Schausteller-Familie startet Drive-in

Jahrmarktgefühl zum Mitnehmen

Jahrmarktgefühl auch ohne Jahrmarkt – das gibt es jetzt in Varrel. Die Schausteller-Familie Landsmann hat auf ihrem Gelände einen Drive-in mit gebrannten Mandeln und Zuckerwatte eingerichtet.
08.04.2020, 18:45
Lesedauer: 4 Min
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Jahrmarktgefühl zum Mitnehmen
Von Alexandra Penth
Jahrmarktgefühl zum Mitnehmen

Da kommt die Bestellung: Mandy Poppe reicht einem Kunden die bestellten Süßwaren in einer Abstandsvorrichtung Marke Eigenbau.

Michael Braunschädel

Stuhr-Varrel. „Einmal vorfahren zum Bezahlen, bitte.“ Den Satz kennt vermutlich jeder, der schon einmal Essen an einem Drive-in-Schalter bestellt hat. Nur gibt es seit Beginn der Woche an der Schulstraße 89 in Varrel keine Burger und Pommes zum Mitnehmen, sondern gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, Schokofrüchte und Lebkuchenherzen. Ein bisschen Jahrmarktgefühl in Zeiten des Kontaktverbots.

Die Auslage des bonbonfarbenen Schausteller-Wagens der Familie Landsmann ist am Dienstagvormittag, dem zweiten Öffnungstag, gut gefüllt. Inhaber Mike Landsmann kippt gerade ein frisches Tablett gebrannter Mandeln nach. Der typische Jahrmarktgeruch, der einen schlagartig in die Kindheit zurückkatapultiert, macht sich breit. „Wir müssen jetzt alles gut vorbereiten. Wenn es so wird wie gestern, müssen wir bereit sein“, sagt Landsmann. Eigentlich würde er jetzt auf der Bremer Osterwiese Mandeln verkaufen, nicht auf dem eigenen Grundstück. Aber die Großveranstaltung kann bedingt durch die Corona-Pandemie nicht stattfinden, wie im Übrigen viele Märkte nicht, auf denen die Schausteller-Familie eigentlich verkaufen wollte. So sieben, acht Absagen habe es bereits gegeben, sagt Ehefrau Ginger Landsmann. Darunter Veranstaltungen im Juli und September. Andere Termine sind noch in der Schwebe. Weil die Einnahmen fehlen, war Erfindergeist gefragt. Wie kommen die beliebten Jahrmarktsüßigkeiten trotz des gebotenen Abstands zu den Kunden? Was für Schnellrestaurants funktioniert, kann auch für eine Verkaufsbude gelten, dachte sich Mike Landsmann. Also richtete die Familie auf ihrem Hof eine Möglichkeit zum Mitnehmen her, ohne dass die Kunden aus dem Auto steigen müssen.

Katja Zimmermann ist mit Hündin Paula zu Fuß an den Stand gekommen. Über ein Tor im Zaun gelangen die Kunden ohne Auto an den Stand, wo Mike und Ginger Landsmann das Geld in einem gelben Korb annehmen und darin auch das Wechselgeld zurück geben. Die Varrelerin Katja Zimmermann hält die Henkel ihrer vollen Papiertüte auseinander. Drei Tüten leicht gezuckerter Mandeln sind ihre Ausbeute. „Zwei vernaschen meine Tochter und ich. Die dritte Tüte bekommt der Erste, dem ich gleich begegne und den ich kenne“, sagt sie und lacht. Denn die mittlerweile 13-jährige Paula, ein Border-Collie-Berner-Sennen-Mischling, ist in der Nachbarschaft bestens bekannt und wird bei Spaziergängen oft ausgiebig gestreichelt. Daran hat sich auch in der Corona-Krise nichts geändert. „Wir Menschen halten alle Abstand am Zaun“, erklärt Katja Zimmermann, dass für Zweibeiner andere Regeln gelten. Von der Idee mit dem Mandelverkauf war sie sehr angetan, nachdem ihre Tochter über das soziale Netzwerk Facebook davon erfahren hatte. „Wir müssen jetzt alle erfinderisch werden“, sagt Katja Zimmermann und setzt den Spaziergang mit ihrer Hündin fort.

Ein Absperrband weist den einbiegenden Autofahrern den Weg. Die erste Aufstelltafel zeigt den ersten Haltepunkt an. Ein Auto mit Bremer Kennzeichen hält dort, der Fahrer streckt den Kopf nach oben, um das Angebot zu beäugen. Zum Bezahlen geht es ein paar Meter vor zum nächsten Schild. Per Plastikbox am Ende eines Besenstiels kommt die in Papiertüten verpackte Bestellung durch das Fahrerfenster. Auch das Geld wechselt so den Besitzer. Beinahe im Minutentakt kommen neue Fußgänger oder Autos die Auffahrt hinauf.

Die Schausteller-Familie in fünfter Generation war überwältigt vom Ansturm gleich am ersten Öffnungstag. „Wir waren total positiv überrascht“, sagt Mike Landsmann. Die Familie hofft, dass sie mit ihren Buden im September wieder raus zu den Veranstaltungen fahren kann. Neben dem großen Verkaufswagen für Mandeln gehört den Landsmanns unter anderem noch das Fischer-Huus. Außerdem bieten sie das trink- und löffelbare Slushi-Eis an. In Anbetracht des sonnigen Wetters gebe es auch die Überlegung, Letzteres zusätzlich am Drive-in anzubieten. Einfälle, das ist deutlich zu merken, gibt es bei Familie Landsmann jedenfalls einige. Und Spontaneität, sagt Ginger Landsmann, gehört auch irgendwie zum Beruf des Schaustellers dazu. Die Idee mit dem Drive-in hat wohl nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei der Gemeinde Stuhr Gefallen gefunden. Die schriftliche Genehmigung lag in kürzester Zeit vor, freut sich Ginger Landsmann über die gute Zusammenarbeit.

Wenn der Mandelwagen auf der Osterwiese stehen würde, wäre die Auswahl eine etwas andere. Mehr Lebkuchenherzen mit heiteren Sprüchen würden wahrscheinlich vom Wagen baumeln. Derzeit kommt es bei den Herstellern aber zu Engpässen, sagt Ginger Landsmann. Vermutlich würden auch schokolierte Ananas und weitere Fruchtspieß-Kombinationen hinter dem Glastresen liegen. Weil sich die Nachfrage aber schwer einschätzen ließ, haben die Budenbetreiber die Auswahl vorerst auf Bananen, Äpfel, Trauben und Erdbeeren beschränkt. Ob Baileys oder Chili – die gebrannten Mandeln gibt es, wie vom Jahrmarkt gewohnt, in diversen Geschmacksrichtungen.

Neben der spontanen Lauf- oder Fahrkundschaft kommen telefonisch oder per Kurznachricht auch Großbestellungen rein, die nebenbei abgearbeitet werden. Auch Jonas Franz und Tim Bartsch aus Delmenhorst haben sich angekündigt. „Ihr könnt ruhig sitzen bleiben“, ruft Mandy Poppe, die Cousine von Ginger Landsmann, den Männern durch die heruntergelassene Fensterscheibe auf der Fahrerseite zu. Zwei Mal kommt die Vorrichtung mit der Plastikbox zum Einsatz. Verschiedene Sorten Mandeln und Schokofrüchte haben Jonas Franz und Tim Bartsch bestellt. Sie sollen Geschenke für Kollegen und Freunde sein. „Einfach ein bisschen Ablenkung, um auch zwischendurch mal rauszukommen“, ist Jonas Franz von der Aktion begeistert.

Die Öffnungszeiten für den Drive-in sind auf der Facebook-Seite von Dienstag bis Sonnabend von 11 bis 18.30 Uhr und sonntags von 11 bis 15 Uhr angegeben. Wie lange es ihn geben wird, steht noch nicht fest. Ihre Idee sei auch bei anderen Schausteller-Kollegen gut angekommen, sagt Ginger Landsmann. Der Drive-in an der Varreler Schulstraße könnte also durchaus Schule machen.

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