Jugendfußball

Karim Bockau und Jonah Hellmers: Auf neuen Wegen

Karim Bockau und Jonah Hellmers spielten jahrelang gemeinsam in Stuhr und sind nun in der B-Jugend-Regionalliga am Ball.
02.04.2020, 16:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup
Karim Bockau und Jonah Hellmers: Auf neuen Wegen

Beim TV Stuhr sind sie nicht mehr aktiv, der Schal durfte aber nicht fehlen: Karim Bockau (links) spielt mittlerweile beim JFV Nordwest, Jonah Hellmers beim SC Borgfeld.

Michael Braunschädel

Das Sportgelände an der Pillauer Straße ist verwaist. Die Anlage des TV Stuhr ist genauso leer gefegt wie die der anderen Sportvereine deutschlandweit. Die drei Fußballplätze sind abgesperrt. Ein unmissverständliches Zeichen: Hier geht nichts mehr. In Zeiten, in denen auch in Stuhr neue sportliche Geschichten nicht geschrieben werden, bleiben in erster Linie Erinnerungen. Davon haben Jonah Hellmers und Karim Bockau an dieser Stätte genügend gesammelt, ehe sie im vergangenen Sommer einen neuen Weg einschlugen.

„Eigentlich haben wir so gut wie alles gewonnen“, sagt Hellmers. Arrogant ist das nicht. Es ist die Wahrheit. Beide haben kaum einen Titel ausgelassen. Der letzte in der Liga war die Bezirksligameisterschaft mit der B-Jugend der JSG Stuhr, der Jugendspielgemeinschaft (JSG), die der TV Stuhr mit der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst von der Saison 2013/14 an bis zum Ende der vergangenen Spielzeit bildeten. Bockau und Hellmers zählten in diesen Jahren ohne Frage zu den größten Talenten dieses Zweckbündnisses. Der eine, Bockau, traf im Sturm, wie er wollte, der andere, Hellmers, legte ihm aus dem Mittelfeld etliche Tore auf. Beide bildeten auf dem Platz ein kaum zu stoppendes Duo. „Fast schon magisch“, sagt Bockau und lacht. Unter Freunden, und das sind die beiden Klassenkameraden, ist Übertreibung durchaus erlaubt.

Allerdings sind die Treffen jenseits der Schule seltener geworden. Bockau spielt für den JFV Nordwest, den Jugendförderverein, zu dem sich der VfB und der VfL Oldenburg zusammengeschlossen haben, während Hellmers für den SC Borgfeld aufläuft. Für beide stand im Sommer fest, dass sie einen Schritt raus machen wollten aus Stuhr, etwas Größeres versuchen wollten. Am liebsten natürlich zusammen. Wie immer. Nur ganz am Anfang ihrer Laufbahn gehörten sie nicht zum selben Team, doch das änderte sich schnell. Beide fanden auch auf dem Feld einen Draht zueinander. Von ungefähr kommt die Einschätzung nicht, dass sich zwei gute Fußballer schnell verstehen und eine Bindung aufbauen. So haben letztlich beide im selben Verein jahrelang voneinander gelernt und profitiert.

Unterschiedliche Vereine, dieselbe Liga

Das ist nun anders. Dabei hatte auch Bockau Kontakt zum SC Borgfeld. Doch dessen Trainer Yimin Ehlers war nicht von ihm überzeugt. „Er hat mir gesagt, dass er auf andere Spielertypen im Sturm setzen will“, hätten seine Einsatzchancen nicht gut gestanden. Dass der Angreifer weiter suchte, wunderte seinen Kumpel dementsprechend nicht. „Es ist ja komisch, wenn wir beide dort hingehen und ich Stammspieler wäre und er auf der Bank säße“, sagt Hellmers. Bockau wäre beinahe in der Region geblieben und beim TuS Sudweyhe gelandet. Doch dann warfen die Oldenburger ihren Hut in den Ring. Bockau überzeugte beim Probetraining. Der JFV wollte ihn haben und der Stürmer sagte zu. Komplett getrennt haben sich die Wege der beiden Talente deshalb nicht: Sie spielen nun beide in der B-Junioren-Regionalliga.

Das bedeutet aber auch: Zweimal pro Saison sind sie nun Gegner. „Es war interessant, mal gegeneinander zu spielen“, findet Bockau. Zweimal war das bereits der Fall. Hellmers auf der einen Seite, Bockau auf der anderen. 90 Minuten keine Freunde. Gut lachen hatte in beiden Partien eigentlich nur der Stürmer: Zum 3:0 seines JFV im Hinspiel steuerte er das 1:0 bei, beim 2:2 im Rückspiel traf er doppelt. „Ich will gar nicht drüber reden“, sagt Hellmers und winkt ab. Für den vom Mittelfeldspieler zum Innenverteidiger umgeschulten 16-Jährigen lief es in den Duellen nicht nach Wunsch: Beim 0:3 wurde er in der Pause ausgewechselt, beim 2:2 musste er im ersten Durchgang zuschauen. An einen Moment können sich beide noch gut erinnern: Als Bockau traf, drehte er sich zur Borgfelder Bank um und sah Hellmers an. Beide mussten grinsen. „Wenn schon einer gegen uns trifft, dann Karim“, nahm es Hellmers sportlich – nur um direkt hinterherzuschieben: „Aber ansonsten gönne ich denen nichts.“ Beide lachen. Ihrer Freundschaft kann es nichts anhaben, dass sie nun in verschiedenen Vereinen spielen. Ganz im Gegenteil: „Wir schreiben nach jedem Spiel miteinander“, verrät Bockau.

Der Schritt raus aus Stuhr hat sich für beide gelohnt. Sie haben eine neue Fußballwelt kennengelernt. In der Regionalliga ist der Fußball schneller, härter, taktisch anspruchsvoller. „Man spürt schon ein bisschen den Druck“, findet Bockau. Ähnlich geht es Hellmers: „Man muss immer voll da sein. Das ist wie ein Teil einer Maschine: Wenn ein Zahnrad nicht richtig greift, funktioniert es nicht“, werden Fehler viel schneller bestraft. Regionalligafußball ist professioneller als das, was beide aus Stuhr kannten. „Das sind verschiedene Welten“, findet Hellmers. Das ist keinerlei abwertend gegenüber dem TV gemeint, das unterstreichen beide Talente. „Wir hatten hier in Stuhr richtig gute Trainer, die uns sehr viel beigebracht haben“, erklären sie unisono. Sie haben nicht vergessen, wo der Grundstein ihrer Laufbahn gelegt wurde. Sie tragen zwar ihre neuen Trainingsanzüge vom SC Borgfeld und dem JFV Nordwest, doch Hellmers hat auch zwei Schals mitgebracht in Rot und Weiß, den Stuhrer Farben. Einen hängt er sich selbst um den Hals, den anderen reicht er Bockau. Die beiden lachen. „Ich glaube, jeder von uns hat irgendwann mal so einen Schal bekommen“, sagt Bockau. Natürlich hat auch er seinen aufbewahrt.

Regelmäßig auf der Anlage

Die Verbindung zum TV Stuhr haben weder er noch Hellmers verloren. „Wir sind noch regelmäßig hier“, verfolgen sie die Partien ihrer ehemaligen Mitspieler, so oft es der Terminkalender zulässt. Beide verbringen am Wochenende allerdings wesentlich mehr Zeit mit dem Regionalligafußball. Der führt sie schließlich zum Hamburger SV, zu Hannover 96, zum VfL Wolfsburg oder zu Holstein Kiel. Große Namen, aber auch längere Anreisen, teilweise stundenlange Busfahrten. Ein Auswärtsspiel nimmt dann schon einmal den ganzen Tag in Anspruch. Daran haben sich die beiden Talente allerdings schnell gewöhnt. Sie genießen vielmehr die Atmosphäre, wenn sie im Schatten der Arenen der Bundesligisten dem Ball hinterherjagen. „Das pusht einen“, spürt Bockau, dass er dann noch ein bisschen mehr aus sich herauskitzeln kann. Eines wissen beide ganz besonders zu schätzen, wie Hellmers erklärt: „In unseren Mannschaften hat einfach jeder Bock auf Fußball.“ Das habe die Integration beiden sehr leicht gemacht. Denn sie ticken nicht anders.

Und wie sieht es mit den langfristigen Plänen der Talente aus? „Ich habe nicht unbedingt den Traum, Fußballprofi werden zu wollen“, verrät Hellmers. Ein bisschen Geld verdienen mit Fußball, das wäre aber schon ganz nett. Bockau dagegen hat durchaus klare Vorstellungen, wohin er will: „Ich träume schon noch von höheren Ligen. Die dritte oder vierte Liga ist mein Anspruch“, sagt er. Dafür muss er sich gegen eine harte Konkurrenz behaupten. Schließlich wollen Tausende Jugendliche hoch hinaus im Fußball. Da braucht es nicht nur Talent, sondern auch Durchhaltevermögen und eine gewisse Portion Glück. Beim TV Stuhr wären sie dagegen sicherlich gesetzt, wenn sie in wenigen Jahren in den Herrenbereich aufrücken. Ein Comeback schließt Hellmers jedenfalls nicht aus. „Das will ich auf jeden Fall irgendwann“, sagt er. Sein Vater Oliver ist im Verein äußerst engagiert und auf allen Kanälen für die Fußballabteilung aktiv ist. Beide verpassen kaum ein Spiel. Hellmers junior kennt die erste Herrenmannschaft, die zur Bezirksliga-Spitzengruppe zählt, quasi aus dem Effeff. „Da sind viele dabei, die seit Jahren gute Leistungen bringen“, sagt er anerkennend. Mit dem einen oder anderen könnte er selbst in Zukunft noch auf dem Platz stehen. Und natürlich mit den Jungs, die er und Bockau für ihr Regionalligaabenteuer erst einmal zurückgelassen haben. „Mit unseren ganzen Freunden hier in der ersten Herren zu spielen, das ist eine coole Vorstellung“, sagt Hellmers. Auch Bockau nickt. Dieser Gedanke gefällt auch ihm, und wenn es nur für die letzten Jahre einer langen Laufbahn auf höherem Niveau wäre. Der TV Stuhr lässt eben beide Talente nicht los.

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