200 „Rudelsänger“ im Stuhrer Rathaus

Karaoke und Langeweile waren gestern

Etwa 200 Besucher, gut gemischt zwischen 30 und weit über 70 Jahre alt, allerdings mit großem Frauenüberschuss, haben beim Rudelsingen im Stuhrer Rathaus mitgemacht.
09.02.2020, 19:23
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Bayer-Thiemig
Karaoke und Langeweile waren gestern

Viel von allem: Mit Applaus und Heiterkeit machten die Sänger am Sonnabend im Stuhrer Rathaus mit und forderten am Ende noch eine Zugabe.

Vasil Dinev

Stuhr. Ausverkauft: Karaoke ist nicht mehr angesagt. Rudelsingen zieht neuerdings die Masse an. So auch am Sonnabend im Stuhrer Rathaussaal. Die Musiker Simon Bröker und Felix Fleischmann gaben dabei die Stimmband-Dompteure, die ihr Publikum von Anfang an im Griff hatten. Mit einem Dauerlächeln im Gesicht und viel guter Laune heizten sie den rund 200 Besuchern ein, lieferten die Musik, das Publikum den Gesang. Das war der Deal an dem Abend.

Die Bühne hell ausgeleuchtet (für die Technik war der 21-jährige Philip Sterrenwerk zuständig), Stehtische, an denen sich die Besucher lehnen und bei Bier, Wein, Cola und anderen Getränken lachen und klönen konnten, machten eine ziemlich lockere Atmosphäre. Das Publikum war gemischt, zwischen 30 und weit über 70 Jahre alt. Es herrschte großer Frauenüberschuss. Musikalische Begabung war kein Muss. Ob jemand den Ton traf, war nicht entscheidend, mitmachen war wichtig. Unnötigen Texthängern wurde vorgesorgt. Mittels Beamer wurden die Inhalte der Songs auf die Leinwand geworfen.

Als Warm-up gab es den Ohrwurm „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens. Es dauerte nicht einmal eine Sekunde und schon sangen alle mit, schunkelten, klatschten im Takt. Mit Songs von Hans Albers über Abba, die Beatles, Udo Jürgens, Nena oder Paul Kuhn bis hin zu Filmmusik wie „Always Look On The Bright Side Of Life“ aus der Komödie „Das Leben des Brian“ verstanden Bröker und Fleischmann, beide aktuell pausierende Lehramtsstudenten und derzeit Vollmusiker, es immer wieder, das Publikum zu mobilisieren, lieferten mit Gitarren und Drums die Basis für die Sängerinnen und Sänger, wobei die beiden im Wechsel die Moderation übernahmen. Die „Vorturner“ gaben alles auf der Bühne, sagten Dinge wie „Könnt ihr noch?“ oder „Seid ihr gut drauf?“ Das Publikum war voll dabei. Dabei mussten sie nur drei Kriterien erfüllen: Spaß haben, im Stehen singen und „wenn wir singen, wird nicht gequatscht“.

Dreimal acht Songs hatten die 30-Jährigen für den Abend vorbereitet. Wichtig waren die Bekanntheit und Singbarkeit der Titel. Bei „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ (Bill Ramsey) oder dem Volkslied „Die Gedanken sind frei“ und „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang kochte die Stimmung im Publikum über, erst recht bei Nenas „99 Luftballons“. Es wurde zünftig Walzer zu „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ (Hans Albers) getanzt. Die Gäste machten mit einem enormen Spaß mit.

Für Mitsänger Helge Schmidt war das auch der Grund, die Veranstaltung zu besuchen: „Ich war schon früher einmal bei solch einem Rudelsingen“, sagt er, „deshalb bin ich auch heute dabei. Die Show reißt einen echt mit.“ Und auch eine weitere Besucherin meinte: „Ich finde es eine tolle Idee, weil man sich die Scheu vorm Singen nimmt. Man muss es nicht können. Hier kann man ein bisschen unbeschwerter sein.“

Das Rudelsingen wurde 2011 von David Rauterberg ins Leben gerufen. Mit der Zeit hat es sich zu einem nationalen Trend entwickelt. Jeden Monat treffen sich bis zu 10 000 Menschen in mehr als 100 Städten in ganz Deutschland, um gemeinsam Hits und Gassenhauer von gestern und heute zu schmettern. Zehn Teams begleiten das Rudelsingen, Bröker und „Flexi“ Fleischmann bilden das Team Nord, sind bis zu zehn Mal im Monat unterwegs.

Und die Fakten liegen auf der Hand: Forschungen haben nachgewiesen, dass das Gehirn schon nach wenigen Minuten Singen erhöhte Anteile von Glückshormonen ausschüttet. Im Gegenzug dazu werden Stresshormone abgebaut. Und Experten sagen: Wer singt, lebt gesünder, ist fröhlicher und empathischer.

Zweieinhalb Stunden gab es im Rathaus etwas um die Ohren und Power pur, auch für die Entertainer auf der Bühne. Unter Applaus gab es als Zugabe Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“. Vielleicht auch mal wieder in Stuhr.

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