis sie in den regulären Schulbetrieb integriert sind oder mit einem Sprachkurs starten können, berichtet sie. Manchmal sogar bis zu einem halben Jahr. Die viele Freizeit könne durch die angedachte Sprachpartnerschaft von „Seventeen Tandem“ sinnvoll für den Spracherwerb genutzt werden.

So sind Atenhahn und Sina El Basiouni, die derzeit im Masterstudiengang Transkulturelle Studien an der Universität Bremen studiert, zurzeit auf der Suche nach Jugendlichen, die sich für dieses Projekt interessieren. El Basiouni stellte das Vorhaben daher auch bereits gemeinsam mit einer Kommilitonin in den zehnten und elften Klassen der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Brinkum vor, berichtet sie.

Beide betonen, dass die Sprachpartnerschaft keine zusätzliche Belastung für die teilnehmenden Jugendlichen darstellen solle. Die Treffen mit dem möglichen Tandempartner könnten in der Freizeit oder an öffentlichen Orten wie den Stuhrer Jugendhäusern stattfinden. Auch andere gemeinsame Aktivitäten seien vorgesehen. Genau über diese Wege sollen die Sprachkenntnisse der jungen Flüchtlinge besser werden. „Die Jugendlichen haben viele Mitgestaltungsmöglichkeiten“, sagt El Basiouni. In Workshops sollen so zum Beispiel Ideen und Vorschläge gemeinsam gefunden und danach umgesetzt werden. „Es ist eine Menge möglich. Jeder Tadempartner ist anders“, sagt Fathma Atenhahn und betont wie El Basiouni die gute Möglichkeit zum kulturellen Austausch zwischen den Jugendlichen.

Laut El Basiouni haben sich nach den ersten Vorstellungen des Projekts rund 20 interessierte deutsche Jugendliche gemeldet. Zehn davon kamen zu einem ersten Vortreffen in den Räumlichkeiten des Sozialen Service. „Es sind vorwiegend Mädchen dabei“, erzählt die Projektkoordinatorin von der Gruppe. Auf der Seite der Geflüchteten hat Fathma Atenhahn rund 15 Jugendliche, die für das Sprachtandem infrage kommen, auf dem Schirm. „Die Geflüchteten sind überwiegend männlich“, berichtet Andre Becker vom Flüchtlingsnetz Stuhr, das das Projekt unterstützt.

Ein Problem in diesem Zahlenverhältnis sehen die Initiatoren zunächst nicht. „Deswegen müssen wir das Projekt eng begleiten“, sagt Atenhahn. „Es ist keine Partnerbörse“, betont Sina El Basiouni mit Blick auf die minderjährigen Teilnehmer. So wurden von allen Teilnehmern die Einverständniserklärungen der Eltern eingeholt. Es gehe um die Sprache und den Austausch der Kultur, hebt sie hervor. Als Ansprechpartner bei Problemen stehe sie immer bereit, sowohl für die Teilnehmer als auch für die Eltern.

Offizieller Startschuss für das Projekt ist der Tag der Begegnung am Sonnabend, 22. September, von 11 bis 17 Uhr in der KGS-Mensa am Brunnenweg 2 in Brinkum. Dann treffen die Teilnehmer das erste Mal zusammen. Geplant sei ein gemeinsamer Smalltalk zum Kennenlernen, so El Basiouni. „Die Sprachpartnerschaften sollen nicht von außen aufgezwungen werden“, sagt die Projektbetreuerin. „Sie sollen sich im Gespräch bilden.“ Danach werde es auch weiterhin Treffen in großer Runde geben. Sodass sich die Tandems „mit der Zeit entwickeln“. „Das kann zu zweit aber auch in der Gruppe mit Freuden sein“, so El Basiouni.

„Wichtig ist, dass das Projekt in laufende und bestehende Netzwerke integriert wird“, betont Sina El Basiouni die Nachhaltigkeit des Projekts. Für die kommenden zwei Jahre ihres Studiums könne sie die Gruppe betreuen. Um danach nicht in ein Loch zu fallen, haben die Initiatoren bereits jetzt neben dem Flüchtlingsnetz auch das Netzwerk Pro Ehrenamt mit ins Boot geholt.

Die Gruppe um Gerd von Seggern und Stefan Koschade, die bei der Freiwilligenagentur Stuhr angesiedelt ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, vor allem Jugendliche an die ehrenamtliche Arbeit heranzuführen. Wenn die Strukturen gefestigt sind, könne Pro Ehrenamt das Projekt übernehmen, so El Basiouni. „Es sind viele Sachen möglich“, sagt Gerd von Seggern über das Projekt und freut sich über die neue Option für Jugendliche, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Der Alterspegel im Ehrenamt ist oft schon weit fortgeschritten“, berichtet er aus seinen Erfahrungen und seiner Tätigkeit.

Die Verbindung zu Pro Ehrenamt bietet für das Projekt auch einen weiteren entscheidenden Vorteil. So können dem Teilnehmer bei einem erfolgreichen Engagement Zertifikate über seine Tätigkeit ausgestellt werden, berichtet Gerd von Seggern. Diese sind eine offizielle Urkunde des Landes Niedersachsen für Ehrenamtliche. Darauf verzeichnet sind drei Bereiche der Tätigkeit, in denen sich die Teilnehmer hervorgetan haben, berichtet von Seggern weiter. „Das ist auch für die Bewerbungsmappe eine wichtige Sache“, betont er. Viele Arbeitgeber würden heutzutage auch auf das Engagement ihrer potenziellen neuen Angestellten achten, weiß er zu berichten. Das Zertifikat sei allerdings kein Automatismus, berichtet sein Kollege Stefan Koschade. „Die Teilnehmer müssen sich schon bewähren“, sagt er. Die Stuhrer Bürgerstiftung gebe am Ende dann das OK für die Ausstellung der Zertifikate.

Gespannt blicken alle Beteiligten nun in Richtung Tag der Begegnung. Rund anderthalb Stunden haben die Jugendlichen dann Zeit, sich kennenzulernen. Aber: „Das ist nur der Startschuss“, sagt Fathma Atenhahn und hofft mit Sina El Basiouni darauf, dass sich noch weitere Teilnehmer für das Projekt „Seventeen Tandem“ finden.

Interessierte Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, die die deutsche Sprache gut beherrschen und an dem Projekt " Seventeen Tandem" teilnehmen möchten, können sich bei der Projektbetreuerin Sina El Basiouni melden. Sie ist telefonisch unter der Rufnummer 01 73 / 1 02 69 02 oder per E-Mail an die Adresse sina.elbasiouni@gmail.com zu erreichen.

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