Jazzfest Stuhr

Jazzfest Stuhr: auch beim 20. Mal begeisternd

Das Jazzfest Stuhr hat seinen 20. Geburtstag gefeiert und erneut virtuose Musiker in die Gemeinde geholt. Am Sonnabend wurde das Jubiläum mit einer Gala zelebriert.
27.01.2019, 16:35
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Von Otto Kirmse
Jazzfest Stuhr: auch beim 20. Mal begeisternd

Die Stuhrer Jazzfest All Stars gestalteten die Jubiläumsgala am Sonnabend musikalisch äußerst abwechslungsreich.

Jonas Kako

Stuhr. Das Wetter hatte es nicht sonderlich gut mit den Besuchern des Stuhrer Jazzfestes am Freitagabend gemeint: So hatte es geschneit, vor Straßenglätte wurde im Radio ge­warnt – dies wird wohl einige potenzielle Gäste bewogen haben, zu Hause zu bleiben. Obwohl die Veranstaltung gut besucht war, wären noch einige Plätze zu vergeben gewesen. Doch die anwesenden Besucher erlebten hochklassige Musik. Das Gleiche galt für den Sonnabend, als mit einer Gala das 20-jährige Bestehen des Jazzfestes gefeiert wurde.

Los ging es am Freitagabend mit dem Jorge-Luis-Pacheco-Quartett. Der virtuose Pianist, Komponist und Arrangeur sei erst einen Tag zuvor aus Kuba eingeflogen, teilte Jens Schöwing, der künstlerische Leiter und Organisator des Festes, mit. Dort sei er bei 30 Grad gestartet, größer könne man sich den Kontrast beim Wetter wohl kaum vorstellen. Neben dem Namensgeber gehören zu dem Quartett der Schlagzeuger Thomas Hempel, der Bassist Helmut Reuter und die Sängerin Anna-Rabea Pacheco.

Mit einer Eigenkomposition eröffnete Pacheco den Abend. Temperamentvoll mit schnellen Tempowechseln brillierte der Pianist, gestützt auf einen energischen Bass und ein starkes Spiel des Drummers. Für diesen überzeugenden Einstieg bekam das Quartett, da noch als Trio tätig, spontanen Applaus. Das zweite Stück habe er seiner Frau gewid­met, so Jorge Luis Pacheco. Bei diesen Worten betrat Anna-Rabea Pacheco die Bühne und ergänzte das Trio zum Quartett. Das von ihrem Mann neu arrangierte Lied „Bésame mucho“ trug sie mit ihrer klaren Stimme weich und einfühl­sam, dann im Duett mit Jorge Luis Pacheco aber auch laut und leidenschaftlich vor.

Zu einem seiner nächsten Lieder erklärte der Pianist, er habe es geschrieben im Gedenken an einen Aufstand der kubanischen Landarbeiter gegen die amerikanischen Großgrundbesitzer, bei dem 5000 Tote aufseiten der Arbeiter zu beklagen waren. „Sie werden das Schießen in der Musik hören“, erläuterte Bassist Helmut Reuter und ergänzte dann humorvoll, man könne si­cher sein, dass man am Ende heil heraus komme. Und so steigerte sich das Pianospiel dann auch überzeugend zu einer mächtigen Rasanz.

Das letzte Stück erkannte jedermann an der Melodie, es war die „Ode an die Freude“, zunächst ohne Worte von der Sängerin begleitet. Schließlich steigerte sich die Improvisation, und es wurde dann doch “Freude, schöner Götterfunken“ von Anna-Rabea Pacheco gesungen – und auf ihre ermunternden Gesten hin stimmten die Zu­hörer mit ein. Es war ein berührender Abschluss für einen gelungenen Auftritt des Quartetts. Gern hätte sich das Publikum eine Zugabe erklatscht, das aber durch den Zeitrah­men nicht möglich war, denn bald schon sollte José Diaz de Leóns Pangea Ultima auftreten.

Die fünf Musiker stammen aus Köln und haben eine ähnliche Stilistik wie die Vorgruppe, so Jens Schöwing in seiner Ankündigung. Eine besondere Überraschung sei für ihn gewesen, den Trompeter Matthias Schriefl kennenzulernen, der den aktuell ausgeschiedenen Flötisten ersetzt. Begann das erste Stück zunächst etwas diffus, fand bald eine spannende Entwicklung statt, und es entstand ein kräftiger Groove. Zur Band gehören neben Diaz de León auch Roman Fuchß (Bass), Antonio Fusco (Drums) und Lukas Meile (Percussion). Im darauf folgenden Stück, das Diaz de León auf einer seiner vielen Reisen in Peru geschrieben hatte, hörte man schnelle lateinamerikanische Rhythmik. Die gestopfte Trompete setzte Akzente, es gab viel Raum für den E-Bass und die Gitarre, Drums und Percus­sion kamen druckvoll. Die enorme Dynamik des Spiels machte viel Hörvergnügen, war mitreißend. Das folgende Lied war der Frauenrechtlerin Alfonsina Storni aus Argentinien ge­widmet: „Alfonsina i el mar“. Für das von Schriefl zu diesem getragenen Lied gespielte warmtonige Flügelhorn gab es spontanen Zwischenapplaus. Wieder überzeugte im nächsten Stück die Band mit rasantem Tempo, virtuosem Trompetenspiel und schnellen Congas. Die folgende Komposition stammte vom Perkussionisten. Schließlich durfte man erleben, dass der Trompeter beide Instru­mente simultan blasen konnte, allein dies war einen Beifall wert.

In weiteren Stücken brillierten die ausgezeichneten Musiker, die in allen Stilrichtungen der Welt zu Hause sind. „Vielleicht wird es eines Tages so sein, dass sich die Kontinente, die sich einst vom Urkon­tinent gelöst haben, wieder zusammenfinden zur 'Pangea Ultima', und hoffentlich wird die Menschheit das erleben dürfen", erklärte José Diaz de León die Namensgebung der Band. Zu einem glanzvollen Ende kam der Abend, als zur begeistert eingeforderten Zugabe aus dem Zuhörerraum Jorge Luis Pacheco an das Piano ge­beten wurde und mit seiner Unterstützung Pangea Ultima ein Feuerwerk an be­geisternder Weltmusik entzündete.

Bereits einen Tag später ging es weiter: Am Sonnabend feierte das Jazzfest anlässlich des 20-jährigen Bestehens seine große Gala mit elf Musikern, die bereits in den vergangenen Jahren die Feste mit ihrem überragenden Können bereichert hatten.

Jens Schöwing kündigte an, man werde einen Querschnitt durch alle Stilistiken der Musik aus aller Welt zu hören bekommen. Humorvoll, wie so oft in sei­nen Ansagen, eröffnete er das erste Set mit der Ankündigung des Auftritts der Stuhrer Jazzfest All Stars. Die „All Stars“, die in unterschiedlichen Besetzungen den Abend ge­stalteten, waren: Jens Schöwing selbst (Piano), Marcello Albrecht (E-Bass), Christian Frank (Kontrabass), Marc Prietzel (Drums), Michi Schmidt (Percussion), Caspar Heine­mann (E-Gitarre), Klaus Möckelmann (Hammondorgel), Eckhard Petri (Tenorsaxofon), Dierk Bruns (Saxofon), Uli Beckerhoff (Trompete und Flügelhorn) und Susanne Hwang (Gesang).

Zu dem Lied „You Don‘t Talk To Me“, geschrieben von Klaus Möckelmann, lieferte dieser gleich einige Informationen mit: Er sei als Fan von John Mayall zu diesem Stück inspiriert worden, das für ihn auch den Titel tragen könnte: „Der Bluesbreaker“. Für das Stück „A Rainy Night At The Gasoline Station“, wieder geschrieben von Möckelmann, gab er ebenfalls eine Erklärung: „Wenn man nach einem anstrengenden Auftritt mitten in der Nacht im Regen einsam an einer Tankstelle steht, kann einem schon einmal die Frage nach der Sinnhaftigkeit kreativen Tuns kommen.“ Für das starke Spiel von Saxofon und Gi­tarre gab es immer langen Beifall für die brillanten Musiker, deren Spielfreude einfach überzeugte.

Für das Lied „Wail Bait“ gab es wieder einen Wechsel in der Besetzung, der E-Bass wurde ersetzt durch den Kontrabass, den Christian Frank wie gewohnt beeindruckend spielte. Beim letzten Stück des ersten Sets, „Hymn Of The Orient“, übernahm Klaus Möckelmann das Piano, das großartige Flügelhorn gab dem flotten Stück besonderen Glanz.

Nach der Pause ging es weiter mit dem schnellen „Friday Night At The Cadillac Club“ mit ei­nem stark gespielten Saxofonpart. Mit dem Wechsel der Besetzung für den Titel „Sarah“ übernahm wieder Christian Frank mit dem Kontrabass, und das weiche Spiel des Flügelhorns betonte die ruhige Gestimmtheit der Ballade. Mit dem Standard „My Funny Valentine“ bekam Susan­ne Hwang die erste Gelegenheit, sich mit Gesang in den Abend einzubringen. Dazu merkte Jens Schöwing an, man könne froh sein, Susanne Hwang langsam, aber sicher zum Jazz dazu gewonnen zu haben. Für ihre eigene Interpretation des be­kannten Titels bekam sie viel Beifall, wie auch für “You‘ll See“, das sie mit ausdrucksvoller Stimme eher ruhig und zurückgenommen vortrug. Zum letzten offiziellen Stück des Abends, „Blues Grinder“, waren noch einmal alle Musiker außer Susanne Hwang auf der Bühne. Der nicht enden wollende Applaus der begeisterten Zuhörer machte eine Zugabe uner­lässlich. Ein großartiger Ab­schluss für die Gala des Jazzfestes.

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