Solokonzert von Thorsten Wingenfelder

Lieder voller Geschichten

Mit seiner Band Fury In The Slaughterhouse stand er oft vor großem Publikum. Ganz allein auf der Bühne des Stuhrer Rathaussaals hatte aber selbst Thorsten Wingenfelder mit Lampenfieber zu kämpfen.
01.03.2020, 18:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Bayer-Thiemig
Lieder voller Geschichten

Ein Mann, ein Mikro und viele Instrumente: Thorsten Wingenfelder wechselte immer wieder zwischen Gitarren und E-Piano. Mit seinem Gesang und seinem Gefühl für das Schreiben von Songs schuf er im Stuhrer Rathaus eine ganz persönliche Atmosphäre.

Michael Braunschädel

Stuhr. Fast schon behutsam schlug er seine Gitarre an und sang seine ersten Zeilen. Und trotzdem füllten die Klänge den ganzen Stuhrer Rathaussaal bis zur Tribüne aus. Thorsten Wingenfelder begeisterte von Anfang an und konnte es irgendwie nicht glauben. „Wow“, war wohl sein erstes Wort. Wingenfelder bedankte sich beim Publikum, dass es trotz Verschiebung des Konzertes so zahlreich erschienen war. Ja, die Besucher ließen es sich nicht nehmen: Das Konzert war restlos ausverkauft.

Erst sein viertes Solokonzert

Alle wollten sie den gebürtigen Hannoveraner hören. Gerne auch als Solokünstler, aber sie kannten ihn als Kopf der Band Fury In The Slaughterhouse. Thorsten Wingenfelder hat vor Tausenden von Zuschauern gespielt, die Konzerttourneen haben ihn bis in die USA geführt. 2010 zogen die beiden erfolgreichen Front-Brüder der Band, Kai und Thorsten Wingenfelder, den Stecker, fingen als Duo noch einmal ganz von vorne an. Mit Fury, wie die Gruppe von ihren Fans in der Kurzform genannt wird, war dann doch nicht ganz Schluss. 2017 erlebte die Band wieder eine erfolgreiche Tournee. Seit einiger Zeit ist der Rockmusiker Thorsten Wingenfelder auch alleine unterwegs, präsentiert seine ganz persönliche Sammlung aus der eigenen Westentasche. „Es ist erst mein viertes Solokonzert“, vertraute er den Gästen an. Er wirkte zurückhaltend, erzählte von seiner Aufregung. Was da rüber kam, war ehrlich, voller Emotionen, sensibel, berührbar.

Mal leise, mal laut schuf der 53-Jährige eine fast vertrauliche Atmosphäre. Mehr als zwei Stunden stand der Musiker auf der Rathausbühne und lieferte einen Konzertabend mit besonderen Momenten. Und mit vielen Geschichten. Wingenfelder hatte zu fast allen Songs eine Episode parat, erklärte Hintergründe, formulierte eigene Positionen, auch politische. Unter dem Titel „Storytelling“ sang er Songs, die ihm etwas bedeuten. Wie das „Rette mich wer kann“, ein hilfloser Blick auf die Welt. „Ein bisschen mehr Empathie kann helfen.“ Mit Harp und Gitarre ging es zu „3000 Kisses“, eines der wenigen englischsprachigen Lieder des Abends. Etliche Gitarren und E-Piano standen auf der Rathausbühne, er hat alles eingesetzt. Titel für Titel die Instrumente gewechselt, mit „Zu früh gegangen“ ging er auf den Tod seines Vaters ein, als er selbst erst 14 Jahre alt war. „Früher war alles besser“ richtete, wie der Titel schon vermuten lässt, den Blick zurück. In „Dinge, die wir nicht verstehen“ gab Wingenfelder Einblicke in die Zerbrechlichkeit der Liebe, das Stück „Und wenn du die ganze Welt gesehen hast“ spielte er auch für seinen Sohn.

Die Songs wurden gefeiert, Jubelrufe und jede Menge Applaus heimste der exzellente Musiker ein. Ob Englisch oder Deutsch: Die Texte trafen den Nerv. Nichts gegen Michael Schulte oder Gregor Meyle, deren deutsche Songs oft im Radio zu hören sind. Wingenfelder aber legte eine Reife und Haltung an den Tag, die ihm in der bundesdeutschen Musiklandschaft eine Ausnahmestellung beschert. Der Musiker gab sich fast selbstvergessen seinen Liedern und somit seinen Erinnerungen hin. Irgendwann war es schon so spät, dass der Mann, er trug wie gewohnt einen Hut, ohne überhaupt die Bühne verlassen zu haben, gleich seine Zugaben spielte. „Scherben“ von Daniel Wirtz und „Das Licht dieser Welt“ von Gisbert zu Knyphausen, die einzigen Cover des Abends. Das Event hatte etwas von Wohnzimmerkonzert, nur noch besser.

Auch kleine Gäste sind begeistert

„Das war ein überragender und rundum gelungener Abend mit einer tollen Atmosphäre“, „Es war richtig schön hier, die Stimmung war total super“, freuten sich die Angereisten. Wingenfelder gab sich sehr publikumsnah, lächelte einem kleinen Mädchen in der ersten Reihe zu, holte einen Zehnjährigen auf die Bühne, der sehr textsicher war.

Wingenfelder schloss den Abend mit guten Wünschen, seine Aufregung hätte sich gelegt, so der Künstler. Ein wenig war ihm seine Erleichterung anzumerken. Auf den Wunsch der Besucher, noch etwas aus der Fury-Kiste zu spielen, ging er nicht ein. Musste er auch nicht, es war eben ein Solokonzert. Obwohl? „Time To Wonder“ stammt ja auch aus seiner Feder.

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