Lise-Meitner-Schule Moordeich

Die Frage nach dem Wechselunterricht

Nach mehreren Corona-Fällen an der Lise-Meitner-Schule in Moordeich hat der Schulleiter eigenständig den Unterricht in wechselnden Lerngruppen angeordnet. Das Gesundheitsamt kippte diese Entscheidung jedoch.
26.11.2020, 13:52
Lesedauer: 4 Min
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Die Frage nach dem Wechselunterricht
Von Esther Nöggerath
Die Frage nach dem Wechselunterricht

Die älteren Schüler müssen Mund-Nasen-Schutze tragen und gelten somit nicht automatisch als engere Kontakte.

Matthias Balk/DPA

Stuhr/Landkreis Diepholz. Wenn es an einer Schule zu einem bestätigten Corona-Fall kommt, dann ist die Unsicherheit bei den Beteiligten oft groß. Wieso dann nicht gleich für alle Schüler Homelearning oder zumindest wechselweiser Hybridunterricht eingeführt wird, um weitere Ansteckungen zu vermeiden, ist nicht immer für alle nachvollziehbar. An der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Moordeich, der Lise-Meitner-Schule, sorgte nun ein Wechsel zurück zum Präsenzunterricht für Unverständnis bei den Eltern.

Nachdem dort Anfang vergangener Woche bei einem Sechstklässler eine Infektion nachgewiesen worden war, sind dem Schulleiter zwei Tage später von Eltern zwei zusätzliche Corona-Fälle gemeldet worden, einer von ihnen ging in die selbe Klasse wie der erste bestätigte Fall, der zweite war Bruder eines Kindes dieser sechsten Klasse. Leiter Jürgen Böckmann meldete das auch direkt dem Gesundheitsamt zur weiteren Kontaktermittlung. Doch im Verlauf des weiteren Mittwochnachmittags „kamen noch mehr Meldungen von Eltern, dass Mitschüler, Freunde oder Familienmitglieder Symptome aufwiesen“, erklärt Schulleiter Jürgen Böckmann. Als er deswegen noch am selben Nachmittag mehrfach versuchte, das Gesundheitsamt zu kontaktieren, konnte er jedoch telefonisch dort niemanden erreichen. Also entschied er schließlich, die betroffene Klasse ins Homelearning zu schicken. Außerdem ordnete er für die gesamte Schule das Szenario B mit geteilten Lerngruppen an, weil eine ganze Klasse im Homelearning war und im Ort der Inzidenzwert höher als 100 lag. „Ich hatte im Kopf, dass das Szenario B dann automatisch greift“, erklärt Böckmann.

Das war aber nicht der Fall. „Wenn er niemanden erreicht, kann er natürlich die Klasse nach Hause schicken“, sagt Kreisrätin Ulrike Tammen. Allerdings hätte der Schulleiter nicht das Szenario B anwenden dürfen. „Dafür bedarf es eine Anweisung des Gesundheitsamtes“, erklärt Tammen. Und diese erfolge nur, wenn für eine komplette Klasse eine Quarantäne angeordnet werde und der Inzidenzwert über 100 liegt. Ersteres war an der Lise-Meitner-Schule jedoch nicht der Fall. Am Montagabend führte die Kreisverwaltung entsprechend ein klärendes Gespräch mit Böckmann, woraufhin an der Schule nun seit dieser Woche wieder der reguläre Präsenzunterricht stattfindet.

Die Vorgehensweise der Kreisverwaltung stößt jedoch auf Unverständnis bei einigen Eltern. „Wir wollen natürlich Präsenzunterricht, aber nicht um jeden Preis“, erklärt Birte Leemhuis, Vorsitzende des Schulelternrats an der Lise-Meitner-Schule, die von vielen verärgerten Eltern deswegen angerufen worden ist. Für die Schüler sei die Einführung des Szenarios B eine große Erleichterung gewesen. Die Unsicherheit war groß, insbesondere weil viele der Kinder der betroffenen Klasse auch privat untereinander Kontakte hatten und einige auch erkältet waren. „Bei Schnupfensymptomen weiß man ja auch nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch auch Corona ist“, sagt Leemhuis. „Wir als Eltern waren sehr froh, dass Herr Böckmann entsprechend gehandelt hat. Aus unserer Perspektive ist er vom Gesundheitsamt im Stich gelassen worden.“

Auch in den sozialen Medien haben einige betroffene Eltern ihren Unmut zur Geltung gebracht. „Wir als Eltern sind völlig fassungslos und stehen hinter unserem Schulleiter“, schreibt etwa eine Mutter bei Facebook. „Ich finde es komisch, dass so unterschiedlich gehandelt wird“, erklärt eine andere. Denn an Grundschulen wird gleich bei einem ersten auftretenden Fall die ganze Klasse in Quarantäne geschickt und das Szenario B an der Schule eingeführt.

Das liegt aber daran, dass in den Grundschulen die Schüler keine Mund-Nasen-Schutze im Unterricht tragen und entsprechend alle Mitschüler einer Klasse zu den Kontaktpersonen der Kategorie 1 zählen. „Dort ist einfach eine andere Situation“, erklärt Tammen, die mit Blick auf das Geschehen an der Lise-Meitner-Schule anmerkt: „Das ist blöd gelaufen und führt natürlich auch zu Verunsicherungen an anderen Schulen.“ Aber so etwas passiere eben auch einfach mal im Eifer des Gefechts.

Generell scheiden sich beim Thema Homelearning und Präsenzunterricht in Corona-Zeiten die Geister. Einige Eltern würden es offenbar lieber sehen, wenn frühzeitiger das Szenario B an den Schulen greifen würde. „Gerade bei einer unsicheren Infektionslage würde ich mir an der KGS ab Klasse fünf Wechselunterricht wünschen“, sagt auch Leemhuis. Und auch Tammen hat bemerkt: „Es wird da sehr kontrovers diskutiert.“ Sie sagt aber auch: „Wir haben eine Vorschrift des Landes, an die wir uns halten müssen.“ Und Bund und Länder wollen weiterhin am Präsenzunterricht festhalten, wie aus den neuen Beschlüssen von diesem Mittwoch hervorgeht. Demnach sollen erst in Infektionshotspots mit einem Inzidenzwert über 200 in den älteren Jahrgängen an Schulen weitergehende Vorkehrungen wie etwa Hybridunterricht umgesetzt werden.

Die Kreisrätin sieht derzeit auch keinen Bedarf dafür, die Regelungen an den Schulen im Landkreis Diepholz zu verschärfen. „Infektionsschutzrechtlich ist das tragbar“, sagt Tammen. „Wir sehen da keine Notwendigkeit, das restriktiver zu handhaben.“ Denn auch, wenn es natürlich erst einmal zu Unruhe an einer Schule komme, wenn dort positive Corona-Fälle bekannt werden, handele es sich bei den Infektionen trotz allem noch um eine überschaubare Menge.

„Wir haben keinerlei Erkenntnisse darüber, dass es in Schulen zu Corona-Hotspots kommt“, sagt sie. Das sei in Pflegeeinrichtungen ganz anders. „Wenn wir da einen Fall haben, sind relativ schnell auch weitere 20 oder 30 Personen betroffen“, erklärt Tammen. In Schulen gebe es meist nur vereinzelte Fälle, manchmal auch zwei oder drei. Das haben auch die Massen-Testungen gezeigt, die der Kreis noch vor Kurzem bei einigen Corona-Infektionen an Schulen vorgenommen hat. So haben etwa 454 Abstriche, die Anfang November an Kitas und Schulen genommen worden waren, nur einen positiven Corona-Fall ergeben (wir berichteten).

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