Handball

„Asche“ hält anders

Normal ist das, was Aschkan Sadeghi zwischen den Pfosten macht, sicher nicht. Das haben etliche Handballer bereits leidvoll erfahren. Dafür gab es einmal sogar Lob von ganz hoher Handball-Stelle.
23.10.2020, 14:59
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup

Kay Rothenpieler war beim ASV Hamm-Westfalen eine Handball-Institution: Fast zwei Jahrzehnte lang war der Ex-Nationalspieler als Trainer und Sportlicher Leiter tätig, führte den Klub in der Spielzeit 2009/10 in die 1. Bundesliga. Wie diese Erfolgssaison begann, wird sicherlich der eine oder andere ASV-Verantwortliche, vielleicht auch Rothenpieler selbst, vergessen haben. Das DHB-Pokalspiel beim FTSV Jahn Brinkum war für Hamm ein Match zum Warmwerden. Für die Brinkumer, gerade aus der Oberliga abgestiegen, war es dagegen ein Höhepunkt, der für einen unter ihnen sogar zur Sternstunde wurde: Torhüter Aschkan Sadeghi lieferte eines der besten Spiele seiner Karriere ab.

Dabei klingt das Endergebnis – 13:36 verlor Brinkum – gar nicht danach, als hätte Sadeghi auch nur irgendetwas zu lachen gehabt. „Aber ich wollte unbedingt unter 40 Gegentoren bleiben, und das habe ich geschafft“, erklärt der heute 35-Jährige, warum er an diesem 29. August 2009 dennoch einen unvergesslichen Pokalabend erlebte. Denn ohne „Asche“, wie der Schlussmann genannt wird, wäre die Niederlage sicher deutlicher ausgefallen. Unter anderem wehrte er einen Siebenmeter von Andreas Simon ab, seines Zeichens Junioren-Europameister 2004. Momente, die im Gedächtnis bleiben. Genauso wie das Lob von Rothenpieler, der sich über die unorthodoxen Bewegungen des Torhüters wunderte, aber ihm in erster Linie eine gute Leistung bescheinigte. „Das vergisst man nicht“, freut sich Sadeghi noch heute über diese Wertschätzung von höchster Handball-Stelle.

Das Spiel gegen Hamm genießt unter seinen Erinnerungen einen besonderen Stellenwert. Denkwürdige Partien hat Sadeghi dagegen etliche abgeliefert. Da war zum Beispiel seine Siebenmeter-Show im Oberliga-Auswärtsspiel beim MTV Jever im März 2008, als er in eineinhalb Minuten vier Strafwürfe parierte und den 26:25-Sieg festhielt. Die Euphorie veranlasste ihn zu einem ungewohnten Schritt: „Ich weiß es noch genau: Wir sind danach feiern gegangen. Das ist total untypisch für mich, ich bin überhaupt kein Discogänger. Aber da musste die Freude einfach raus.“

Sadeghi, der zu den Höhepunkten auch den Aufstieg von der Verbands- in die Oberliga zählt, kann seine Gegner zur Weißglut treiben. Er spielt anders, er bewegt sich anders, er hält anders. Unorthodox eben. Rothenpieler hat es mit seiner Wortwahl wohl am besten getroffen. Der Sadeghi-Stil ist für Schützen nicht zu lesen. „Ich habe natürlich gemerkt, dass ich mich anders verhalte als andere Torhüter. Das ist vielleicht auch meine größte Stärke: Niemand weiß, was ich mache“, erklärt der Schlussmann, seit mehr als einem Jahrzehnt eine verlässliche Größe im Brinkumer Tor.

Von der Kreis- in die Oberliga

Bevor er zur ersten Mannschaft stieß, spielte Sadeghi für die Dritte des FTSV in der Kreisliga. „Eine coole Zeit. Die dritte Herren war immer mein Rückzugsort. Dort wusste ich genau, was ich habe“, sagt er. Als Sven Engelmann, bis zum Ende der vergangenen Saison Trainer der 2016 ins Leben gerufenen HSG Stuhr, der zusätzlich zum FTSV der TV Stuhr und die TSG Seckenhausen-Fahrenhorst angehören, ihn hochziehen wollte, habe er viel Unterstützung erfahren, freut sich Sadeghi. „Mein Trainer hat gesagt, ich solle diesen Schritt gehen. Zurückkommen könnte ich immer noch. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“ Sadeghi genoss viel Vertrauen, einer seiner Fürsprecher war zudem Andreas Stelljes, Torwarttrainer der ersten Mannschaft.

An die Oberliga musste er sich zunächst gewöhnen. „Die ersten Würfe waren schon krass“, weiß Sadeghi noch. Das Abenteuer begann verhalten: Er verletzte sich in der Vorbereitung, musste mit einem angerissenen Kreuzband pausieren und sich meist über kürzere Einsätze empfehlen. Mit Hauke Hellbernd bildete er bis 2013 das Torhüterpaar, rückte aber mehr und mehr in den Fokus. Besonders schön sei es noch heute, wenn Spieler des Gegners sagten, gegen ihn wollten sie nicht spielen. „Und das gab es ein paar Mal“, sagt Sadeghi. Diese Anerkennung hat er sich hart erarbeitet: Gegen den TSV Daverden hielt er einmal neun Siebenmeter, die HSG Schwanewede/Neuenkirchen entnervte er mit sechs abgewehrten Strafwürfen. „Immer, wenn ich es geschafft habe, so eine Leistung aufs Parkett zu bringen, war ich richtig stolz auf mich.“ Meist habe er dann nur schwer zur Ruhe kommen können. Schlaflose Nächte waren die Belohnung für seine Top-Leistungen.

Gern hätte Sadeghi den Sprung in die dritte Liga geschafft. Er sei immer sehr leistungsorientiert gewesen. Deshalb wagte er im Jahr 2015 den Schritt nach Schwanewede. Der Oberligist lockte mit einer höheren Spielklasse als Verbandsligist FTSV. Lange dauerte das Abenteuer nicht: Nach einem halben Jahr kehrte Sadeghi, der an Antonio Veronese und Daniel Sommerfeld nicht vorbei kam, zurück nach Brinkum. Richtig weggewesen war er ohnehin nie: Als Trainer, damals bei den A-Juniorinnen, war er weiterhin beim FTSV. Auch als Schiedsrichter war er aktiv.

Hätte er weiterhin auf höchstem Level spielen wollen, hätte er nicht zurückkehren dürfen, sagt Sadeghi heute. Er sei aber mit der Verbandsliga zufrieden gewesen. Die Handball-Höhepunkte sind allerdings rar geworden. Stuhr ist Landesligist. Das konnten auch Sadeghis Paraden nicht verhindern. „Das tut schon weh“, sagt er, versucht das Ganze aber positiv zu sehen: „Was wirklich cool ist, ist, dass ich in dieser Liga gegen viele alte Mitspieler gespielt habe.“

Auch mit 35 Jahren ist er noch nicht handballmüde. Auch bei der HSG fühlt er sich weiterhin wohl: „Die Mannschaft ist cool. Es ist toll, noch mit alten Weggefährten wie Sebastian Beckmann und Christoph Schneider zusammenzuspielen.“ Ans Spielen ist momentan aber nicht zu denken: Schulterprobleme machen Sadeghi zu schaffen. Ende Oktober wird er sich einer Operation unterziehen. Bei einer Abwehraktion im Spiel gegen Arbergen-Mahndorf verletzte er sich im Januar. Es sei der einzige Ball, den er gern reingelassen hätte, sagt er.

Ein Teil des Umbruchs

Nach der Operation will Sadeghi zur Mannschaft zurückkehren. „Ich habe Bock, beim Umbruch dabei zu sein“, will er der verjüngten HSG helfen. Wie es nach der Serie weitergeht, ist offen: „Ich habe in den letzten Jahren keine verletzungsfreie Saison gehabt“, sendet der Körper Signale, dass es vielleicht doch an der Zeit ist, über das Laufbahnende nachzudenken. Zumal andere Aspekte in Sadeghis Leben an Bedeutung gewonnen haben: Freundin, Haus, Hund.

Bei der HSG würden sie ungern auf Sadeghi verzichten. „Ich habe ihn gebeten, dass er zum Trainerstab stößt, wenn er nicht spielen kann. Asche ist als Typ sehr wichtig für die Mannschaft“, sagt der neue Coach Mike Owsianowski. Sadeghi soll die anderen beiden Torhütern Stefan Germanus und Henrik Müller unterstützen. „Mindestens mit blöden Sprüchen, die kann ich super“, sagt er und lacht. Germanus kennt er seit Langem, „mit ihm kann ich mal quatschen, ihn runterholen oder auf einen Fauxpas aufmerksam machen“, erklärt er. Den jungen Müller, der vom TV Neerstadt kam, beschreibt er als „super talentiert und super positiv. Er hat tolle Bewegungen drauf.“ Nur Erfahrung fehlt dem Neuzugang. Die aber hat Sadeghi, der sein Wissen gern teilt. Nur seinen Stil kann er nicht weitergeben, denn der ist einmalig. Das weiß sogar Kay Rothenpieler.

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